Den jungen Leuten Sicherheit geben

Jahresempfang der IHK Siegen in der Siegener Siegerlandhalle; Gastredner Franz Müntefering. Im Bild: (v.l.n.r.) Felix G. Hensel (IHK-Präsident), Franz Müntefering, Klaus Gräbener (IHK Hauptgeschäftsführer) und Rupprecht Kemper (Geschäftsführer Gebr. Kemper, Olpe).
Jahresempfang der IHK Siegen in der Siegener Siegerlandhalle; Gastredner Franz Müntefering. Im Bild: (v.l.n.r.) Felix G. Hensel (IHK-Präsident), Franz Müntefering, Klaus Gräbener (IHK Hauptgeschäftsführer) und Rupprecht Kemper (Geschäftsführer Gebr. Kemper, Olpe).
Foto: MATTHIAS GRABEN
Was wir bereits wissen
Franz Müntefering mahnt Unternehmer beim Jahresempfang der IHK Siegen, weniger auf befristete Beschäftigungsverhältnisse zu setzen

Siegen..  Ohne politische Ämter im Rücken und mit der Weisheit des Alters gesegnet plaudern Politiker am entspanntesten. Dieses Metier beherrscht Franz Müntefering inzwischen im Schlaf. Der gerade 75 Jahre jung gewordene Elder Statesman trat beim Jahresempfang der IHK Siegen gestern Abend in der Siegerlandhalle auf, als sei er einem Jungbrunnen entsprungen, als sei er beim Vortrag vor 1400 Zuhörern erst in seinem Element.

Wenn so einer sagt, auf aktuelle Tagespolitik wolle er nicht mehr eingehen - IHK-Präsident Felix G. Hensel hatte zuvor ausführlich die Wünsche der Unternehmer an die Politik dargelegt - dann kann man davon ausgehen, dass da noch etwas kommt. Und so wurde aus ein paar mit Lust vorgebrachten Anmerkungen eine ernst zu nehmende Rede zur Identität einer Region im Wandel, die die anwesenden Unternehmer nicht schonte.

Im Mittelpunkt stand eine Sorge: Südwestfalen - Müntefering stammt aus Sundern - ist zwar eine prosperierende Industrieregion mit in der Mehrzahl inhabergeführten Familienbetrieben und eine der stärksten Deutschlands dazu, aber die langfristigen Perspektiven sind unterdurchschnittlich - die Region wird schneller schrumpfen als andere, wenn sich nichts ändert. Gutes Marketing kann den Prozess vielleicht aufhalten, aber nicht stoppen.

Aus der Seele gesprochen

Aber womöglich lässt sich ja doch etwas ändern. „Eltern wollen für ihre Kinder das beste“, sagt der frühere Vizekanzler. „Und das sind Abitur und Studium.“ Und danach sind sie weg. „Die duale Ausbildung hier ist auch erstklassig“, setzt Müntefering hinzu. „Mindestens so gut wie ein Bachelor-Abschluss.“ Großer Beifall im Saal, das sprach den Unternehmern aus der Seele. Und 50 000 junge Leute zwischen 20 und 30 im Jahr ohne jeden Abschluss zeigten, „dass unser Land hier nicht gut aufgestellt ist.“ Kopfnicken im Saal. AbDann nimmt der alte Fuchs die Unternehmer an die Kandare - auf liebevolle und charmante Art: „Nicht jedes kleine Unternehmen ist in der Lage, seine Personalentwicklung selbst zu planen. Kann es nicht eine Perspektive sein, das gemeinsam zu machen? Die Delle liegt ja noch vor uns.“ Und er fragt nach dem weiteren Funktionieren von Dienstleistungsberufen, Pflegern, Lehrern, der Polizei unter diesen Vorzeichen. Die Politik kann sich eben nicht allein um die Unternehmen kümmern.

Zu wenig Kinder

Eines ist allen klar. Die schrumpfende Bevölkerung in Südwestfalen hat etwas damit zu tun, dass zu wenig Kinder geboren werden. „Man muss den jungen Leuten Sicherheit geben“, fordert Müntefering. „Das ist die Grundlage für die Zukunft der Region.“ Die Kommunen müssten kinderfreundlicher werden, Angebote vorhalten und die Unternehmer seien gut beraten, Dauer-Praktika und befristete Beschäftigungsverhältnisse einzuschränken. Sigmar Gabriel als Redner hätte es nicht charmanter formulieren können.