Das Geheimnis der schwarzen Hand

Criminale 2012
Criminale 2012
Foto: HSK
Was wir bereits wissen
Mozart ließ ihn hochschrecken. Schlaftrunken tastete seine Hand über den Nachttisch. Mozart spielte weiter. Die kleine Nachtmusik am frühen Morgen. Grauenhaft. Vielleicht sollte er sich doch einen anderen Klingelton für sein Handy aussuchen. Schließlich fand er das Telefon. Er richtete sich auf.

Mit einer wischenden Bewegung seines Daumens nahm er das Gespräch entgegen. „Ja“ nuschelte er zur Begrüßung.

„Hier ist Peter.“ Peter Wendler war Kriminalkommissar und in seiner Behörde zuständig für die Pressearbeit. „Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“ „Kurz vor fünf Uhr.“ Hendrik Schulthof fiel zurück auf sein Kissen. „Du musst, wenn dir unsere Freundschaft etwas wert ist, einen verdammt guten Grund haben, mich zu dieser nachtschlafenden Zeit zu wecken.“ „Was denkst du denn.“ „So früh morgens nur wenig“, erwiderte Schulthof. Wendler lachte. „Kann ich mir vorstellen. Also, hör zu. Die schwarze Hand von Bödefeld ist verschwunden.“ „Die was?“ „Das ist eine mumifizierte Hand eines Mädchens. Sie wurde vor rund 250 Jahren gefunden und wird seitdem in der Pfarrkirche Bödefeld aufbewahrt. Seit gestern Abend ist sie weg.“

„Wer klaut denn so etwas?“, wunderte sich Schulthof. „Sammler?“ „Wenn wir das wüssten, brauchten wir ja nicht zu suchen.“ „Auch wieder wahr.“ „Ich habe gedacht, das interessiert dich. Darum mein Anruf. Um neun geht die Pressemeldung an die Redaktionen. Natürlich hast du die Vorinformation nicht von mir.“ „Kannst dich auf mich verlassen.“ „Einen schönen Tag noch.“

Hendrik Schulthof arbeitete als freier Journalist und war mit Peter Wendler in den Kindergarten gegangen. Allerdings reichte das Wenige, was er verdiente, gerade dazu, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch deshalb versorgte ihn sein Freund von Zeit zu Zeit mit solchen und ähnlichen Informationen, damit er etwas schneller war als seine festangestellten Kollegen und seine Artikel an den Mann bringen konnte. ­Schulthof schraubte sich aus dem Bett und schlurfte ins Badezimmer. Was ihn dort aus dem Spiegel anblickte, gefiel ihm nicht besonders. Unausgeschlafen. Mit dicken Augenringen. Unrasiert. Aber da musste er durch.

HSK-Bürgermeister als Krimi-Autoren auf Zeit

Nach einer ausgiebigen Dusche und nur mit einem heißen Instantkaffee im Magen war er eine halbe Stunde später in seinem altersschwachen Golf auf dem Weg nach Bödefeld. Er parkte seinen Wagen direkt vor der Pfarrkirche und marschierte zum Haupteingang. Verschlossen. Kein Wunder, um diese Uhrzeit. Er sah sich um. Vielleicht gab es ja einen Nebeneingang. Er ließ das Gotteshaus links liegen und machte einige Schritte auf ein Fachwerkgebäude zu, das nicht weit entfernt lag. „Suchen Sie etwas?“, rief ihn eine männliche Stimme an. Schulthof fuhr herum. Hinter ihm näherte sich ein Mann, den er im Halbdunkel der Bäume eben anscheinend übersehen hatte. „Ja. Ich würde mir gerne die Kirche ansehen.“ „Jetzt? Es ist noch nicht einmal sieben Uhr. Außerdem ist die Pfarrkirche heute geschlossen.“

„Warum?“ Der Mann senkte den Tonfall, als ob er ein Geheimnis erzählen würde. „Die Schwarze Hand wurde gestohlen.“ Schulthof tat überrascht. „Wegen ihr bin ich gekommen. Das ist ja unglaublich! “ „Nicht wahr. Der Pfarrer hat es gestern Abend bemerkt, als er die Kirche verlassen wollte. Wissen Sie, die Schwarze Hand wird im Eingangsbereich aufbewahrt, direkt gegenüber vom Marienwinkel. Komisch ist nur, dass die Glasscheibe, die die Nische schützt, unbeschädigt ist. Der Täter muss entweder das Schloss, mit der die Scheibe gesichert ist, geknackt haben, oder ...“ Der Mann machte ein wissendes Gesicht. Der Reporter tat ihm den Gefallen und fragte nach. „Oder was?“ „Einen Schlüssel gehabt haben. Na ja. Mal sehen, was die Polizei herausbekommt. Wie es heißt, sollen die Verbrecher ein Lösegeld verlangen.“

