Die Suche nach dem richtigen Mittel gegen resistente Keime

Erreger, gegen die Antibiotika nichts mehr helfen, bereiten vor allem in Kliniken bei der Behandlung von Patienten Probleme. Wie sich die Keime bekämpfen lassen, daran arbeitet derzeit auch die Europäische Union.
Erreger, gegen die Antibiotika nichts mehr helfen, bereiten vor allem in Kliniken bei der Behandlung von Patienten Probleme. Wie sich die Keime bekämpfen lassen, daran arbeitet derzeit auch die Europäische Union.
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Was wir bereits wissen
Der EU-Abgeordnete Peter Liese (CDU) kämpft in Brüssel dafür, dass sich Reserveantibiotika nicht auch noch abnutzen.

Südwestfalen.. Er hat seine Route geändert. Wenn Alfred Schlüter heute spazieren geht, macht er einen weiten Bogen um den Hähnchenmastbetrieb 500 Meter von seinem Haus in Rüthen-Kneblinghausen entfernt. Ein zweiter Hähnchenmaststall soll dort nämlich errichtet werden. Annähernd 70 000 Tiere werden – nach seinen Angaben – dann dort gehalten. Eine Gefahr für die ­Gesundheit, fürchtet zumindest Alfred Schlüter.

Er sorgt sich, dass die Masthähnchen Bakterien übertragen könnten, gegen die Antibiotika nichts mehr helfen. Denn Hähnchen- und Putenfleisch sind Studien zufolge besonders häufig mit resistenten Keimen belastet. Wenn auch die meisten Erreger allein durch Kontakt übertragen werden, könnten einige sich auch über die Luft verbreiten, fürchtet Schlüter. „Es gibt darüber noch keine gesicherten Erkenntnisse“, sagt er.

Klinikkeime Kein Einzelfall in Südwestfalen: In Meschede-Schederberge, einer 45-Einwohner-Siedlung, beunruhigt die Menschen ein geplanter Putenmastbetrieb. „7,10 Meter vom nächsten Wohnhaus entfernt“, rechnet Daniel Heinz von der Interessengemeinschaft vor. Er hat erlebt, wie ein entfernter Bekannter an der Infektion durch einen multiresistenten Keim gestorben ist. Er weiß, welche Gedanken sich Krebspatienten im Ort machen. Auch Alfred Schlüter kann von einem Freund erzählen, der nach einer Infektion monatelang in Kliniken behandelt werden musste. Dennoch will er nicht über die Landwirte schimpfen, die wirtschaftlich arbeiten müssten.

Liese kämpft in Brüssel gegen Reserveantibiotika

„Es müssen Lösungen gefunden werden, die für die Landwirte machbar sind, aber das Problem angehen“, sagt auch der südwest­fälische EU-Abgeordnete Peter Liese (CDU). In Brüssel kämpft er dafür, dass Reserveantibiotika künftig nicht mehr in der Landwirtschaft eingesetzt werden dürfen, so dass sie nicht auch zum stumpfen Schwert werden. Denn es sind die letzten Mittel, die Leben retten können, wenn kein anderes hilft.

Arzneimittel Zunächst einmal wäre es aber wichtig, dass auch in anderen EU-Ländern Regeln die Bürger schützen, die in Deutschland längst gelten, fordert Liese. Dass also die Gabe von Antibiotika in der Tiermast systematisch überwacht und dokumentiert wird. Und dass Landwirte, die überdurchschnittlich viele Antibiotika einsetzen, den Verbrauch reduzieren müssen. „Das ist in Deutschland bereits der Fall“, so Liese. „Aber es ist nur recht und billig für die deutschen Landwirte, wenn die Bauern in anderen EU-Ländern ähnlich strikte Regeln einhalten müssen“, sagt der EU-Abgeordnete.

Pharmaindustrie in Europa zum Umdenken bewegen

Aus der Welt schaffen lassen sich die bereits vorhandenen resistenten Erreger damit allerdings nicht mehr, räumt Liese ein. Nun überlegt er, wie man die Pharmaunternehmen in Europa dazu bewegen kann, an neuen, wirksamen Medikamenten zu forschen. Das Geschäft ist bisher für die Industrie kaum rentabel, weil die Kosten mit etwa einer Milliarde Euro hoch sind, die Medikamente am Ende aber nur selten eingesetzt werden. Vielleicht müsse die EU die Kosten übernehmen, um dann von den Firmen das Mittel zu bekommen und für den Ernstfall unter Verschluss zu halten. Bisher nur eine Überlegung, gewiss aber sei: „Es muss etwas passieren.“