Ein Anstoß, um zurückzukehren

Hagen..  Die Landbevölkerung ist bei der ärztlichen Versorgung gegenüber den Städtern im Nachteil – das hat gerade erst wieder eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ergeben. Und künftig wird es nicht besser – im Gegenteil. Das besagen alle Prognosen. Was also tun? Als eine Möglichkeit, ärztlichen Nachwuchs zu gewinnen, betrachten nach dem Hochsauerlandkreis nun auch der Märkische Kreis und der Kreis Siegen-Wittgenstein das Medizin-Stipendium. Das bedeutet die finanzielle Förderung von Medizin-Studenten, die sich verpflichten, anschließend fünf Jahre lang im Kreisgebiet zu arbeiten.

In Siegen gab es bereits am ersten Tag die erste Bewerbung – aus Rostock. Kreis-Sprecher Torsten Manges ist optimistisch, die vier zur Verfügung gestellten Plätze besetzen zu können. Die Zielgruppe: Junge Leute aus der Region, die zum Studium weggegangen sind und einen Anstoß brauchen, um zurückzukehren.

500 Euro im Monat

Das entspricht den Erfahrungen im HSK, wo das Projekt bereits 2012 startete. Insgesamt 15 angehende Mediziner, 11 Frauen und vier Männer – so etwa ist inzwischen auch das Verhältnis an den Unis –, werden bis zu vier Jahre lang mit 500 Euro im Monat gefördert. „Ende des Jahres sind die ersten beiden jungen Damen fertig“, sagt Frank Kleine-Nathland, der bei der Kreisverwaltung das Projekt betreut. „Mit beiden haben wir schon Gespräche geführt.“ Die 15 Stipendiaten studieren in Frankfurt, Halle, Tübingen, Rostock, München und Düsseldorf – aber alle kommen aus dem Sauerland oder angrenzenden Regionen. „Alles andere wäre unrealistisch.“

So sieht das auch Volker Schmidt, zuständiger Fachbereichsleiter beim Märkischen Kreis: „Alle bisherigen Bewerber haben einen Bezug zur Region, entweder durch Herkunft, Verwandtschaft oder Freunde.“ Auch wenn eine Kandidatin sich aus Brasilien meldete. Aber nicht alle Interessenten erfüllen die notwendigen Bedingungen, so dass es bislang nur eine erfolgversprechende Bewerbung gibt.

Bis 30. April wäre noch Zeit. Doch man würde auch mit einem Stipendium starten. Bis zu vier im Jahr sind vorgesehen. Schmidt macht sich allerdings keine Illusionen: „Das ist nur ein winziger Baustein, um die ärztliche Versorgung zu verbessern. Wenn wir dadurch eine Diskussion anstoßen – um so besser. Wichtig ist, dass in den Städten und Gemeinden etwas geschieht.“

Was dort geschehen müsste, formuliert Mona Dominas von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe: „Schulen, Verkehrsanbindung, Arbeitsplätze für Lebenspartner – das alles ist wichtig für die Entscheidung, wo man sich niederlässt.“ Das Finanzielle sei da nur ein Teil. Auch die KV trägt dazu bei und fördert Praktika im ländlichen Raum. Wenn die Kreise jetzt etwas versuchten, sei das positiv: „Wir haben perspektivisch Probleme, weil viele Landärzte keine Nachfolger finden.“ Christoph Grabe, Leiter des Fachservices Gesundheit beim Kreis Siegen-Wittgenstein hat Zahlen: „Der Anteil der Hausärzte über 60 Jahre liegt bei uns zwischen 22 und 48 Prozent. In einem Planungsbereich sind bereits ein Viertel der Hausärzte älter als 65 Jahre.“

Mitnahmeeffekte befürchtet

Der Kreis Olpe steht vor ähnlichen Problemen, hält aber nichts von ähnlichen Lösungsansätzen. „Wir bezweifeln die Wirksamkeit eines Medizinstipendiums“, sagt Sprecher Hans-Werner Voss, „das führt eher zu Mitnahmeeffekten“. Man habe die Problematik aber im Blick. Das gilt auch für den Kreis Soest: „Wir prüfen, welche attraktiven Angebote wir Ärzten machen können“, erklärt Sprecher Wilhelm Müschenborn. Ein Medizinstipendium als Möglichkeit will er dabei nicht ausschließen.