Jetzt wurde die Sache interessant. Kein Sammler, sondern eine Art Kunsträuber. Sofern man bei einer abgehackten, mumifizierten Mädchenhand überhaupt von Kunst sprechen konnte. „Wirklich?“ Sein Gesprächspartner flüsterte nun fast. „Und das Dollste ist, der Pfarrer hat einen Erpresserbrief gefunden. Die Gangster wollen 5000 Euro. Heute Abend um sieben Uhr soll die Geldübergabe stattfinden. Auf dem Arnsberger Schlossberg heißt es. Die Polizei will die Täter dort schnappen.“ Davon hatte ihm sein Kumpel allerdings nichts erzählt.

„Und woher wissen Sie das eigentlich alles?“, fragte Schulthof. „Ich bin im Pfarrgemeinderat aktiv. Da erfährt man so einiges.“ Das glaubte ihm der Journalist aufs Wort. Er bedankte sich und stieg in seinen Wagen. Dieses Ereignis würde er sich nicht entgehen lassen.

Jan Zweyer

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 2

Die Silhouette des Mannes zeichnete sich dunkel in den Umrissen der aufgehenden Sonne ab. Dann verschwand er. „Von hier oben hat man wirklich einen ausgezeichneten Blick“, stellte Hendrik Schulthof fest und blickte über das Ruhrtal und die Arnsberger Altstadt.

Dann riss er sich vom Anblick los und eilte über die Schlossruine dem Mann hinterher, der sich mittlerweile mit seinem Hund im Schatten der Schlossmauern Richtung Altstadt bewegte.

„Entschuldigen Sie“, keuchte Schulthof atemlos. „Können Sie mir sagen, ob es noch einen zweiten Weg auf den Schlossberg gibt?“

Über den Steinweg zum alten Kloster

„Guten Morgen junger Mann. Ja, gibt es. Auf der Rückseite und dann über den Alten Soestweg. Hier geht es zum Glockenturm und dann über den Steinweg zum alten Kloster – die historische Achse.“

Related content „Hier gibt es noch ein Kloster?“ „Ja, das alte Kloster Wedinghausen. War früher mal bedeutend. Heute sind dort Ausstellungen und rund um das Lichthaus Veranstaltungen. Den ,Jedermann’ haben sie neulich dort gespielt, das war klasse. Und historische Bücher stellen sie da aus und auch eine alte schwarze Hand – die ist ein bisschen gruselig.“

In Hendrik Schulthofs Kopf klingelten die Alarmglocken. Noch eine schwarze Hand? Betont ruhig bedankte er sich bei dem Mann und begab sich zurück zu seinem Auto. Nach einem kurzen Blick auf das Navi wusste er, wo er hin musste.

Moderne Kunst im Klosterhof

PANB1-ZZZ_Infokästen_mit_Verlauf-Info blau 2sp-097.xml

Der moderne Komplex des Lichthauses verband im Klosterhof alt und neu. Hier war zurzeit eine Ausstellung „Moderne Kunst“. Schulthof schaute sich weiter um. Drei Gebäude, drei Türen. Eins war die Kirche, er ging zur nächsten. „Stadtarchiv“, las er laut. Da konnte er sich informieren und drückte die Klinke.

Wenig später stand er dem Stadtarchivar gegenüber. „Sie sind also Journalist und wollen sich über unsere Ausstellungen informieren? Zur Zeit läuft keine Sonderausstellung“, sagte der Archivar. „Die Höhepunkte waren die Sonderausstellungen der historischen Bücher Gero-Kodex und Sidereus Nuncius. Jetzt zeigen wir unsere Dauerausstellung ‚Denn das erste ist verloren…’ über das alte Kloster Wedinghausen. Und da ist ein Höhepunkt zurzeit nicht zu sehen.“

„Die schwarze Hand?“ entfuhr es Schulthof ­vorahnungsvoll.

