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Landärzte

Stimmung bei Hausärzten auf dem Land ist schlecht wie nie

04.11.2012 | 17:23 Uhr
Stimmung bei Hausärzten auf dem Land ist schlecht wie nie
Hausbesuche sind wichtig. Aber viele Landärzte können sie wegen der Entfernungen und der schlechten Bezahlung kaum noch machen.Foto: Getty

Witten/Herdecke.  Die Stimmung unter Hausärzten in ländlichen Gebieten ist schlecht wie nie zuvor - das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Uni Witten/Herdecke. Die Forscher haben Hausärzte auf dem Land befragt. Die finden schwer Nachfolger. Um die Versorgung zu sichern, müssen Einzelkämpfer sich umstellen.

Noch funktioniert die hausärztliche Versorgung der ländlichen Bevölkerung in NRW. Aber die Lage spitzt sich zu: Einerseits werden die Patienten älter und kränker, andererseits finden ältere Landärzte keine Nachfolger. Um das Niveau zu sichern, sind deshalb neue Strategien nötig: Pflegedienstmitarbeiter und Medizinische Fachangestellte (MFA, die früheren Sprechstundenhilfen) könnten die Hausärzte entlassen, doch dazu müssten diese sich massiv umstellen. Das sind einige Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt der Universität Witten/Herdecke zur Zukunft der hausärztlichen Versorgung.

Der Lehrstuhl für Allgemeinmedizin und Familienmedizin hat dazu unter Leitung von Dr. Vera Kalitzkus Hausärzte, MFA und Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste in zwei ländlichen Regionen in NRW ausführlich befragt. Das herausstechende Ergebnis: Die Stimmung ist so schlecht wie nie zuvor.

Unzufrieden mit der Vergütung, nicht genügend anerkannt

Die Hausärzte sind unzufrieden mit ihrer Vergütung, sehen sich im Vergleich zu anderen medizinischen Disziplinen nicht genügend anerkannt, fühlen sich durch die zunehmende Zahl von Patienten mit vielen unterschiedlichen Erkrankungen und den steigenden Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand belastet. Dennoch betont Vera Kalitzkus: „Keiner der Ärzte möchte in einem anderen Beruf arbeiten. Die Tätigkeit selbst macht Freude, die Anerkennung im Dorf befriedigt. Das müssen wir künftig wohl noch stärker betonen, um Nachwuchs für die Tätigkeit auf dem Land zu gewinnen.“

Die Klagen der Hausärzte sind nicht neu: Für den Patientenkontakt bleibt zu wenig Zeit. Hausbesuche sind wegen mangelnder Vergütung nur noch im Notfall möglich, obwohl sie gerade in psychologischer Hinsicht einen hohen therapeutischen Wert haben. Krankenhäuser entlassen Patienten zu schnell und zu früh. Kalitzkus nennt als weitere Belastungen einen gestiegenen Beratungsbedarf der Patienten und das Auseinanderbrechen der Drei-Generationen-Familienstruktur, die früher viele Probleme aufgefangen habe. Und bei den regionalen Standortfaktoren müsse man neben der Ärztedichte auch die Entfernungen zu Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sowie die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln bedenken. Ein Wunsch der Ärzte ist deshalb, dass die Kassen Taxifahrten zum Arzt bezahlen.

Es fehlt die Entlastung

Und wie sieht es mit der Entlastung durch andere Gesundheitsberufe aus? Die sehen die Ärzte skeptisch: Es herrsche Mangel an Pflegepersonal, dessen Ausbildung sei oft schlecht, dazu kämen häufig noch Sprachprobleme. Und die eigenen Angestellten? „Die Hausärzte sind meist Einzelkämpfer“, sagt Gesundheitsexpertin Kalitzkus. „Sie sind gewohnt, alles selbst zu machen, sich nur auf ihr eigenes Urteil zu verlassen.“ Aber alleine schafften sie es eben nicht mehr lange: „Die Chance im ländlichen Bereich liegt im Potenzial, dass eine MFA durch ihre lokale Einbindung und den guten Kontakt zu den Patienten und ihren Familien mitbringt.“ Dazu seien allerdings Veränderungen in der Praxis-Organisation erforderlich sowie bei der Bewertung und Bezahlung des Berufs. Dies gelte ähnlich für die Pflegedienstmitarbeiter, die wie die Ärzte über Zeitmangel klagen, die aber besser ausgebildet werden müssten.

