Das Vermächtnis von Jon Lord - Klänge wie aus Zeit und Raum

Jon Lord  (1941 - 2012) wird als großer Komponist entdeckt.
Jon Lord (1941 - 2012) wird als großer Komponist entdeckt.
Foto: Oliver Müller NRZ
Jon Lords „Durham Concerto“ ist ein großes klassisches Musikstück. Die Hagener Philharmoniker haben die deutsche Erstaufführung des Werks gespielt.

Hagen.. Wie aus Zeit und Raum gefallen eröffnet die Ferntrompete mit ihrem leisen Lied eines der außergewöhnlichsten Sinfoniekonzerte, die das Philharmonische Orchester Hagen je gespielt hat. Das Publikum kann diesen Ton zunächst nicht zuordnen, da es den Instrumentalisten nicht sieht. Dann folgen genauso zart und entrückt das Englisch Horn mit der Flöte in tiefer Lage, die Harfe und schließlich die Sologeige. Jon Lords „Durham Concerto“ webt eine Architektur aus Klang, der nichts Menschliches fremd ist und die dennoch bis in den Himmel strebt. Das Publikum feiert mit anhaltendem Beifall im Stehen ein Hörerlebnis, das ins Herz zielt. Selbst Dirigent Paul Mann kann seine Tränen nicht unterdrücken.

John Lord war ein innovativer Komponist

Der Musiker Jon Lord (1941 - 2012) war viel mehr als nur der „Deep-Purple“-Rockstar. Er zählt zu den innovativsten Komponisten unserer Zeit. In Deutschland war das „Durham Concerto“ bisher nicht zu hören. Die Philharmoniker haben mit ihrer Hommage an den großen Freund und ehemaligen „Komponisten für Hagen“ daher Zuhörer und Lord-Fans weit über die Region hinaus angelockt, darunter das Ehepaar Susanne und Christoph Pistorius aus Otterndorf bei Cuxhaven. „Diese Musik ist so warmherzig, wie Jon Lord es als Persönlichkeit war“, so Susanne Pistorius. „Ich finde es schön, dass in einer Zeit, wo moderne Musik hauptsächlich mit Neutönerei in Verbindung gebracht wird, Orchestermusik geschrieben wird, die die Menschen so tief berührt.“

Sprachmächtige Musik

Das „Durham Concerto“ hat Jon Lord im Auftrag der Universität von Durham komponiert. Dreh- und Angelpunkt der sechs Sätze ist die berühmte Kathedrale der Stadt im Nordosten Englands. Lord erfindet unmittelbar sprachmächtige und bildkräftige Musik, die zeigt, dass er ein Sinfonieorchester genau kennt. Denn er kombiniert die Instrumente zu aparten Farben – überwiegend in der Tenorbasslage, die dem melancholisch-transzendenten Grundton des Werkes entspricht.

Das Stück ist nach dem Prinzip eines barocken Concerto grosso angelegt. Hammond-Orgel (Ralph Breitenbach) und Northumbrian Pipes werden ebenso solistisch eingesetzt wie Solovioline (Shotaro Kaheyama) und Solocello (Shengzhi Guo). Aber auch die Orchestermusiker erhalten viele solistische Aufgaben. So lässt die Celesta glasklare Engelstränen in den Sonnenaufgang des ersten Satzes tropfen, während die kleine Trommel das Volk aus dem Schlaf rüttelt. Immer wieder bezaubern unerwartete Stimmungswechsel, etwa wenn die Hammondorgel plötzlich losrockt oder die Militärtrommel Swing-Beine kriegt.

John Lords Werke lassen die Zeit schnell vergehen

Mit Pipes und Hammond-Orgel sind nicht nur Instrumente aus der Volksmusik und dem Jazz im Orchester vertreten, sie stehen auch für unterschiedliche Zeit- und Erinnerungsebenen. Denn Lord integriert Volkstanz, Studentenlied, uralten Kirchenchoral plus klassisch-romantische Tonkunst und macht daraus etwas ganz Eigenständiges. Die Northumbrian Pipes-Virtuosin Kathryn Tickell wandert mit ihrer Sackpfeife wie eine Figur aus dem Märchen durch das Orchester.

In diesen Zusammenhang passt Joseph Haydns vom Orchester blitzsauber interpretierte „Oxford“-Sinfonie sehr gut. Denn an ihr wird deutlich, dass der Rocker Lord fest geerdet ist in den Wurzeln der Klassik, die in seinem „Durham Concerto“ hörbar werden.

Dirigent Paul Mann war ein enger Freund des Komponisten und leitet die Aufführung mit größtmöglicher Konzentration und inniger Bewegtheit. Er beherrscht die Kunst, den leisen Tönen zu nachzuspüren, für die Jon Lord ein besonderes Gespür hat. Und er macht deutlich, dass diese Musik nicht nur emotional berührend ist, sondern auch lichtvoll und spirituell. Jon Lord sagte bei seinem letzten Besuch in Hagen nicht lange vor seinem Tod über seine Gründe, zu komponieren: „Es muss mehr geben, als nur zu leben und zu sterben.“

Das „Durham Concerto“ ist ein großes Werk. Es dauert 60 Minuten. Selten ist eine Stunde so schnell vergangen.

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