Gas geben in Richtung Sundern

Der Stadtarchivar schaute verblüfft. „Genau. Unsere schwarze Hand. Die Hand des Klosterschreibers und heiligen Richard von Wedinghausen – über 800 Jahre alt. Wir haben sie nach Sundern ­ausgeliehen.“ Bis zur Geldübergabe am Abend blieb noch Zeit. ­Schulthof eilte zu seinem Auto, stieg ein und gab Gas, Richtung Sundern.

Hans-Josef Vogel

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 3

Hendrik Schulthof grübelte auf der Fahrt nach Sundern über den Fall. Er hatte wenig Hoffnung, dass ihn die schwarze Hand des Klosterschreibers aus Arnsberg weiterbringen würde, aber es war schließlich seine einzige Spur.

Am Ortseingang von Sundern wies bereits eine große Hinweistafel auf eine aktuelle Ausstellung in der Stadtgalerie zum Thema „Mystisches Sauerland“ hin. Da die Stadtgalerie mitten im Zentrum lag, hatte er diese schnell gefunden. Als interessierter Journalist wurde er direkt in die Ausstellungsräume geführt.

Tolle Räume in der Stadtgalerie

Fieberhaft schaute sich Schulthof in den hervorragend gestalteten Räumen der Stadtgalerie um. Noch ehe er das Personal nach einem möglichen Verschwinden der schwarzen Hand aus Arnsberg befragen konnte, sah er die Hand bereits als eines der Highlights dieser Ausstellung in einer Vitrine. Grell beleuchtet durch einen Strahler lag dort seine einzige Spur, die sich unmittelbar vor seinen Augen auflöste wie ein Fußabdruck am Sandstrand bei ansteigender Flut.

Ratlosigkeit machte sich in Schulthof breit. „Kann man hier irgendwo zur Ruhe kommen?“ fragte er nach der ersten Enttäuschung einen Mitarbeiter des Hauses. Nach kurzem Zögern erwiderte dieser: „ Zu empfehlen ist da in jedem Falle die neu gestaltete Promenade in Langscheid am Sorpesee. Wer da nicht entspannt, dem ist nicht mehr zu helfen!“

Blick auf den Yachthafen

Dankbar für diesen Tipp machte sich Schulthof auf den Weg. Und tatsächlich: Er fand ein beeindruckendes, fast schon mediterranes Flair vor.

Die Sonne, die sich inzwischen durch die Wolken gekämpft hatte, die Wege mit den Platanen und die bequemen Bänke mit dem Blick auf den Yachthafen machten den so schlecht begonnenen Morgen fast vergessen.

Wasserspiele auf der Promenade

Hendrik Schulthof besorgte sich einen ordentlichen Espresso und für seinen knurrenden Magen ein Croissant. Mit der aktuellen Tageszeitung bewaffnet, setzte er sich auf eine Bank und schaute zunächst den Kindern zu, die sich bei den lustigen Wasserspielen direkt auf der Promenade gegenseitig bespritzten.

Der Espresso tat gut. In der Zeitung stand das Übliche, man konnte es kaum noch hören: Finanzkrise, Pleitestaaten und die endlose Siegesserie von Bayern München, die gestern Abend nach Schalke 04 am vergangenen Wochenende nun auch Borussia Dortmund vom Platz gefegt hatten. „Die bringen auch nichts Neues mehr…“, grummelte ­Schulthof vor sich hin.

Auf den Lokalseiten angekommen, hielt er jedoch plötzlich inne. Eine kleine Meldung machte ihn stutzig. Die Überschrift lautete „Einbruch in Esloher Museum“. Im Bericht selbst wurde geschildert, dass sich Unbekannte Zutritt zum Maschinen- und Heimatmuseum Eslohe verschafft hatten und hier mehrere Gegenstände entwendet wurden. Äußerst interessant! Vielleicht eine professionelle Bande?

Auf nach Eslohe!

Nur widerwillig verließ er diesen entspannenden Ort, nicht ohne sich vorzunehmen, hier später in jedem Falle noch einmal einige Tage Urlaub zu verbringen. Aber jetzt musste er zunächst das Geld dafür verdienen. Er hatte eine neue Spur, der es zu folgen galt – Auf nach Eslohe!

