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„Das ist mein Mädchen“

05.02.2012 | 17:46 Uhr
„Das ist mein Mädchen“
Die Jugendämter sind immer auf der Suche nach Pflegeeltern, die diese Kinder bei sich aufnehmen.

Arnsberg.Mona nervt. Manchmal. Wie jede andere 15-Jährige auch. Mona ist lieb. Vernünftig, zuverlässig und hilfsbereit. Wie viele andere 15-Jährige auch. Ein ganz normaler Teenager also - und doch eine besondere Tochter.

Als er sie das erste Mal sah, da wusste Michael Kramer: „Das ist mein Mädchen.“ Da war Mona vier Jahre alt - und konnte kaum sprechen. „Das hat mich berührt“, blickt er zurück. „Er hat gestrahlt“, erinnert sich seine Frau Susanne an den Augenblick (Namen von der Redaktion geändert).

Elf Jahre ist das her. Zwei Söhne hatten die Kramers bereits, als die Idee heranreifte, ein drittes Kind anzunehmen. Kein Baby, sondern ein Kind mit einer Geschichte. Denn die gelernte Kauffrau Susanne hatte schon immer etwas „im sozialen Bereich“ tun wollen.

Dass die Kramers und Mona sich gefunden haben, dafür hat Barbara Kligge-Kaiser vom Verein für Kinder- und Jugendhilfe in Arnsberg gesorgt. Der Verein betreut im Auftrag des Landschaftsverbandes-Westfalen Lippe so genannte Westfälische Pflegefamilien. Eltern, die sich um Kinder und Jugendliche kümmern, die geschlagen, missbraucht, vernachlässigt wurden. Kinder, die an einem Trauma leiden. Auch Kinder, die körperlich oder geistig behindert sind.

Keine leichte Aufgabe, weshalb der Verein das pädagogische Geschick der Eltern gründlich testet und sie gut vorbereitet, bevor sie ein Kind annehmen. „Sie müssen wirklich belastbar sein“, warnt Barbara Kligge-Kaiser. Horrorszenarien, was man mit einem solchen Pflegekind alles erleben könnte, malt Barbara Kligge-Kaiser den Eltern zuvor aus.

Wenn sie sich wie die Kramers davon nicht abschrecken lassen, bekommen die Familien eine intensive Betreuung vom Verein, so lange die Kinder im Haus leben. Mindestens alle vier Wochen besucht Barbara Kligge-Kaiser die Kramers, um sie zu bestärken, denn „man hat manchmal Zweifel an sich“, so Susanne. Oder um Tipps zu geben, wie man seine Sache noch besser machen kann.

Dazu gibt es regelmäßige Treffen mit anderen Pflegefamilien. Und die Gewissheit, dass Barbara Kligge-Kaiser rund um die Uhr für die Kramers zu erreichen ist, wenn sie einmal an ihre Grenzen kommen. „Das ist eine ganz große Beruhigung“, sagt Michael.

Auch wenn er die Notfallnummer nie wählen musste. „Wir haben mit Mona großes Glück gehabt“, sagt er. „Mona macht keine schlimmen Sachen“, ergänzt seine Frau Susanne. Kein Schreien, Schimpfen, Drohen, Schlagen wie Barbara Kligge-Kaiser es von anderen Kindern zu erzählen weiß. Vermutlich, weil die Kleine nicht misshandelt worden war. „Die Mutter war damals nur überfordert“, erzählt Barbara Kligge-Kaiser.

Es schien daher zunächst so, als habe Mona keine anderen Probleme, als dass sie kaum zu verstehen war. Doch mit der Zeit ahnten die Kramers: „Da ist noch irgendetwas anderes.“ Mona kann sich nur schwer orientieren, findet sich nicht einmal im Supermarkt zurecht. Sie lernt zwar gut, schreibt Einsen und Zweien in der Schule - vergisst aber auch rasch wieder. „Und sie erkennt die Signale nicht, die andere aussenden“, so Susanne Kramer. „Manchmal“, erzählt Mona selbst, „regen sich meine Eltern auf - und ich verstehe gar nicht warum.“

Zehn Jahre hat es gedauert, bis die Kramers wussten, was mit Mona los war: Sie hat das fetale Alkoholsyndrom (FAS). Die Mutter hatte wohl in der Schwangerschaft getrunken.

Seitdem ist es einfacher für die Kramers: „Nun fällt es mir nicht mehr so schwer, geduldig zu sein“, sagt Michael. So schwer eben, wie bei jeder anderen 15-Jährigen auch. Die Kramers jedenfalls würden sich immer wieder für Mona entscheiden. „Es ist nicht immer nur schön“, sagt Susanne, „aber eine Bereicherung.“

Nina Grunsky

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