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Hirnforschung

Der analoge Weg auf die Hirnhöhen

02.10.2012 | 21:11 Uhr
Der analoge Weg auf die Hirnhöhen

Arnsberg.   Der Psychiater und Bestseller-Autor (Digitale Demenz) Prof. Dr. Manfred Spitzer sprach im Arnsberger Kulturzentrum darüber, wie das Gehirn lernt. Er will aus den Ergebnissen der Hirnforschung Handlungsanleitungen für Pädagogen entwickeln. Und er tut dies kurzweilig und unterhaltsam.

Prof. Dr. Manfred Spitzer ist Psychiater und Bestseller-Autor. Letzteres wurde bei seinem gestrigen Auftritt in Arnsberg deutlicher.

Der große Saal im Kulturzentrum der Stadt war voll. Das dürfte am jüngsten Streich des Ulmers gelegen haben: „Digitale Demenz. Wir wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ heißt die Anti-Computer-Polemik, die sich glänzend an besorgte Eltern verkauft, aber wegen ihrer grob gestrickten Einseitigkeit zumindest umstritten ist. Aber Spitzer ist ja populärwissenschaftlich unterwegs. Da muss man vereinfachen. Und unterhalten. Beides beherrscht der 54-Jährige glänzend.

Aber über sein neues Buch möchte er gar nicht sprechen in Arnsberg. Sagt er. Sondern darüber, wie das Gehirn lernt. Er will aus den Ergebnissen der Hirnforschung Handlungsanleitungen für Pädagogen entwickeln. Und für alle anderen Menschen, die zum Beispiel Angst vor Alzheimer haben: „Je besser das Gehirn funktioniert, desto später macht sich Alzheimer bemerkbar“, sagt Spitzer. „Das ist, wie wenn ein Gewichtheber Muskelschwund bekommt.“ Demenz heiße geistiger Abstieg. „Und bei jedem Abstieg kommt es darauf an, von welcher Höhe Sie absteigen.“

Wie also gelangt man hinauf in die Hirnhöhen? Indem man das Hirn benutzt. „Sie haben nicht ein Gehirn, Sie sind Ihr Gehirn“, erklärt der Digital-Kritiker. „Bei dessen Transplantation wären Sie lieber Spender als Empfänger.“ Kleiner Scherz am Rande. Jetzt aber ernsthaft: „Lernen ist das Herstellen neuer Verknüpfungen von Nervenzellen. Bildung entsteht durch Verknüpfungen im Gehirn, die dadurch entstehen, dass Sie es benutzen.“ Aber das geschieht auch durch Bewegung, Begreifen hängt mit Greifen zusammen, es geht um das Zusammenwirken der Sinne.

Spitzer: „Die Zahlen kommen über die Finger ins Hirn. Wenn Sie viele Fingerspiele machen, werden Sie gut in Mathematik. Wenn die Laptops in den Kindergarten einziehen, bleibt die Motorik zurück, und Sie benutzen nur noch einen Teil ihres Gehirns.“

Damit sind wir beim Thema. Nein, er sei nicht gegen Computer, sagt Spitzer. Er hat selbst einen dabei. Aber damit die nächste Generation gut mit dem Computer umgehen könne, brauche sie Vorwissen. Weniger Fakten als Zusammenhänge. „Und was sie googeln, können Sie sich schon deshalb schlechter merken, weil Sie es jederzeit googeln können.“ Wieviel hängenbleibe, hänge davon ab, wie der Stoff im Hirn bewegt werde, von der Menge der beteiligten Synapsen und „nicht davon, wie lange Sie draufstarren“. Deshalb sei der alte Zettelkasten besser als Wikipedia. Deshalb könne soziales Lernen nicht über Facebook erfolgen. „Das geht maßlos schief“, warnt Spitzer. „Wenn Sie erwachsen sind, dürfen Sie Facebook gerne nutzen.“ Und Google. Obwohl auch später noch Gefahren lauern: „Das Navi im Auto lässt die Orientierungsfähigkeit des Hirns schrumpfen. Und die verschwindet bei Alzheimer als erstes.“

Aber in erster Linie geht es dem medienerfahrenen Medienskeptiker um die Kinder. Und auch um die nicht ganz so neuen Medien. Fernsehen macht dumm? Natürlich. Vor allem im Vor- und Grundschulalter: „Schüler, die vor dem Unterricht Comics schauen, statt zu frühstücken, sind wie Marathonläufer, die sich in beide Knie schießen.“ Und noch ein Tipp zu Weihnachten: „Wenn Sie eine Playstation verschenken, verschenken Sie schlechte Noten und Schulprobleme.“

Die Botschaft ist klar. Sie kommt an. Und ganz falsch ist sie bestimmt nicht. Aber wahrscheinlich auch nicht ganz richtig.

Harald Ries


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