Debatte um Tierwohl entzweit Bauern und Verbraucher

Was darf ein Stück Fleisch kosten? Der Preisdruck auf die Landwirte ist gewaltig.
Was darf ein Stück Fleisch kosten? Der Preisdruck auf die Landwirte ist gewaltig.
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Was wir bereits wissen
Verbraucher kritisieren immer stärker die Bedingungen unter denen ihre Schnitzel entstehen. Die Bauern fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Südwestfalen.. Zwischen den Erzeugern von Rindersteaks, Schweineschnitzeln und Hähnchenschenkeln und den Verbrauchern stimmt die Chemie schon lange nicht mehr. Die einen kritisieren immer schärfer die Bedingungen, unter denen Millionen Rinder, Schweine und Hühner gehalten werden, die anderen verweisen auf den Preisdruck, zu wenig Information bei den Konsumenten und fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Es scheint, als redeten die Beteiligten in unterschiedlichen Sprachen.

Milchpreis Dabei geht es um so unappetitliche Dinge wie das Schreddern von männlichen Küken, das Kastrieren von Schweinen ohne Betäubung, das Kupieren ihrer Schwänze und natürlich um Platz und Auslauf für jedes Tier. Nicht nur das ist Thema auf dem Deutschen Bauerntag in Erfurt, sondern auch der auf rund 30 Cent pro Liter gesunkene Erzeugerpreis für Milch. Vor Jahren gab es deswegen Großdemos. Heute wollen vor der Erfurter Messe rund 1600 Bauern mit ihren Traktoren darauf aufmerksam machen. Und, sicherlich auch Diskussionsthema, aber kein offizieller Tagesordnungspunkt: Kommt der Regen der vergangenen Tage rechtzeitig, um die Ernte zu retten?

Verbrauchervertrauen

Tierschutz im gut gemeinten Sinne vieler Fleischesser trifft bei manchem Landwirt in Südwestfalen einen empfindlichen Nerv. „Ich sehe auch manche Dinge kritisch, aber man muss die Tiere auch vor sich selbst schützen“, sagt Ulrich Brinkmann, Ackerbauer (Raps, Weizen, Gerste) und Schweinehalter aus Iserlohn-Kalthof. Schweine gehen sich gegenseitig an die Ringelschwänze, knabbern sie an, Puten verletzen sich mit ihren Schnäbeln.

Brinkmann unterstützt daher die „Initiative Tierwohl“, die von den Landwirten gemeinsam mit dem Handel ins Leben gerufen wurde. Supermarktketten und Discounter zahlen den Plänen zufolge 4 Cent pro verkauftes Kilo Schweine- und Geflügelfleisch in einen Fonds. 255 Millionen Euro sollen so bis 2017 eingesammelt werden, mit denen die Halter für bessere Bedingungen in den Ställen sorgen sollen. „Da müssen mehr Beteiligte ins Boot, etwa die Gastronomiebranche, aber der Verbraucher muss auch bereit sein, mehr zu zahlen“, meint Brinkmann.

„Freilauf für Nutztiere wird honoriert, aber niemand weiß, wer für das Tierwohl bezahlen soll. Das läuft auf die Landwirte zu“, meint Ulrich Peterschulte (Ackerbau, Schweinemast, Grünland) aus Neuenrade. Auch beim Fleisch-Gütesiegel QS habe man ihm zwei Euro pro Schwein zugesichert. Das Ganze sei doch Augenwischerei.

Milchpreis

Der Erzeugerpreis für Milch ist nach einem Höhenflug bis 40 Cent pro Liter wieder gesunken - auf aktuell 28 bis 32 Cent. Ein Grund ist die Ausweitung der Produktionsmenge nach dem Wegfall der Milchquote. „Es ist zuviel Milch im Markt“, sagt Günter Buttighoffer, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Kreisverbandes im Märkischen Kreis und selbst Milchbauer mit 135 Kühen. Viele, auch er, haben nach dem Wegfall der Quote investiert. 30 Cent soll gegenwärtig die Molkerei Campina zahlen, Hochwald nur 28 Cent.

Landwirtschaft „Den Milchbauern ist eingetrichtert worden, nach dem Wegfall der Milchquote kommt das Tal der Tränen. Die meisten Bauern sind noch in Schockstarre, dass wir 100 Tage nach Wegfall der Quote solche Preise haben. Sollte die Milchproduktion weiter steigen, können die Preise weiter fallen“, sagt Michael Alterauge, Milchbauer mit 50 Kühen in Drolshagen. Er setzt sich für eine flexible Mengenregulierung ein - keine neue Quote. Seiner Ansicht nach müsste der Milchpreis um 10 Prozent steigen - „unter 40 Cent brauchen wir nicht aufzustehen.“

Ernte

Die lange Trockenheit im April und Mai reduziert die Aussichten auf eine Rekordernte. Ist nach dem Regen der letzten Tage wieder alles im Lot? Nicht ganz. Eine Rekordernte wird es jetzt nicht mehr geben. „Der Regen kommt für die Gerste zu spät“, meint Brinkmann. Ansonsten werde es für Weizen, Mais und Raps eine Durchschnittsernte werden - stabiles Erntewetter vorausgesetzt.