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Leser-Aktion

Die Kunst des Knicksens und Schreitens als ein Theater-Erlebnis der ganz persönlichen Art

21.05.2012 | 21:11 Uhr
Die Kunst des Knicksens und Schreitens als ein Theater-Erlebnis der ganz persönlichen Art
Den halben Reifrock nennt man Panier. Marilyn Bennett und Lydia Lückermann führen vor, wie sich die Bewegung darin ändert. Foto: Michael Kleinrensing

Hagen. Zu einem erfolgreichen Opernauftritt gehört viel mehr als eine schöne, ausgebildete Stimme. Die Gewinner unserer Leser-Aktion „Eine Stunde mit“ haben jetzt von der Mezzosopranistin Marilyn Bennett im Theater Hagen gelernt, wie komplex Musik und Bewegung zusammenspielen müssen, um Bühnenpräsenz zu erzeugen. Die beliebte Solistin sorgte mit profunder Professionalität, bezauberndem Charme und viel Humor dafür, dass unsere Leser einen Einblick in die Werkstatt Oper erhalten konnten.

„Wenn es einfach aussieht, haben wir unseren Job gemacht, und ich mache meinen Job gerne“, erzählt Marilyn Bennett. Einmal pro Woche gab es an der Royal Academy of Music in London, wo die Engländerin studiert hat, Bewegungsunterricht. Dabei lernte sie, dass Kostüme, Tanz und Architektur historisch eng verbunden sind.

Noch heute zum Beispiel sinken die Bühnenkünstlerinnen, die das beherrschen, beim Applaus in jenen Knicks, der im Barock erfunden wurde, um den König zu ehren – und mit dem man nach wie vor Queen Elizabeth begegnet. Die ex-trem breiten Röcke, die seinerzeit in Mode waren, haben seine Ausführung geprägt – und der Wunsch, beim Knicksen möglichst viel Dekolleté zu zeigen. Marilyn Bennett trainiert das mit den Lesern: „Der linke Fuß geht nach rechts, der rechte Fuß nach hinten, dann runter. Nicht den Popo rausstrecken, niemand will diesen Popo sehen, der Rücken bleibt gerade.“

Rossinis „La Cenerentola“ war die Inszenierung, in der Marilyn Bennett als Angelina zum ersten Mal in ihrem Leben einen schweren Reifrock aus Samt trug. „Ich komme auf die Bühne, und es ist wie die Golden Gate Bridge: Der Rock fängt an zu pendeln, weiter und weiter, man hat überhaupt keine Kontrolle mehr.“ Dagegen wappnet sich die Sängerin mit der Technik des Schreitens, auch das will gelernt sein, wie unsere Leser beim Ausprobieren erfahren: „Was wir auf der Bühne machen, darf nicht selbstverständlich sein. Die Körpersprache muss stimmen, wenn die Show funktionieren soll.“

„Wie sind Sie am Anfang mit Fehlern umgegangen?“, will Dunja Fricke aus Menden wissen. „Fehler passieren, aber selbst, wenn ich heute Fehler mache, ist das immer noch schrecklich. Unser Ziel ist es, die Sache hundertprozentig zu machen.“

Körpersprache meint für den Opernsänger etwas anderes als für den Schauspieler, denn der Sänger agiert in der musikalischen Zeit. „Das erste, was ich bei einem Konzeptionsgespräch mit der Regie wissen möchte, ist: Welche Schuhe habe ich an, flache, hohe, bin ich barfuß? Dann kann ich bereits bei der ersten Probe entsprechende anziehen. Der Regisseur führt die Personen, aber es ist unser Teil, den richtigen Gang zu finden.“

Eines der großen Geheimnisse besteht darin, stets offen auf die Bühne zu gehen, den Körper immer dem Publikum zugewandt zu halten. Marilyn Bennett übt das mit den Teilnehmern. „Man muss lernen, wie das geht, damit es nicht linkisch wirkt. Gleichzeitig muss man singen. Viele Leute können nicht gleichzeitig laufen und singen.“ Michaela Kuhlmann aus Gevelsberg fragt: „Proben Sie mit der Videokamera?“ „Nein, da besteht die Gefahr, dass man zu sehr verkrampft“, antwortet Marilyn Bennett. „Aber gerade, wenn man noch Student ist, braucht man jemanden, der einem sagt, wenn man etwa die Hände wie tote Fische hält.“

Beim Konzert gelten übrigens andere Regeln als in der Oper. „Nicht zu viel Fleisch“, lautet der goldene Ratschlag für die Kirche. Und noch eines ist ganz wichtig: „Die korrekte Unterwäsche ist das A und O. Sie darf sich niemals unter dem Kleid abzeichnen.“

„Warum kommen Regisseure auf die lebensfremde Idee, dass Opernsänger auf dem Boden liegen müssen“, fragt Claus Karst aus Hemer. „Ich wundere mich auch“, meint Marilyn Bennett. „Meine ganze Karriere lang bin ich praktisch in jeder Inszenierung auf dem Boden gelandet.“

Wie sich Bewegung und Musik so vereinen können, dass daraus Bühnenkunst wird, zeigt Marilyn Bennett mit „Sad is that woman’s lot“ aus der Operette „Patience“ von Gilbert & Sullivan über den Kampf gegen das Alter, begleitet von Malte Kühn am Klavier. Hier zaubert die gefeierte Sängerin zu Schluss sogar noch Gebissklappern in ihren Vortrag. Die Teilnehmer sind hingerissen.

Für den Alltag hat Marilyn Bennett ebenfalls Tipps parat, zum Beispiel für das damenhafte Sitzen: „Eine Lady darf die Knie nicht spreizen. Die Fußgelenke sind überkreuz, die Knie zusammen. Deshalb arbeiten wir schon bei den Proben im Rock. Man darf die Beine übereinanderschlagen, aber nicht, wenn man die Matthäuspassion macht.“

Monika Willer



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