Die Droge mit Zerstör-Potenzial

Eine der vielen bedrückenden Szenen aus dem jüngsten „Borowski-Tatort“ aus Kiel: Rita Holbeck (Elisa Schlott) und Mike Nickel (Joel Basman) beim Crystal-Meth-Konsum.
Eine der vielen bedrückenden Szenen aus dem jüngsten „Borowski-Tatort“ aus Kiel: Rita Holbeck (Elisa Schlott) und Mike Nickel (Joel Basman) beim Crystal-Meth-Konsum.
Foto: Foto:NDR/Christine Schröder
Was wir bereits wissen
Es waren bedrückende Bilder, die der ARD-Tatort am Sonntag transportierte. Sie zeigten junge Menschen, schwer gezeichnet vom Crystal-Meth-Konsum. Die ebenfalls bedrückende Botschaft: Die Modedroge hat mittlerweile auch ländliche Regionen erreicht.

Hagen.. Es waren bedrückende Bilder, die der ARD-Tatort am Sonntag transportierte. Sie zeigten junge Menschen, schwer gezeichnet vom Crystal-Meth-Konsum. Die ebenfalls bedrückende Botschaft: Die Modedroge hat mittlerweile auch ländliche Regionen erreicht. Etwa in Südwestfalen? Eine Umfrage gibt fürs Erste vorsichtig Entwarnung.

„Uns ist noch kein Fall untergekommen“, sagt Ludger Rath von der Polizei des Hochsauerlandkreises. „Gott sei Dank“, schiebt er hinterher. Die Berichte über die „Horror- und Billigdroge“ mit den verheerenden Folgen – von der Psychose bis zum körperlichen Verfall – haben vielerorts Spuren hinterlassen. Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren in Hamm spricht von einer Substanz, „die mit ihrem Wirkmechanismus gut in unsere Leistungsgesellschaft passt – beruflich wie privat.“ Man wolle immer leistungsfähiger sein und immer länger durchhalten ­können.

Die Suchtberatungen der AWO in Siegen und der Caritas in Olpe sowie die Anonyme Drogenberatung in Menden (Drobs) mussten sich noch nicht im größeren Stil des Problems annehmen. „Sehr vereinzelt wurde uns von Konsum-Tests berichtet“, so Drobs-Sozialarbeiter Thomas Zimmermann. Für ihn hat die Medienberichterstattung – u.a. mit Schockbildern – abschreckende Wirkung gezeigt. „Es wurde gesagt: ,Das ist nichts für uns, weil es zu heftig ist’.“

Damit sie präventiv tätig werden können, haben die Mitarbeiter der Beratungsstelle Fortbildungen zu der Modedroge besucht. Es sei ganz wichtig, dass Fachleute mit jungen Leuten – z.B. in Schulen – ins Gespräch kommen. „Heranwachsende müssen darüber aufgeklärt werden, welch gefährliche Sachen es sind, die ihnen womöglich irgendwann angeboten werden.“

Hans-Peter Bernshausen vom Diakonischen Werk Wittgenstein ist im vergangenen halben Jahr auf drei junge Menschen getroffen, die Crystal probiert haben – ohne auf einen Dauerkonsum übergegangen zu sein. Er erinnert sich an die Sorgen vor 20 Jahren, dass sich die Droge Crack in der Region breit macht. „Das ist nicht passiert“, sagt er, „das muss aber nicht heißen, dass es bei Crystal ähnlich ist.“

Das „Tatort“-Team beraten

Uwe Wicha hat das „Tatort“-Team bei der „Borowski“-Folge beraten. In seiner Fachklinik „Alte Flugschule“ im Erzgebirge werden derzeit ausschließlich Crystal-Meth-Abhängige behandelt. Die Modedroge werde „langsam, aber sicher“ von deutsch-tschechischen Grenzregionen über Großstädte weiter in die Fläche verbreitet, so der Sozialarbeiter, der einst in Altena arbeitete. „Es ist aber nicht so, dass ganze Landstriche überschwemmt sind.“

Keine große Hürde mehr

Crystal Meth bediene einen Teil der Jugendkultur, sagt er: „Den Bereich Party und Spaß.“ Das Gefährliche seien das hohe Abhängigkeitspotenzial und das frühe Einstiegsalter. „Früher wurde auch mit Drogen experimentiert, aber es bestand ein Riesenrespekt vor Heroin. Heute scheint es beim Übergang von Alkohol und Cannabis zu Crystal Meth keine große Hürde mehr zu geben.“

Es gebe keine Hinweise, so Wicha, dass die stetige Zunahme der Zahl an Crystal-Konsumenten in den kommenden Monaten abbricht. „Im Gegenteil. Es werden weitere Regionen hinzukommen.“