Detlef Lins

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 4

In Eslohe angekommen, fragte sich Schulthof nach dem Museum durch. Er hatte Glück. Es waren Museumstage, und nachdem der Journalist durch die erste große Maschinenhalle ging, in der die Ausstellung „Abfahrt 1911 – 100 Jahre Esloher Eisenbahn“ präsentiert wurde, traf er auf einen Herrn, der ihm bekannt vorkam.

Er stutze. War dies nicht der bekannte Museumsdirektor? Der Mann sah ihn ebenfalls fragend an, und Schulthof stellte sich vor. Sie unterhielten sich eine Weile und ­Schulthof erfuhr zwar, welche Gegenstände gestohlen wurden, konnte diese aber nicht mit dem Raub in Bödefeld in Zusammenhang bringen. Dafür erfuhr der Journalist aber noch viel über das einzigartige Museum in Eslohe. Der Museumsdirektor verfügte über erstaunliches Wissen. ­Schulthof bedankte sich sehr herzlich und sicherte dem Direktor spontan zu, eine Artikelreihe über „sein“ tolles Museum zu veröffentlichen. Trotzdem etwas enttäuscht, beschloss Schulthof erst einmal, sich im Dorf etwas umzuschauen.

Zwiebelkuchen in der Altstadt

Nach einem kurzen Fußmarsch erreichte er die Esloher „Altstadt“. Dort entdeckte er gegenüber der bronzenen Pampelstatue das Spritzenhaus und entschied sich spontan, dort erst einmal ein Stück Zwiebelkuchen zu genießen. Der Besuch in diesem historischen Bistro-Cafe sollte sich für den Journalisten doppelt lohnen. Im Programm von Radio Sauerland, welches dezent im Hintergrund lief, wurde laufend berichtet, dass die Geldübergabe an die oder den Erpresser in Arnsberg geplatzt sei. Der oder die Täter waren zur vereinbarten Übergabe nicht erschienen. Eine zweite Information bekam Schulthof ebenfalls hier im Cafe.

Am Nachbartisch saßen drei ältere Damen, offensichtlich Bewohnerinnen des Seniorenheims Störmanns Hof, die sich, immer noch aufgeregt, darüber unterhielten, dass sie an diesem Tag gar keinen Mittagsschlaf halten konnten, wegen eines Polizeieinsatzes an der E-Bike-Vermietstation in der Nähe von Störmanns Hof. Dort wurde offensichtlich ein E-Bike gestohlen.

Eine spannende Information für den Journalisten, und es galt diese Spur zu verfolgen.

Besuch des "Esselbades"

Er verließ das Spritzenhaus und ging durch den schönen Kurpark zum Minigolfplatz mit der E-Bike-Mietstation. Diese lag am neuen Gemeindespielplatz. Schulthof bewunderte die schönen neuen Spielgeräte und beschloss, mit seiner Familie später einen Ausflug nach Eslohe zu machen, denn mit einem Besuch des „Esselbades“ wäre für die Schulthofs mal wieder ein schöner Tag gesichert.

Der Betreiber des Minigolfplatzes konnte Schulthof weiterhelfen. Ja … ein Mann hätte am frühen Mittag ein E-Bike gestohlen. Eine Bewohnerin von Störmanns Hof habe eine genaue Beschreibung gegeben, und der Mann mit der roten Jacke sei auch schon auf dem Radweg Richtung Meschede gesehen worden.

Entlang des Wennetalradweges nach Meschede

Tief beeindruckt ob der Technik der Fahrräder wurde Schulthof daran erinnert, dass er dringend mal wieder Sport treiben sollte. Aber jetzt musste er erst einmal den potenziellen Dieb verfolgen. Umgehend machte er sich auf, um entlang des neuen Wennetalradweges nach Meschede zu fahren.

Stephan Kersting

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 5

In Nichtinghausen hatte ein alter Landwirt auf seine Frage nach dem flüchtigen E-Bike-Dieb wortlos Richtung Hennesee gedeutet, so dass auch Hendrik Schulthof diese Richtung einschlug.

Er bezweifelte allerdings immer mehr, dass der Typ in der roten Jacke, der vermutlich einfach nur zu faul war, „normal“ Rad zu fahren, irgendetwas mit dem Verschwinden der Schwarzen Hand zu tun hatte.

