Das aktuelle Wetter NRW 16°C
Diplomatie

Das sagt der Botschafter zum deutsch-russischen Verhältnis

29.01.2016 | 08:06 Uhr
Das sagt der Botschafter zum deutsch-russischen Verhältnis
Auf Augenhöhe: Botschafter Rüdiger von Fritsch (links) beim Sektempfang nach der Übergabe des Beglaubigungsschreibens an Präsident Wladimir PutinFoto: Nikita Markow

Siegen/Moskau.   Der Botschafter Rüdiger von Fritsch ist in Siegen geboren. Als Abiturient fälschte er Pässe und verhalf seinem Cousin zur Flucht aus der DDR.

Ein Passfälscher macht Karriere. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hat das nicht gestört. Im Gegenteil. Er lobt ihn. Der Mann gehöre zu den kreativen Köpfen, die das Land brauche. Das irritiert im ersten Moment. Immerhin ist Rüdiger von Fritsch Botschafter in Moskau.

Ein herausgehobener Posten im diplomatischen Dienst. Seine Vorgeschichte überrascht angesichts seiner Herkunft nicht: Der heute 62-Jährige ist in Siegen geboren.

Er leugnet es nicht: „Irgend etwas macht es mit mir. Es steht für die Ewigkeit im Pass.“ Schemenhaft erinnert er sich an Bilder seiner Kindheit. „Eine riesige Kerze hat in der Stadt zu Ehren der Kriegsopfer gebrannt. “ Siegen hat einen festen Platz in seinem Leben. „Ja, ich war später wieder da. Für mich ist es jedes Mal besonders.“

Ermittlungen
Angebliche Vergewaltigung wird Fall für russische Regierung

Im Fall der angeblichen Vergewaltigung einer 13-Jährigen ermittelt die Polizei nun gegen zwei Männer. Russland hat sich eingeschaltet.

Besonders verläuft sein Leben als hochrangiger Beamter. Von Fritsch, er hat Germanistik und Geschichte studiert, hätte viel zu erzählen: Über seine Kontakte mit der antikommunistischen Opposition als Referent in der Warschauer Botschaft in den 1980er Jahren, die Arbeit als Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes oder aktuell seine Einschätzung des russischen Präsidenten. Informationen aus erster Hand über Wladimir Putin, sein Ego, seine Macht, sein Auftreten im Gespräch mit oder ohne seine Hunde. Fehlanzeige.

Der Diplomat schweigt, wenn er spricht. Erwartbar. Zu seinen Aufgaben zählt es nicht, politisches Porzellan zu zerschlagen. Von Fritsch, Vater von vier erwachsenen Söhnen und einer Tochter im Alter von 23 bis 33, will nicht die Bremse deutsch-russischer Beziehungen sein, sondern ihr Motor.

"Russland hat alle Prinzipien verletzt, die dem Westen wichtig sind"

Das abgekühlte politische Verhältnis macht es ihm nicht leicht. Stichwort Annexion der Krim im März 2014. „Ich habe es nicht mehr für vorstellbar gehalten“, sagt von Fritsch, „dass Russland nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa unter Anwendung von Gewalt gegen einen Nachbarstaat vorgeht, wie es bei der Krim passiert ist. Russland hat alle die Prinzipien verletzt, die dem Westen wichtig sind.“ Es dürfe nicht länger hingenommen werden, dass Moskau weiter so unberechenbar agiere.

Der Botschafter: „Das hat eine entschlossene Reaktion mit Sanktionsmaßnahmen bei gleichzeitiger Bereitschaft zum Dialog erforderlich gemacht.“ Dass das Wort Annexion im Kreml nicht gerne gehört wird, stört von Fritsch nicht. „Bei allem Bemühen um Verständigung müssen wir zu unseren Grundsätzen und Werten stehen.“

G7
G7-Staaten drohen Russland mit neuen Sanktionen

Die G7-Staaten drohen Russland. Sollte Präsident Wladimir Putin in der Ukraine-Keise nicht einlenken, will der Westen neue Sanktionen verabschieden.

Gegenseitiges Verständnis setze Ehrlichkeit im Umgang miteinander voraus: „Jede Seite muss wissen, was der anderen wichtig ist und wo die roten Linien sind. Da darf es keine Sprechverbote geben.“ Und diese Direktive, was wo wie gesagt wird, kommt täglich aus Berlin? „Nein, ich kenne die Interessenlage Deutschlands sehr gut.“ Auch wenn er bestimmtes Handeln, so klingt Diplomatie, für unentschuldbar halte, sei es wesentlich, die Ursachen zu ergründen. „Dies müssen wir verstehen.“

Auch wenn das Vertrauen zerstört sei, gebe es keine Alternative zu einem guten deutsch-russischen Verhältnis. Das unterstreicht er im Januar bei einer Veranstaltung des Hagener Städtepartnerschaftvereins nicht nur einmal: „Ich versuche dafür alles zu tun.“ Zuversicht für die Beziehungen schöpft er aus den Begegnungen der Menschen beider Länder: „Das gibt mir die Hoffnung.“ Der Beobachter spürt, es ist ihm ein Anliegen.

Rüdiger von Fritsch hat Russisch in der Schule gelernt

Warum? Weil er nicht nur Wurzeln im Siegerland, sondern auch in Russland hat. „Die Familie meiner Mutter stammt aus dem Baltikum, mein Urgroßvater war Abgeordneter der Duma zu Zeiten des russischen Kaiserreiches und meine Großeltern redeten manchmal Russisch. Und er? „Ich habe es bereits in der Schule gelernt. Mich hat die Sprache fasziniert.“

Was fehlt? Ein Wort über ihn als Passfälscher. Mit seinem Bruder Burkhard verhilft er 1974 als 20-jähriger Abiturient seinem Vetter Thomas und dessen Freunden mit gefälschten Papieren zur Flucht aus der DDR. 2009 schreibt er darüber ein 238-seitiges Buch „Die Sache mit Tom“. Sein Dilemma als Passfälscher von damals fasst der Diplomat heute so zusammen: „Ich hätte mich in jedem Fall schuldig gemacht. Entweder juristisch oder moralisch, weil ich meinem Cousin die Hilfe versagt hätte.“

Joachim Karpa

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
Abschiebeanstalt in Büren
Bildgalerie
Flüchtlinge
HSK-Trainer der Saison 2015/2016
Video
Fußballnacht 2016
Schwimmen in der Ruhr
Bildgalerie
Leben am Fluss
Tour über Ruhrtalradweg
Bildgalerie
Leben an der Ruhr
article
11504880
Das sagt der Botschafter zum deutsch-russischen Verhältnis
Das sagt der Botschafter zum deutsch-russischen Verhältnis
$description$
http://www.derwesten.de/region/sauer-und-siegerland/das-sagt-der-botschafter-zum-deutsch-russischen-verhaeltnis-id11504880.html
2016-01-29 08:06
Politics, Russland, Rüdiger von Fritsch, Deutscher Botschafter, Moskau,
Sauer und Siegerland