Ein knappes Gut braucht Schonung

Hagen..  „Willst jetzt brav sein oder willst Du wieder ohne Essen ins Bett?“, fragt die Mutter. „Was gibt es denn?“, antwortet der Sohn. Mit diesem alten Willi-Witzig-Comic aus der Westfalenpost erläutert Alfred Endres, Professor für Wirtschaftstheorie an der Fernuniversität Hagen, eines der zentralen Modelle seiner Zunft: den homo oeconomicus, das rational entscheidende Individuum, das Handlungen auf Nutzen und Kosten abwägt.

Diesen Einstieg wählt Endres nicht gegenüber einem besonders begriffsstutzigen Journalisten, sondern vor Fachpublikum, das am Freitagabend zu einer Tagung auf den Hagener Campus gekommen ist, um über „Umweltökonomie im Zeichen des Klimawandels“ zu diskutieren. Alfred Endres ist eben ein etwas ungewöhnlicher Professor. Nicht nur, indem er an seine Jugendzeit anknüpft: Der Zweitplatzierte der deutschen Beat-Meisterschaft von 1967 lässt jetzt wieder seine Blues- und Rockstimme auf Bühnen in der Region röhren. Er ist eben auch ein Wissenschaftler, der komplexe Sachverhalte nicht nur verständlich, sondern auch äußerst unterhaltsam erklären kann.

Ehrungen fürs Lebenswerk

Das ist allerdings nicht der Grund, warum derzeit die Ehrungen auf Alfred Endres niederprasseln. Das hängt mit seinem Ruf als einer der weltweit führenden Umweltökonomen zusammen. Und sicherlich auch ein wenig mit seinem 65. Geburtstag in diesem Jahr. An der Universität Bath, England, ist Endres für sein Lebenswerk geehrt worden. Zu seinen Ehren wird die European Association of Environmental and Resource Economics im Herbst einen Sonderband ihrer wissenschaftlichen Zeitschrift herausgeben. Sein Lehrbuch zur Umweltökonomie ist ein Standardwerk, dessen Übersetzung ins Englische die Volkswagen-Stiftung gefördert hat, weil es „in besonderem Maße dazu geeignet“ sei, das Ansehen der deutschen Wissenschaft in der Welt zu erhöhen“.

Seit 40 Jahren beschäftigt sich Endres mit der Umweltökonomie. Was das ist? „Das, was herauskommt, wenn sich Volkswirte mit Umweltproblemen und Umweltpolitik beschäftigen.“ Genauer? „Ökonomie ist die Wissenschaft von der Knappheit und von der Bewältigung von Knappheitsfolgen.“ Auch die Umwelt sei ein knappes Gut, das aber nicht bezahlt werde: „Deshalb wird es nicht schonend behandelt und effizient bewirtschaftet.“ Ökonomen, die glauben, dass der Markt alles am besten regelt, sprechen von einem „externen Effekt“. Damit der Markt wieder, wie in der Theorie, dem Allgemeinwohl dient, muss der Effekt hinein, der Markt wird repariert. „Das begründet die Umweltökonomie“, sagt Endres. Die Umweltpolitik reagiere mit Auflagen, Abgaben und handelbaren Emissionsrechten. Letztere seien „richtig angewandt ein gutes Instrument, in der Praxis leider pervertiert.“

Keine Weltregierung

Und wie begrenzt man nun den Klimawandel? Wer soll den Markt reparieren? Ein Problem: „Es gibt keine Weltregierung, die eine globale Umweltpolitik anordnen könnte. Da verhandeln souveräne Staaten. Und die Umweltökonomie ist sehr pessimistisch, was die Ergebnisse angeht.“ Der Grund: Auch der Staat wird als ein homo oeconomicus betrachtet. Und wer Klimaschutz betreibt, profitiert davon nur zum einem Bruchteil selbst, Trittbrettfahrer, die gar nichts tun, genau so stark. „Das bremst den Elan enorm“, sagt Endres. „Das ist, wie wenn Sie beim Bäcker ein Brötchen bezahlen, ein winziges Stück selbst bekommen und der Rest an die Leute an der Bushaltestelle verteilt wird.“

Also keine Hoffnung? Man könne auf den technischen Fortschritt setzen, auf bessere Instrumente, auf Werte, auf die „Ungleichheitsaversion“ des Menschen, die Genuss verhindere, wenn es anderen viel schlechter gehe. „Aber wir dürfen nicht in Wunschdenken verfallen“, sagt der Wissenschaftler.

Selbst ist er gar nicht hoffnungslos. Er verlängert seine Amtszeit an der Fernuni um drei Jahre, das Maximum dessen, was das Beamtenrecht für Professoren hergibt.