Idylle am Hennesee

Es war inzwischen schon spät. Dunkelheit breitete sich über dem idyllischen Hennesee aus, den der Journalist auf seinem Weg in die Kreisstadt passierte. Trotz bleierner Müdigkeit versuchte er, seine Gedanken zu sortieren und einen anderen Lösungsansatz zu finden...

„5000 Euro…, 5000 Euro …“ Dieser Betrag machte den erfahrenen Journalisten stutzig. Warum „nur“ 5000 Euro Lösegeld?

Gut, diese Summe lag deutlich über dem, was er selbst im vergangenen halben Jahr verdient hatte und war auch weitaus mehr, als er persönlich für die Rückgabe dieses mysteriösen und äußerst unheimlichen Reliktes ausgeben würde. - Der Gedanke an die Kinderhand ließ Schulthof erschaudern. Die Dunkelheit tat ihr Übriges…. Hendrik Schulthof atmete tief durch und versuchte, sich wieder zu konzentrieren.

Die Kirchengemeinde in Bödefeld würde sicherlich auch noch einen viel höheren Preis für die Rückgabe der Schwarzen Hand bezahlen. Und eine weitere Frage beschäftigte ihn: Wo konnten der oder die Täter die Beute verstecken?

Stadt Meschede braucht jeden Cent

In Meschede kamen dafür einige Orte in Frage: Die unterirdischen Gänge der St. Walburga-Kirche, die abgeschiedene Kapelle auf dem Klausenberg, die ehrwürdige Abtei Königsmünster, die Burgruine in Eversberg oder aber auch der alte Tunnel, durch den derzeit noch die Henne floss und der bald im Rahmen der Regionale 2013 geöffnet werden sollte. Da kürzlich noch Führungen durch die Gänge gemacht wurden, würde sich der eine oder die andere dort jetzt gut auskennen… Auch das zurzeit noch leer stehende ehemalige Hertie-Gebäude würde sich anbieten. Allerdings nicht mehr lange, denn in Kürze würden dort die Bauarbeiten zur Umgestaltung der Immobilie beginnen.

Die Stadt Meschede selbst konnte natürlich auch jeden Cent gebrauchen… Das brachte Hendrik Schulthof auf eine wahnwitzige Idee… Er sah die Schlagzeile schon vor sich: „Schwarze Hand für schwarze Zahlen – Journalist überführt Bürgermeister“…

Auf dem Weg nach Bestwig

„Düdeldüdeldü - düdüdeldü“ - Schulthof wurde jäh aus seinen Träumen gerissen, in denen er schon als „Held von Bödefeld“ und „Retter der Schwarzen Hand“ gefeiert wurde. Das Handy. Was Hendrik Schulthof anschließend von Kommissar Wendler hörte, ließ ihn augenblicklich eine gedankliche Entschuldigung an Bürgermeister Uli Hess senden.

Eigentlich war es ja auch klar; 5000 Euro hätten ihm und dem Stadtkämmerer ohnehin nur ein müdes Lächeln abgerungen. Da hätten es schon ein paar Nullen mehr sein müssen. Tja, da waren sie wieder, diese unerklärlichen 5000 Euro. Schulthof setzte eilig seinen Golf Richtung Bestwig in Bewegung. Laut Wendler gab es einen neuen Termin für eine Lösegeldübergabe: In einer Stunde im Bergwerk Ramsbeck. An Schlaf war also weiterhin nicht zu denken…

Uli Hess

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 6

… im Gegenteil: Hendrik Schulthof stand nicht nur kurz davor, dass ihm die Galle hochkam, sondern ebenso im Stau. Und zwar auf der B7 in Velmede, eingekeilt zwischen zwei Wohnwagen. Schulthof sparte sich den Blick auf die Farbe der Nummernschilder und dachte nach.

„Ja kruzifix – jetzt haben die hier in Bestwig seit ein paar Jahren so eine schöne Ortsdurchfahrt. Prima, dass man richtig Zeit hat, sie zu genießen, weil man nicht vom Fleck kommt.“

Im Rückspiegel bemerkte Schulthof, wie sich auf dem Radstreifen ein Radler in Rot näherte. Der Journalist beugte sich über den Beifahrersitz und stieß die Tür auf.

