Die bewegten Dörfer

Hagen/Münster..  Was haben langhaarige Akademiker, die in den 70er und 80er Jahren nach alternativen Lebensformen suchten, im ländlichen Raum bewirkt? So hätte die zentrale Frage wohl provokant gelautet, wenn sich im ­Liudgerhaus in Münster ausschließlich Soziologen mit der Protestkultur jenseits der Großstädte wie Berlin, Frankfurt oder München auseinandergesetzt hätten. Wenn aber Historiker tagen, wird daraus die „Neue soziale Bewegung in der Provinz (1970 - 1990)“. Wie auch immer, die Protestkultur in dieser Zeit auf dem Land und in den Kleinstädten ist laut Tagungsorganisatorin Dr. Julia Paulus vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte kaum untersucht. „Die Forschung hat zwar in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien zu den neuen sozialen Bewegungen vor dem Hintergrund der 68er-Revolte hervorgebracht. Dabei spielt das ländliche Umfeld eine völlig unzureichende Rolle.“

Elf Historiker und ein Soziologe folgten dem Ruf des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, um mit ihren Beiträgen diese Wissenslücke aus der Zeit der Demonstrationen gegen Atomwaffen und der Hausbesetzungen „ein klein wenig zu schließen“. Die Ergebnisse der Tagung stellte Julia Paulus dieser Zeitung zur Verfügung.

Jugendzentren spielten eine Rolle

Demnach kann man als Ausgangspunkt für die Protestbewegungen auf dem Land „die Schere im Kopf“ der Akteure bezeichnen. Bei den Protagonisten stand Provinz zum einen für Sicherheit, zum anderen für Enge, erläutert die wissenschaftliche Referentin. Aus dieser Spannung habe man sich den Schwung für den Protest geholt.

Ein Fazit der Tagung lautete: Die Bewegungen in der Provinz grenzten sich deutlich von denen in der Großstadt, wo Studenten gegen die Bildungsbenachteiligung zu Dauersitzstreiks aufriefen, ab. Der ländliche Raum wurde zum eigenen Experimentierraum. Dabei spielten vor allem die Jugendzentren in den Dörfern und Kleinstädten eine wesentlich größere Rolle als in den Metropolen.

Der Historiker David Templin: „Die Jugendzentren trugen aufgrund ihrer flächendeckenden Präsenz maßgeblich zur Herausbildung eines links-alternativen Milieus und somit zur kulturellen Urbanisierung des ländlichen Raums bei.“ Mehr als die 68er hätten die Jugendzentrumbewegungen in der Provinz den politisch-kulturellen Aufbruch bedeutet.

Konkret mündeten die Initiativen auf dem Land in neu aufkommenden Wirtschaftsformen wie der ökologischen Landwirtschaft. Als Beispiel nennt Historikerin Eva Wonneberger das Allgäu. Dort hatten in den 70er Jahren „langhaarige Akademiker“ Höfe übernommen, um mit „Pflug und Ochs“ ein anderes Leben zu leben.

Missionarischer Eifer

Dass die Bewegung im Allgäu erfolgreich war, habe mit den Menschen vor Ort zu tun, erklärt Paulus: „Die Akteure haben Verbündete gefunden. Die Bevölkerung, halbe Schwaben, erkannte schnell, dass man mit ökologischer Landwirtschaft Geld verdienen kann.“ Die Bioproduktion sei im Allgäu mittlerweile ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Paulus: „All das, entsprungen aus einem Kotten Langhaariger, die gegen die traditionelle Landwirtschaft protestiert haben.“

In Westfalen hingegen, so Julia Paulus, „waren auf dem Land mehr Protagonisten mit missionarischem Eifer unterwegs“. Die Akademiker, die zurück in die Heimat drängten, hätten mit mehr oder weniger Erfolg versucht, durch Aufklärung Reformen herbeizuführen.

Die Tagungsteilnehmer waren sich einig, dass die Protestkulturen im ländlichen Raum nicht allein durch den Gegensatz von Tradition und Moderne zu erklären sind. Tatsächlich sei aus den ursprünglich aus den Städten ausgehenden Bewegungen auf dem Land etwas Neues entstanden. Etwas, das letztlich auch seinen Beitrag zur Pluralisierung der Gesellschaft beitrug und somit die Kluft in den Köpfen zwischen Menschen in der Stadt und auf dem Land verringert hat.