Edith Haller singt am Theater Hagen

Edith Haller  und  Hans-Georg Priese in einer Szene der Oper „Jonny spielt auf“ am Theater Hagen.
Edith Haller und Hans-Georg Priese in einer Szene der Oper „Jonny spielt auf“ am Theater Hagen.
Foto: Klaus Lefebvre
Was wir bereits wissen
Hagen zeigt Kreneks Oper „Jonny spielt auf“ als Konflikt zwischen elitärem Kunstideal und Unterhaltung. Mit dabei: Die berühmte Sopranistin Edith Haller

Hagen.. Der Gletscher ist ein Zauberberg erstarrter Kreativität. Wie scharfkantige Eisschollen versperren gefrorene Partituren alter Meisterwerke den Weg auf den Gipfel. Erst eine Stimme lockt den Komponisten Max aus diesen sterilen Kunsthöhen ins pralle Leben. Sie gehört Edith Haller, der phantastischen Sopranistin, die nach Elsa und Sieglinde in Bayreuth nun in Hagen die Anita in Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“ singt.

Kreneks „Jonny“ gilt als erste Jazzoper der Geschichte und ist wenige Jahre nach der erfolgreichen Uraufführung von 1927 von den Nationalsozialisten verboten worden. Allerdings hat der österreichische Komponist in seinem Werk nur das verwendet, was in den Goldenen Zwanzigern als Jazz bezeichnet wurde: also Tänze wie den Foxtrott, die nach und nach aus den USA in die Unterhaltungspaläste Europas einwanderten.

Überraschende Theatererlebnisse

Tatsächlich ist „Jonny spielt auf“ eine Art komponiertes Selbstporträt, eine Oper über die Situation des Musiktheaters nach der Jahrhundertwende auf der Suche nach neuem Material. Die Dreiecksgeschichte zwischen dem weltfremden Komponisten Max, dem eitlen Salongeiger Daniello und der lebenshungrigen Sängerin Anita ist verklemmter Jugendstil, ein Milieu, das der amerikanische Jazzmusiker Jonny kräftig aufmischt.

Regisseur Roman Hovenbitzer und Hagens hervorragender Bühnenbildner Jan Bammes sind ein bewährtes Team, das überraschende Theatererlebnisse garantiert. Hier kombinieren sie das romantische Motiv vom einsamen Berg als Sehnsuchtsort unverstandener Künstler mit Motiven aus den Schwarz-Weiß-Verfilmungen trivialer Heftchenkrimis aus den 1960er Jahren wie Jerry Cottons „Schüsse aus dem Geigenkasten“.

Gletscher als Herausforderung

Der Konflikt zwischen ernster und unterhaltender Kunst wird auf der Drehbühne in eine Vielzahl von Schauplätzen übersetzt. Denn die zahlreichen Verwandlungen zwischen Berg, Hotel und Bahnhof bieten eine Herausforderung für jede Inszenierung, und Jan Bammes greift tief in seine Zauberkiste, um nicht nur den Gletscher zu bauen, sondern auch einen D-Zug in Krimibilder zu übersetzen, während Roman Hovenbitzer das Ensemble inklusive Chor und Emma-Peel-Tänzerinnen taktgenau führt.

Die Rollenbesetzung ist erstklassig. Die Südtirolerin Edith Haller macht mit ihrem großen, strahlenden und immer jung und frisch klingenden Sopran die Anita zu einer Frau, die selbstbewusst genug ist, um ihre Karriere bei aller Liebe keinem Mann unterzuordnen. Die Tenor-Partie des Komponisten Max ist ein Höllenritt, der hohe Töne ebenso verlangt wie Ausdauer und Kraft. Hans-Georg Priese hat all das und kann damit Verschrobenheit, Einsamkeit und Sehnsucht zeigen.

Kenneth Mattice ist mit seinem schönen und gut geführten Bariton ein charmanter Jonny, eine Art David Garrett der Meisterdiebe, ein Vollblutmusikant in goldenen Schuhen. Er stiehlt Daniello seine Geige, und sein Triumph wird zu einem gewaltigen Choral: „Die neue Welt erbt das alte Europa durch den Tanz.“ Wie man auch kleine Rollen mit Persönlichkeit füllen kann, zeigt eindrucksvoll Hagens populärer Bassbariton Rainer Zaun, der als Manager im Leopardenmantel die schrille Schnittstelle zwischen Kunst und Kommerz verkörpert.

Zwischen Romantik und Ragtime

GMD Florian Ludwig setzt mit den engagierten Hagener Philharmonikern Kreneks Partitur sensibel zwischen Spätromantik, Volkslied, Ragtime und Moderne um, und man hört bei diesem Dirigat stimmig, wie genau die Protagonisten instrumental gezeichnet sind. Der treibende Rhythmus der damals in der Oper noch ungebräuchlichen Schlaginstrumente verortet den „Jonny“ wirkungsvoll in einer Umbruchzeit. Die Frage, welche Seite die bessere ist, der Elfenbein-Turm oder die kommerzorientierte Unterhaltung, lässt der Komponist wohlweislich ebenso offen wie die Hagener Inszenierung.

Das Medieninteresse an der Premiere war gewaltig, bedingt durch die Neugier, was eine so berühmte Sängerin wie Edith Haller am kleinen Theater Hagen macht. Die Frage ist leicht beantwortet: Edith Haller ist die Schwester der jungen Sopranistin Veronika Haller, die in Hagen ihr Bühnensprungbrett findet. Die Premiere war nicht ausverkauft; „Jonny spielt auf“ ist ein Stück, das sich durch Mundpropaganda füllen wird.

www.theaterhagen.de