Dreidimensional unterschätzt
22.02.2012 | 18:24 Uhr 2012-02-22T18:24:00+0100Siegen.Als „Becher-Häuser“ sind sie weltweit bekannt. Die Bilder der Arbeiterwohnhäuser des Siegener Industriegebiets, die das international renommierte Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher in den 60er und 70er Jahren machte, hängen im MoMA in New York, in der Londoner Tate Modern, in Tokio. Zweidimensional. Als geschätzte Kunstwerke.
Während die realen dreidimensionalen Häuser, die zwischen 1870 und 1920 entstanden sind, die es einzig in und 30 Kilometer um Siegen gibt, von denen noch mehrere tausend stehen, weder bei den Siegener Bürgern noch bei internationalen Kunstfreunden hoch im Kurs stehen.
Aber das soll sich ändern: Karl Kiem, Professor für Baugeschichte und Denkmalpflege am Fachbereich Architektur und Städtebau der Universität Siegen, hat mit seinen Studenten ein Forschungsprojekt begonnen, dessen Ziel eine Baugeschichte dieses ganz speziellen Typs von Fachwerkhaus ist. Denn noch ist über Entwicklung, Verbreitung, Grundrissbildung, Fassadengestaltung und Fachwerkkonstruktion wenig bekannt.
„Riegelloses Fachwerk“ ist der wissenschaftliche Terminus. Der „Riegel“ ist der Querbalken, der in den „Ständer“ , den vertikalen Balken, eingefügt wird. Und bei dem schlichten Siegerländer Typus, der stets zweistöckig ist, recht schmal und auf einem Steinsockel ruht, fehlen diese Riegel. „Man hat versucht, Holz einzusparen“, meint Kiem. Im Siegerland sei dieser Prozess besonders weit gegangen, weil das Holz in der Eisenindustrie gebraucht wurde.
„Die Konstruktion hat nur dünne und wenige Streben, eine Bims-Ausmauerung trägt mit“, erklärt Kiem. Hier sei ein optmiertes System entstanden, das immerhin 50 Jahre lang gebaut wurde, aber dennoch handwerklich hergestellt worden sei, betont Kiem: „Alle Häuser unterscheiden sich leicht voneinander. Vorgefertigte Elemente wurden erst in den 1930er Jahren entwickelt.“ Das ist schon ein Ergebnis der Forschungen. Bisher hatte man eine frühe Fertighaustechnik vermutet.
Das berühmte Fotobuch der Bechers ist 1977 erschienen. Seitdem hat sich an den Häusern, die teils beim Bau, teils viel später verschiefert wurden, einiges verändert: „Fenster und Türen waren der einzige Schmuck“, sagt Kiem. „Und der ist jetzt meist weg.“ Dabei seien doppelverglaste Holzfenster dicht wie moderne Kunststofffenster. Wärmedämmung sei schon ein Problem: „Wenn außen ein Pullover drauf kommt, ist die Eleganz hin, dann sind die Proportionen weg.“ Doch es gebe neue, alternative Methoden der Innendämmung: „Wir hoffen auf ein beispielhaftes Projekt“, meint Kiem.
Was ist denn mit dem Denkmalschutz? „Da haben wir das Problem der großen Zahl“, betont der Architektur-Professor, „außerdem fehlen tolle Schnörkel: Da haben keine Könige drin gewohnt.“ Auch wenn die Siegerländer Arbeiterhäuser deutlich größer sind als entsprechende Siedlungen im Ruhrgebiet.
Kiem hofft darauf, dass bei der Bevölkerung das Bewusstsein für den Wert der Häuser steigt. In einigen Jahren werde das sicher der Fall sein. Aber dann sind viele vielleicht schon weg. Wie im April zwei von den Bechers fotografierte Bauten an der Eiserfelder Straße: Sie müssen der Erweiterung eines Lidl-Marktes weichen. Aber wenigstens droht hier nicht die Abrissbirne: „Wir können beim kontrollierten Abbau genau studieren, wie die Zapfen aussehen, wie die Schwellen verbunden und die Decken aufgebaut sind“, zeigt sich der Bauhistoriker dankbar. „Das wird eine Arbeit wie in der Pathologie.“
Kiem sieht auch touristisches Potenzial: „Wer sich die Fotos im Siegener Museum für Gegenwartskunst anschaut, könnte doch auch zu den Originalen pilgern.“ Da ist er im Gespräch mit dem Stadtmarketing. Doch eine Vorliebe für Abbilder hat auch er. Allerdings für dreidimensionale. Mit seinen Studenten hat der Professor kleine Modelle gebaut. Wer es nachmachen will, findet eine Bastelvorlage unter http://www.prof-karl-kiem.de/Willkommen/Aktuell.html
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