Bremsen quietschen, gefolgt vom Crescendo einer Schimpftirade. „Ruhe, ein Notfall“, schrie Schulthof, „ich muss zum Sauerländer Besucherbergwerk nach Ramsbeck. Dringend. Gibt es einen schnelleren Weg?“ „Wenn Sie so sechs Jahre Zeit haben – bestimmt“, raunzte der Radler: „Dann ist hier die Autobahn fertig.“ Ein Fluch, ein Tritt in die Pedale, und weg war der Radler.

Related content Schulthof ächzte zurück in seinen Sitz und blickte dem roten Phantom nach. War gar kein Fahrrad, war ein E-Bike, stellte der Hobby-Fahnder fest. Moment – ein E-Bike? Das war die Lösung!

Schulthof verfrachtete seinen Methusalem-Golf auf den Parkstreifen – hat man auch nicht überall, dass man mitten im Ort kostenlos parken kann – und machte sich zu Fuß auf den Weg zur Tourist-Info im Bahnhof. Hier war vor einigen Jahren ein modernes Dienstleistungszentrum entstanden – und hier konnte man auch E-Bikes mieten.

Mit derart akkubetriebenem Rückenwind trat Hendrik Schulthof Richtung Ramsbeck in die Pedale. Bis zum Besucherbergwerk war es ein Katzensprung.

Der Journalist betrat den Eingangsbereich des Museums, die frühere Lohnhalle. „Passender Ort für eine Lösegeldübergabe“; Schulthof lächelte bitter und ging weiter in die Maschinenhalle. Augenblicklich erstarrte er. Streng blickte eine Büste von Kaiser Wilhelm I. den müden Ermittler an. Und unterhalb der Skulptur – eine schwarze Hand.

DIE schwarze Hand? Nein, sie war unverkennbar aus Pappe. Der ausgestreckte Zeigefinger wies nach Südwesten. Was hatte das zu bedeuten? Von hinten hallten Schritte. Schulthof drehte sich um. Ein groß gewachsener Mann mit Schnäuzer und schütterem Haar kam heran. „Sagen Sie, kennen Sie sich hier aus?“, fragte Schulthof. „Na ja, ich bin der Vorsitzende des Fördervereins dieses Museums“, bekam er zu hören. Was man denn in Richtung Südwesten finden könne? „Den sagenumwobenen Venetianerstollen“, antwortete der Schnauzbart, „den Erzählungen zufolge sollen dort im Mittelalter Zwerge Erz abgebaut haben.“

„Wie komme ich zu diesem Venetianerstollen?“ „Der liegt an unserem neuen Bergbauwanderweg, ist alles gut ausgeschildert“ bekam Schulthof, der sich schon längst auf dem Weg zum Ausgang befand, zur Antwort.

Trotz Unterstützung trieb ihm der steile Weg die Schweißperlen auf die Stirn, „wirklich gut beschildert“, murmelte er vor sich hin, als er nur wenige Minuten später vor einer Tafel stand, wo zu lesen war „Der Venetianerstollen…“, doch halt: Was er noch erblickte, kam ihm bekannt vor: die schwarze Hand aus Pappe, die dieses Mal ins Tal, in Richtung Südosten deutete und auf der in kritzeliger Schrift zu lesen war „Alles heiße Luft.“

„Diesem Mistkerl geht es nicht nur um das Lösegeld, der will ein Spielchen mit uns spielen“, grummelte Schulthof vor sich hin, was soll das jetzt wieder bedeuten. Heiße Luft, die könnte ich jetzt gebrauchen, langsam wird’s kalt! „Wendler“, ging es ihm durch den Kopf, vielleicht hatte sein alter Kumpel, der Kommissar, eine neue Spur! Im Nu war die Handynummer gewählt. „Hallo?“ bekam er ganz schwach zu hören. „Peter, wo bist du, hast du eine neue Spur“ rief er in sein Handy. „…auf dem Weg…Olsberg…“, war mehr schlecht als recht zu verstehen, dann war die Verbindung abgebrochen. Verflucht, jetzt bin ich nicht schlauer als vorher! Ein Gedanke blitzte in ihm auf. „Olsberg?“, „Heiße Luft?“ Im Aqua Olsberg gibt es doch diese Waldsauna…

Ralf Péus

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 7

Völlig übermüdet traf Schulthof in Olsberg ein, wo er sich auf den Weg zum AquaOlsberg aufmachte. Er marschierte direkt in den Saunabereich. Beeindruckt von der behaglichen Atmosphäre, setzte er sich sogleich in die Grottensauna. „Ist das herrlich hier“, war noch sein letzter Gedanke, ehe er nach dem ersten Saunagang im Ruhehaus einnickte. Mozart riss ihn aus seinem Dämmerschlaf.

