Die Schattenseite des schönen Wetters

Hagen..  Grüne Farbstreifen auf der A 445 zwischen der Anschlussstelle Wickede und der Abfahrt Neheim in Fahrtrichtung Brilon erinnern an dramatische Sekunden, die das Leben einer Familie aus Bergkamen abrupt veränderten. Sie erinnern an den vergangenen Sonntagnachmittag, an einen Tag, an dem strahlend blauer Himmel Motorradfahrer auf die Straßen lockte. An diesem Tag prallte kurz vor der Abfahrt Neheim die Suzuki eines 54-Jährigen aus noch ungeklärter Ursache gegen die Mittelplanke. Der Fahrer starb, sein 17-jähriger Sohn wurde schwer verletzt mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen.

„Nach wie vor ist zu schnelles Fahren die häufigste Unfallursache“, berichtet Ludger Rath von der Kreispolizeibehörde des Hochsauerlandkreises. Er kennt die Rennstrecken der Region. Die Hellefelder Höhe (B236 nahe Schmallenberg) oder den Hirschberger Weg (L856 bei Meschede) um nur zwei von vielen zu nennen.

„Die kurvigen Strecken im HSK stellen selbst für professionelle Biker eine Herausforderung dar“, so Rath. Auswärtigen Motorradfahrern empfiehlt er das Sauerland-Roadbook mit den zehn schönsten Touren für Touristen auf zwei Rädern. Nicht ganz uneigennützig. Immerhin blieben die Biker dann auf den Hauptstraßen und würden nicht auf den weniger gut ausgebauten Nebenstrecken ihr Können demonstrieren. Dass der Ochsenkopf (L685) bei Sundern, der bei Motorradfahrern weit über die Landesgrenze hinaus als Biker-Paradies beliebt ist, am Wochenende gesperrt ist, begrüßt Rath. „Das hat sich ausgezahlt. Weniger Unfälle, weniger Tote.“ Zurzeit diskutiere man, ob die L687 rund um den Sorpesee gesperrt werde.

Lob für die Unfallkommissionen

Mit einer Mär rechnet Rath ab: Motorrad- und nicht Pkw-Fahrer seien oft Unfallverursacher. „Die Zahlen im HSK sind eindeutig: 80 Prozent der Motorradfahrer tragen eine Schuld.“

Dietmar Trust von der Kreispolizeibehörde Ennepe-Ruhr weiß, wie wichtig Aufklärungsarbeit und Abschreckung ist. Überall in der Region hätten sich am Wochenende Polizei und Biker zum Saisonauftakt ausgetauscht. So auch beim Biker-Treffen an der Glörtalsperre.

Ulrich Hanki vom Polizeipräsidium Hagen ist froh, dass Hagen keine Biker-Stadt ist: „In den letzten drei Jahren gab es hier keinen tödlichen Unfall.“ Die Straßenverkehrsunfallkommissionen würden in Südwestfalen gute Arbeit leisten.

Stefanie Wiener, Leiterin der Hagener Verkehrsabteilung, hört dies gern. Sie weist darauf hin, dass man jeden Unfall unter die Lupe nehme und gegebenenfalls reagiere. Temporäre Motorradverbote wie etwa am Schälk zwischen Letmathe und Schwerte gehörten ebenso dazu wie Fahrbahnschwellen.

Laut Georg Baum setze die Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein erfolgreich auf Platzverbote. So auch auf der B62. Stephan Ommer von der Kreispolizeibehörde Olpe klagt über die „neuen technischen Möglichkeiten“, die den Kampf gegen Raser erschwerten. „Motorradfahrer warnen per WhatsApp vor der nächsten Geschwindigkeitskontrolle. Die Biker weichen dann auf andere Strecken aus.“

Ein Patentrezept gegen Motorradunfälle hat auch Straßen NRW nicht. Immer öfters setzt der Landesbetrieb auf Rüttelstreifen. 2014 wurden Abschnitte auf der L856 bei Hirschberg, der L707 bei Herscheid und der L687 bei Rönkhausen damit „entschärft“. „Nach über zehn Jahren Erfahrung zeigt sich, dass auf Abschnitten mit Rüttelstreifen die Unfallzahlen zurückgehen“, so Winfried Pudenz, Hauptgeschäftsführer von Straßen NRW.

Schutzplanken haben sich bewährt

Bewährt haben sich laut Pudenz auch Schutzplanken, die mit einem Unterfahrschutz ausgerüstet sind, damit die Verletzungen der Fahrer bei einem Sturz und einem Durchrutschen möglichst gering ausfallen. Fast 60 Kilometer Bundes- und Landesstraßen sind auf diese Weise bereits sicherer geworden, vor allem auf Zweiradstrecken im Sauer- und Siegerland.

Michael Wilczynski aus Schwerte ist Biker mit Leib und Seele. Ihn ärgert die „Verkehrspolitik vor allem im Hochsauerlandkreis tierisch“. Dem Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes der Motorradfahrer (BVDM) fällt dazu ein Wort ein, das er dutzende Male wiederholt: „Ungerecht!“ Ja, das seien Straßensperrungen. Durch „die unfairen Maßnahmen“ werde kein Leben gerettet, so der Schwerter. „Motorradfahrer, die Rasen wollen, rasen dann halt woanders in den Tod.“