Fazit der Wittener Untersuchung: Ohne mehr Kooperation geht es nicht. Aber damit die zustande komme, müsse sich auch das ärztliche Selbstbild ändern.

Lebensumfeld der Patienten im Blick haben

Die Ergebnisse dieser Untersuchung passen gut zu einem Schwerpunkt, den die private Universität derzeit aufbaut: Familienmedizin. Das Stichwort steht dafür, dass Ärzte das Lebensumfeld ihrer Patienten mit im Blick haben. „Das soll wieder mehr ins Bewusstsein“, sagt Vera Kalitzkus. „Der Hausarzt hat als Familienbegleiter eine Bedeutung für die soziale Stabilität.“ Diese Funktion des beschützenden, stützenden Arztes werde durch Hausbesuche gestärkt und sei in größeren Versorgungszentren gefährdet. Für Kalitzkus geht es um die „Fähigkeit des umfassenden Blicks“, die Wichtigkeit des Gesprächs: „Das bekommt zu wenig Wertschätzung - auch finanziell.“

Ganz wie es die Hausärzte auf dem Land betonen. Und finanziell könne sich das auch positiv auswirken, meint Kalitzkus: „Wenn der Patient gründlich angehört und informiert wird, steht er nicht gleich wieder in der Praxis oder rennt zum Spezialisten.“ Auch die Zufriedenheit auf Arztseite sei viel höher, wenn der ganze Patient gesehen werde, nicht nur seine Laborwerte. Wenn sich das erst herumspricht, klappt es vielleicht auch auf dem Land besser.

Harald Ries

Kommentare
06.11.2012
00:11
Stimmung bei Hausärzten auf dem Land ist schlecht wie nie
von Juelicher | #2

Vor kurzem druckte der Stern auch eine Grafik des Steuerberaterbundes bzgl. der durchschnittlichen Umsatzaufteilung von Hausarztpraxen. Der Gewinn vor Steuern betrug mehr als 200.000 Euro - dies waren übrigens mehr als das Doppelte der gesamten Ausgaben für das angestellte Personal. Wenn ich hier schon wieder lese, man könne keine Hausbesuche mehr machen, weil man diese nicht ausreichend bezahlt bekäme, werde ich richtig ärgerlich. Die ärztlichen Einnahmen eintsprechen einer Mischkalkulation, die insgesamt ein hohes Einkommen ermöglicht.
Man stelle sich einmal vor, ein Handwerksmeister würde seine - gegenüber einem Hausbesuch weit aufwendigeren - Angebote nur gegen Bezahlung übersenden. Er könnte seinen Laden gleich zumachen, weil kein Kunde dazu bereit wäre. Diese Kosten finden sich in der gesamten Kostenstruktur des Handwerkers wieder. Genauso ist es beim Mediziner.
Mediziner, die ihren Beruf heute nur noch aus Status- u. Einkommensgründen erwählen, wollen kein Landarzt sein.

05.11.2012
12:10
Stimmung bei Hausärzten auf dem Land ist schlecht wie nie
von Alex9 | #1

Hausärzte auf dem Land, die darüber lamentieren, dass sie nur schwer einen Nachfolger finden? Dabei geht es doch vor allem darum, dass die Kassenzulassung samt Praxis möglichst teuer verkauft werden soll. Und ein Kaufpreis lässt sich immer nur dann erzielen, wenn der Gewinn den kalkulatorischen Unternehmerlohns für Ärzte von 100.000 Euro im Jahr überschreitet. Es kann aber nicht sein, dass Honorare erhöht werden, um Verkaufswerte für Kassenzulassungen aufzublasen und für eine luxuriöse Altersversorgung der alten Ärzte zu sorgen, während junge Ärzte jahrelang Kredite abzahlen müssen. Wenn sich nicht genug Ärzte auf dem Land finden, werden sie in den Städten offensichtlich zu gut bezahlt und das kann man korrigieren.

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