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„Der Barbier von Sevilla“ in Wuppertal zwischen Witz und Weisheit

21.10.2012 | 16:14 Uhr
„Der Barbier von Sevilla“ in Wuppertal zwischen Witz und Weisheit
Elena Fink und Thomas Laske in einer Szene des Wuppertaler „Barbiers“.Foto: Oper Wuppertal / Sonja Rothweiler

Wuppertal.   Die Wuppertaler Oper zeigt Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ in einer wirklich zauberhaft leichtfüßigen Inszenierung. Opernintendanten Johannes Weigand hört wirklich auf die Musik und führt sein Personal taktgenau über die Bühne. Verschiedene Farbräume und knallbunte Kostüme sorgen für Unbeschwertheit.

Rossinis „Barbier von Sevilla“ ist die geistreichste Komödie der Opernliteratur. Doch nur wenigen Regisseuren gelingt es, den Stoff derart charmant und leichtfüßig zu inszenieren wie dem Wuppertaler Opernintendanten Johannes Weigand. Sänger und Musiker stürzen sich voller Begeisterung in das Rossini-Abenteuer, und das Publikum applaudiert – wie in Wuppertal üblich – glücklich nach jeder Arie.

In Don Basilios Verleumdungsarie schnurrt das Orchester regelrecht vor Wonne. Die Bässe brummen wie bösartige Hornissen, um die unaufhaltsame Lawine eines einmal in die Welt gesetzten Gerüchtes zu illustrieren. Dirigent Florian Frannek legt die „Barbier“-Partitur schlank, knackig und trotzdem luzide an – und zeigt damit, wie sich Erkenntnisse der Historischen Aufführungspraxis erfolgreich auf ein modernes Orchester umsetzen lassen, ohne, dass es gequält wirkt. Das berühmte Figaro-Motiv ist bewusst im „alla turca“-Stil gehalten, ein weiteres Beispiel dafür, wie farbenprächtig und ideenreich der Musikalische Oberleiter der Wuppertaler Oper mit dem Notentext umgehen kann.

Schattenkampf

Korrespondierend geschickt ist die Personenführung der Regie. Weigand hört wirklich auf die Musik und führt sein Personal taktgenau über die Bühne – und mehr noch, es gelingt ihm immer wieder, das Zusammenspiel von Choreographie und Orchesterklang zu nutzen, um selbst im strengen Korsett der Koloraturarie Charaktere zu zeichnen. Don Basilio ( Martin Js. Ohu) zum Beispiel führt in der Verleumdungsarie einen kunstvollen Schattenkampf. Und Figaro zupft Rosina in ihrem Duett die Augenbrauen, so dass ihre Spitzentöne wie kleine Aufschreie daherkommen, wenn die Pinzette ziept.

Weigand stellt mit seinem Team die Geschichte in Farbräume. Vier verschiebbare Wände bilden die einzigen Kulissenelemente – und das reicht völlig aus. Verschiedene Lichtstimmungen unterfüttern die Handlung psychologisch und sorgen mit den knallbunten Kostümen gleichzeitig für jene zauberhafte Unbeschwertheit, die die ganze Inszenierung auszeichnet.

Das Publikum hat viel zu lachen, doch der Witz kommt voller Esprit daher, nicht als Klamauk. Doktor Bartolo, der sein junges Mündel Rosina heiraten will, ist ein alter Bock mit angeklatschten Haaren, Kassenbrille und Altherrenschirm, den er mit wütenden Ausfallschritten wie eine Waffe einsetzt. Der Begriff des Hagestolzes auf Freiersfüßen erhält dadurch eine sinnige Deutung. Dariusz Machej ist nicht ganz die Idealbesetzung für den Bartolo, denn sein Bass ist ein wenig zu schwer für diese cantable Rolle.

Männerphantasie

Elena Fink ist als Rosina eine bonbonrosa Männerphantasie. Die Haare, die Figaro auf dem Kopf fehlen, hat sie auf den Zähnen. Sie singt die vielen Koloraturen mit ebenso geschmeidigem wie strahlenden Sopran.

Nathan Northrup gestaltet als Zweitbesetzung den verliebten Grafen Almaviva mit anfangs noch recht unsicherem Tenor. Für den beliebten Wuppertaler Bariton Thomas Laske ist der Figaro natürlich eine Paraderolle. Doch Laske spielt keinen Friseur mit Overkill, sondern einen Figaro, der mitunter eher wie ein trauriger, glatzköpfiger Clown anmutet. Darstellerisch wirft sich der Sänger nur so in die Aufgabe; stimmlich musste er sich zum ersten Mal in seiner Wuppertaler Karriere erkältungsbedingt ansagen lassen; und dennoch gibt er seinem Figaro lyrische Glanzlichter und aufregende Attacken zwischen Witz und Weisheit.

Die Komödie besitzt jedoch auch Potenzial zur Verstörung, das arbeitet Johannes Weigand im ersten Finale heraus. Die Wände wackeln, die Personen sind sich ihrer selbst nicht mehr gewiss, die Ordnung ist erschüttert. Diese große Szene mit ihren Vortäuschungen geht weit über die opernüblichen chaotischen Verwechslungs-Finale hinaus, und Weigand legt in ihr die Seelen der Protagonisten hinter ihren Rollen bloß.

Wieder am 25. Oktober, 4., 8., 10. November. Karten: 0202 / 5637666 Internet: www.wuppertaler-buehnen.de

Monika Willer


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