Der volkreiche Kalvarienberg

Ausschnitt aus dem Gemälde „Der Volkreiche Kalvarienberg“ des Geseker Malers Gert van Lon. Das Bild ist um 1500 entstanden und befindet sich im Diözesanmuseum Paderborn.
Ausschnitt aus dem Gemälde „Der Volkreiche Kalvarienberg“ des Geseker Malers Gert van Lon. Das Bild ist um 1500 entstanden und befindet sich im Diözesanmuseum Paderborn.
Foto: Erzbischöfliches Diözesanmuseum Paderborn, Foto: Ansgar Hoffmann
Was wir bereits wissen
Der Geseker Maler Gert van Lon setzt die Passion in seinem Gemälde „Der volkreiche Kalvarienberg“ mit vielen Akteuren ins Bild.

Hagen.. Die Passion zählt zu den größten Herausforderungen für die mittelalterlichen Maler. Einerseits müssen sie das komplexe und schier unbegreifliche biblische Geschehen für Betrachter übersetzen, die in der Regel weder lesen noch schreiben können. Andererseits ist es ihre Aufgabe, die Heilsgeschichte auch zu interpretieren. Zu den beliebtesten Darstellungs-Typen des Leidensweges Christi gehört der sogenannte volkreiche Kalvarienberg. Der westfälische Meister Gert van Lon, der um 1465 in Geseke geboren wurde, hat seine „Kreuzigung im Gedräng“ sogar als Simultanerzählung entworfen: Alles passiert gleichzeitig.

Der reuige und der böse Schächer

Im Mittelpunkt steht der gekreuzigte Heiland, flankiert von dem reuigen und dem bösen Schächer. Links sehen wir Ereignisse, die dem Kreuzestod vorausgehen. Veronika reckt in einer Gruppe von Gläubigen das Schweißtuch wie ein Beweismittel in die Höhe. Simon von Cyrene hilft dem Heiland beim Tragen. Die Schergen umringen Jesus und halten Marterwerkzeuge in den Händen.

Die rechte Bildhälfte zeigt dann den auferstandenen Christus, wie er in die Vorhölle hinabsteigt und den ersten Menschen Adam und Eva begegnet, die flammenumhüllt und von Teufeln bewacht auf die Erlösung hoffen. Ganz im rechten Hintergrund legt Gert van Lon die Noli-me-tangere-Szene an: Der Auferstandene trifft Maria Magdalena, die ihn für einen Gärtner hält.

Das Gemälde gehört zu den Schätzen des Diözesanmuseums Paderborn. „Gert van Lon war ein Schüler des Meisters von Liesborn und ein ausgeprägt bodenständiger Künstler“, erläutert Prof. Dr. Christoph Stiegemann, der in Warstein geborene Direktor des Hauses. „Er war in der Region gut vernetzt und ist der letzte Spätgotiker Westfalens vor der Reformation.“

Die Hölle vor Augen

Im Mittelpunkt einer Passion steht natürlich die Kreuzigung. Gert van Lon inszeniert sie wie ein Theaterstück. Der gute Schächer blickt den Menschensohn an, während der böse den Kopf abwendet und die Hölle vor Augen hat. Der bekehrte Hauptmann hebt die Hand und deutet mit ihr auf den Gekreuzigten: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“, steht auf dem Schriftband über seinem Zeigefinger. Stephaton wiederum befindet sich rechts vom Kreuz. Der römische Soldat hält eine Lanze im Arm. Von einem Kriegsknecht lässt er sich Essig in ein Henkelgefäß gießen, um anschließend den Schwamm darin zu tränken.

Unter dem Kreuz zieht die Gottesmutter das Interesse auf sich. Maria gleitet ohnmächtig zu Boden; Johannes und Maria Magdalena stützen sie.

Manteltuch und Schleier

Es lohnt sich immer, die Marien auf Passionsdarstellungen genau zu untersuchen, sind doch ihre Kopfbedeckungen mit Schleier und Manteltuch zu Vorbildern für die Nonnentracht geworden. Die Mutter Jesu trägt Kinnbinde (Gebende) und Rise, wie es sich für eine verheiratete Frau gehört. Über einem fast sakral anmutenden Kleid hat sie den faltenreichen blauen Mantel der späteren Himmelskönigin geschlungen. „Blau ist die kostbarste Farbe, weil man zu ihrer Herstellung Lapislazuli braucht“, so Prof. Stiegemann. Maria Magdalena ist die einzige Frau auf dem Gemälde, die Dekolleté zeigt. Ihre Kinnbinde schmiegt sich lose um den Rand des pelzverbrämten Umhangs und den Ausschnitt des goldfarbenen Gewandes.

Maria Kleophas und Maria Salome sind auf Passionsdarstellungen meistens schwer zu unterscheiden. Doch üblicherweise wird Maria Kleophas als fromme Frau mit schlichtem Leinenschleier und über den Kopf gezogenem Manteltuch dargestellt. Deshalb darf man vermuten, dass auch bei Gert van Lon die rechte, dem Kreuz nähere Jüngerin die Kleophas ist. Maria Salome dagegen ist wie Maria Magdalena mit einer aus üppigen Stoffbahnen turbanartig gewickelten Haube kostümiert – der Maler schildert das heilige Geschehen in der Modesprache seiner Zeit.

Theologisches Geheimnis

Neben diesem Reichtum an Details birgt die „Kreuzigung im Gedräng“ ein theologisches Geheimnis. Denn dem Beobachter wird nicht entgehen, dass Christus als handelnde Person nie direkt aus dem Gemälde blickt. „Der einzige Moment, wo Jesus einen wirklich anschaut, ist vom Schweißtuch der Veronika“, erläutert Christoph Stiegemann. „Das ist ein Hinweis darauf, welche Bedeutung das Bild hat, das wahre Bild, das Konzept der vera ikon.“

Das Schweißtuch der Veronika ist das Urbild des Glaubens. Stiegemann: „Vom Gottmensch kann sich der Gläubige mit Fug und Recht Bilder machen. Es gibt nicht das einzig wahre. Durch viele Bilder hindurch schaut er den Gottessohn. Die Freiheit der Kunst im Christentum ist nur möglich vor diesem Hintergrund.“