Auch wenn es die kleine Nachtmusik war, die übrigen Gäste der Sauna waren nicht begeistert von seiner Musikeinlage. „Verdammt, ich hab’ das Handy nicht ausgeschaltet“, ärgerte er sich. „Ja, hallo“, sprach er leise ins Handy. „Peter hier. Verstehst du mich jetzt besser?“ „Ja, aber ich bin im AquaOlsberg in der Sauna. Ich kann nicht so laut sprechen.“ „Das passt sich gut, ich bin nämlich auch in Olsberg. Bis gleich.“ Noch bevor Schulthof sich zum zweiten Saunagang aufgemacht hatte, klopfte ihm Kommissar Peter Wendler auf die Schulter.

„Na mein Freund, so sieht man sich wieder. Du scheinst dich hier ja pudelwohl zu fühlen?“ „Stimmt, es ist super hier. Ich muss gleich noch das Solebad ausprobieren.“ Im selben Augenblick schoss Wendler ein Gedanke durch den Kopf.

Die Hand ist bestimmt zur Konservierung im Soletank eingelagert! Das war sie natürlich nicht. Trotzdem genossen die beiden den Saunaabend in vollen Zügen. Das Bier und das gute Essen im Aqua-Restaurant schmeckte ihnen vorzüglich. Es blieb nicht bei einem Bier für jeden. „Du sag mal, Peter, wo übernachten wir denn?“, fiel es Schulthof plötzlich ein.

Schulthof und Kommissar Wendler kraxeln den Borberg hinauf und hoffen, dort das Versteck zu finden

„Ich habe ein Zimmer im Schinkenwirt reserviert. Falls sie dort für dich keins mehr haben, kannst du mit bei mir schlafen.“ Schulthof hoffte inständig, dass das nicht passieren würde. Eine Nacht mit Peter Wendler zusammen im Bett rief bei ihm eine leichte Gänsehaut hervor. Mit dem Taxi im Hotel angekommen, stellte sich zur Erleichterung von Schulthof heraus, dass es noch ein freies Zimmer für ihn gab. Erschöpft fiel er ins Bett. Es war stock dunkel. Das Wasser sah aus wie schwarzer Kaffee.

Auf einmal tauchten sie auf. Schwarze Hände. Überall diese Hände, und er mittendrin. Er musste die Hände einzeln beiseite stoßen, um nicht zu ertrinken. Plötzlich wurde die Tür der Grottensauna von einer schwarzen Hand aufgerissen. Sie hatte einen Zettel zwischen den Fingern. Er wollte gerade danach greifen, als er schweißgebadet aufwachte. Schulthof schaute auf die Uhr. 7 Uhr. Es war Zeit aufzustehen.

Wendler klopfte an die Zimmertür, gerade als Schulthof die Tür öffnen wollte. „Komm, wir müssen los! Eine örtliche Kneippwandergruppe will mit uns auf den nahegelegenen Borberg wandern. Dort soll es geschichtliche Ausgrabungen geben, die ein ideales Versteck für die Schwarze Hand wären.“ „Eine Wanderung, heute, bloß nicht,“ dachte Schulthof. Ein Pochen in seinen Schläfen erinnerte ihn schmerzlich an den gestrigen Abend. Obwohl noch recht früh am Tag, wurde es den beiden ziemlich warm. Als sie die Hälfte des Kreuzweges, welcher zum Aufstieg gehörte, erreicht hatten, war Schulthof völlig fertig. Dass der liebe Gott die kleinen Sünden-Bierchen auch immer sofort bestrafte. „Ist’s noch weit“, presste Wendler hervor, der ebenfalls unter den Nachwirkungen des letzten Abends litt. „Sie haben es gleich geschafft“, entgegnete die Kneipp-Animateurin. Nach gefühlten ewigen Stunden standen sie endlich neben einer Kapelle auf dem Borberg. Die örtliche Polizei war auch schon da. „Wo kommen die denn her?“, fragte Schulthof. Eine Straße von Brilon führte direkt auf den Borberg. Das war zuviel für den Reporter.

