Doppelt so viele kleine Patienten

Hagen..  Er habe überhaupt keine Zeit zu plaudern, macht Stephan Mönninghoff, Kinderarzt in Hagen, von vornherein klar, dass das Gespräch kurz sein muss. Schließlich kommen derzeit jeden Tag 120 Kinder in seine Praxis. Doppelt so viele wie in „normalen“ Zeiten. Bis 17 Uhr dauert die Sprechstunde offiziell. Tatsächlich aber kann das Praxisteam zurzeit nicht vor 19.15 Uhr Feierabend machen.

„Die Kinder sind richtig krank“, so Mönninghoff. Die Kleinen seien besonders betroffen, aber auch die Älteren. Halbe Schulklassen fehlten im Unterricht, so Mönninghoff. Wie so oft im Winterhalbjahr. Die letzte jahreszeitlich bedingte Erkrankungswelle habe es in Hagen im September 2013 gegeben, blickt der Kinderarzt zurück.

Sie könnte in den kommenden tollen Tagen noch stärker werden, vermutet Gisbert Breuckmann, Allgemeinmediziner aus Freienohl und im Bezirk Arnsberg Vorsitzender der Ärztekammer. Eine „geringfügig bis moderat“ erhöhte Zahl von Atemwegserkrankungen verzeichnet die Arbeitsgemeinschaft Influenza beim Berliner Robert-Koch-Institut noch für den Raum Südwestfalen. Doch für die Woche nach Karneval erwartet Breuckmann merklich steigende Patientenzahlen.

Zumal sich in diesem Winter deutlich weniger Patienten gegen die Virusgrippe impfen ließen als in vergangenen Jahren: Gisbert Breuckmann verzeichnet eine „gewisse Impfmüdigkeit“ in der Region. Berichte darüber, dass der Impfstoff nur begrenzt wirksam sei, könnten dabei eine Rolle gespielt haben, überlegt er. „Dennoch ist die Impfung immer noch besser als gar kein Schutz“, mahnt Breuckmann. Im Übrigen könnten andere grippale Infekte, also schwere Erkältungskrankheiten, nach einer Grippeschutzimpfung milder verlaufen

Alle Termine ausgebucht

Vor allem im Ruhrgebiet, wo Hochbetrieb in den Praxen herrscht, klagen Ärzte derzeit über schwere Krankheitsverläufe. Gegen Mittag hat sich der Trubel in der Essener Kinderarztpraxis von Engelbert Kölker wieder gelegt. Am Morgen sah das noch ganz anders aus, ab acht Uhr herrschte hier Hochbetrieb, eine halbe Stunde später waren sämtliche Termine für den Tag ausgebucht, wer keinen mehr bekommen hat, kam trotzdem.

„Wir haben zu dieser Zeit täglich etwa 50 Prozent mehr zu tun als üblich“, berichtet der Arzt. In diesem Jahr sei die Anzahl der Betroffenen sogar überdurchschnittlich hoch, die Fiebertage haben sich laut Arzt sogar von durschnittlich drei auf vier Tage erhöht.

Notdienst im Kindergarten

Zu spüren bekommen das auch die Kitas im Ruhrgebiet. Astrid Schult, Leiterin der Kita „Trotzköpfe“ in Essen, musste in der vergangenen Woche sogar den Elterndienst für Notfälle einsetzen: „Letzten Freitag konnten krankheitsbedingt nur noch drei von neun Erzieherinnen arbeiten, da mussten wir einfach die Eltern miteinbeziehen. Einige Eltern haben ihre Kinder auch zu Hause gelassen. Nicht, weil sie krank waren, sondern um unser Personal zu entlasten.“

Im Waldorf-Kindergarten in Oberhausen hat der Virus ebenfalls zugeschlagen. „Von unseren zehn Mitarbeiterinnen haben sich aktuell fünf krank geschrieben“, berichtet Erzieherin Sarah Wittich. „Wir versuchen uns gegenseitig so gut es eben geht unter die Arme zu greifen, aber Aktivitäten außerhalb des normalen Betreuungsangebots sind da kaum drin. Vertretungen gibt es keine.“ Ganz ähnlich sieht die Situation in der Kita „Gänseblume“ in Bochum aus, in der momentan vier der insgesamt sieben Vollzeitkräfte die Betreuung von 7 bis 16.30 Uhr aufrechterhalten. „So ein Ausfall fällt schon ins Gewicht. Die gesunden Kolleginnen versuchen – teils mit Überstunden – die Arbeit aufzufangen.“