„Das würde die Sache sehr verteuern“

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Die Gewerkschaft NGG in Südwestfalen fürchtet Aufweichungen beim Mindestlohn-Gesetz. Andere sehen Kostenexplosion in der Branche.

Südwestfalen.. Ein Blatt Papier auf der Theke, auf das jeder Beschäftigte seine Arbeitszeit einträgt. Das ist die Art von Bürokratie, die sich die Gewerkschaft Nahrung - Genuss - Gaststätten (NGG) beim gesetzlichen Mindestlohn im Hotel- und Gaststättengewerbe vorstellen kann. Der Ordner im Regal könne dann bei Kontrollen überprüft werden. Ziel: Dass die Mitarbeiter den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde auch tatsächlich bezahlt bekommen.

„Jede Überstunde muss notiert werden. Nur so gehen die Beschäftigten auf Nummer sicher“, fordert Helge Adolphs, NGG-Geschäftsführer in Südwestfalen. Es reiche ein simples Stunden-Heftchen. Nur dann kämen die Arbeitgeber nicht in Versuchung, den gesetzlichen Mindestlohn zu umgehen - durch unbezahlte Mehrarbeit der Beschäftigten, die nicht notiert werde.

Rente Ein harter Vorwurf. Es geht der Gewerkschaft nicht um die Höhe des Mindestlohns, sondern um die Dokumentationspflichten, die damit verbunden sind. „Unnötiger zusätzlicher bürokratischer Aufwand“, schimpfen die einen. Adolphs fürchtet eine allmähliche Erosion des Mindestlohngesetzes im politischen Raum, wenn jetzt nicht entschieden gegengesteuert werde und fordert die heimischen Bundestagsabgeordneten auf, „jetzt keine Arbeitgeber-Reparaturen am Mindestlohngesetz vorzunehmen.“

„Wir müssen sehen, dass es von interessierter Seite jetzt nicht aufgeweicht wird“, betont der Gewerkschafter. Die Dokumentationspflicht sei angeblich ein zu großer Aufwand, werde behauptet, und dass die Unternehmen daneben kaum noch Zeit fänden, etwas zu produzieren. Das Jammern sei grundlos, so Adolphs.

Gängige Praxis

Im Gastgewerbe sei das Dokumentieren von Arbeitszeiten längst gängige Praxis - „schon deshalb, um Überstunden oder Nachtzuschläge ordentlich zu bezahlen“. Der Mindestlohn stoße zudem bei vielen Unternehmern nicht auf Ablehnung. Bei der Gewerkschafts-Hotline riefen auch Arbeitgeber an, die nichts falsch machen wollten.

Auf der anderen Seite berichtet er aber auch über gängige Tricks, den Mindestlohn zu umgehen: „Da werden Weihnachtsgeld oder Zuschläge mit dem Stundenlohn verrechnet, um irgendwie auf 8,50 Euro Stundenlohn zu kommen.“

Und von der Angst mancher alleinerziehender Mütter oder Väter mit Minijobs, ihren Job zu verlieren, wenn sie sich beschwerten. Gerade dieser Nebenverdienst sei wichtiger Bestandteil vieler Familieneinkommen. Das Gaststättengewerbe sei aber nicht das Zentrum solcher Pressionsversuche.

Die Zahl der Minijobber in der Region Südwestfalen steige über alle Branchen hinweg. In Hagen liege die Zahl aktuell bei 18.500, im Märkischen Kreis bei knapp 41.000, im Ennepe-Ruhr-Kreis bei 27 500, im Hochsauerlandkreis bei 33.400, im Kreis Soest bei 32.200 und im Kreis Siegen-Wittgenstein bei 32.300.

Dokumentationspflicht obendrauf

„Das Problem liegt nicht in der Lohnhöhe, sondern im weiteren Bürokratiezuwachs“, kontert Thorsten Hellwig vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in NRW. „Die Dokumentationspflicht in immer kürzeren Abständen kommt für die Gastronomen noch obendrauf - zur Allergenkennzeichnung, zu Hygienevorschriften, zu Statistikverordnungen.“ Jedes für sich sei tragbar. Und zu den Arbeitszeiten: „Wir empfehlen jedem, sich an das Gesetz zu halten“ - es gebe Kontrollen. Dann müsse man bei Hochzeiten eben anders planen - etwa mit zwei Schichten.

Das stellen Praktiker in Frage. „Das würde die Sache dramatisch verteuern“, sagt Karl Anton Schütte vom Landhotel Schütte in Oberkirchen. „Und ich weiß nicht, ob der Gast damit einverstanden ist.“