Wolfgang Fischer

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 8

Schulthof ließ seine Gedanken noch einmal zum gestrigen Abend kurz vorm Einschlafen beim Schinkenwirt zurückschweifen.

Was er bis jetzt in diesem Fall gesehen und gehört hatte, ließ Zweifel in ihm wachsen. Waren wirklich Gangster am Werk – Diebstahl und Lösegeldforderung? Nur 5000 Euro Lösegeld für die jahrhundertealte „Schwarze Hand“ von Bödefeld. Will ihn jemand mit der ganzen Geschichte auf den Arm nehmen, wissend, dass er als freier Schreiber auf jeden Auftrag angewiesen ist. Aber wer?

Sein Freund, der Kommissar? Nein, der sicher nicht, er ist schließlich sein ältester Kumpel.

Oder sonst ein Informant? Oder war das Ganze nur ein Reklamegag, um das Thema touristisch wieder interessant zu machen? Wer stiehlt aus einer Kirche schon die mumifizierte rechte Hand eines Mädchens, die bei der Erbauung der Kirche im Jahre 1722 gefunden wurde und um die sich mehrere Legenden ranken?

Ja, so kann es sein, ein Reklamegag. Bödefeld gehört zu Schmallenberg. Und die Schmallenberger Touristiker sprechen doch laufend als Reklamegag vom Schmallenberger Sauerland. Schulthof hat das nie verstanden. Als Sauerländer hat er früher mal ein paar Jahre im Allgäu gearbeitet. Dort spricht man doch auch nicht vom Füssener Allgäu, vom Isnyer Allgäu oder vom Oberstdorfer Allgäu. Müssen denn jetzt hier eigentlich auch die anderen 11 Städte und Gemeinden im Hochsauerlandkreis ihr eigenes Sauerland haben, so wie die Schmallenberger? Aber noch vor dem Einschlafen verwarf er seine zweifelnden Gedanken.

Related content Auf dem Borberg tut sich in diesem Kriminalfall heute Morgen nichts. Keine Schwarze Hand, keine Lösegeldübergabe. Der Borberg, beliebtes Wanderziel der Briloner und Olsberger, auf Briloner Stadtgebiet gelegen, ist ein geschichtsträchtiges Stück Erde. Die Borbergterrassen mit ihren Wällen, Gräben und Hügeln faszinieren die Besucher immer wieder. Die ältesten Erdwälle stammen aus der Zeit von Christi Geburt. Auf dem höchsten Punkt von 670 Metern befindet sich die Friedenskapelle. Über den Borberg verläuft der bekannte Wanderweg Rothaarsteig, der einen grandiosen Ausblick auf Olsberg und Bigge bietet.

Wo um Gottes Willen sollte er nur weiter suchen? Im Briloner Wald war das unmöglich. Schließlich nennen die Briloner 7750 Hektar oder 77,5 Quadratkilometer Stadtwald ihr Eigen und sind damit die größte Wald besitzende Kommune Deutschlands. Wo anfangen und wo aufhören? Aber in der Stadt, da würde er weiterkommen. Die Briloner haben doch im Sommer das „Stadtmuseum Haus Hövener“, getragen durch die Stiftung Briloner Eisenberg und Gewerke, eröffnet. Hier sind die Expertinnen und Experten für Geschichte und für Exponate, die sich auszustellen lohnen.

Die Polizeibeamten der Wache Brilon nahmen ihn und Kripomann Wendler mit in die Stadt. Wo er sein altes Auto abgestellt hatte, und auch das geliehene E-Bike, hatte er fast vergessen. In Brilon besuchte er erstmal inkognito das Museum. Musste ja nicht gleich jeder erfahren, was er suchte.

Er war überwältigt. Ein Museum mit insgesamt 24 Räumen, die sich auf 1150 Quadratmeter verteilen. Im Kellergeschoss besichtigt er den Iguanodon, dessen Knochen 1978 in einem Steinbruch bei Nehden gefunden wurden und dessen Skelett zu Demonstrationszwecken mit einer Dermoplastikhaut überzogen wurde.

Im interaktiven Stadtmodell werden mehrere hundert Jahre Briloner Stadtgeschichte dokumentiert. In diesem Umfang ist es in Deutschland einmalig und stellt eines der wichtigsten Exponate dar. Das Sauerland war in früherer Montanvergangenheit eine blühende Industrie- und Handelsregion. Das ist genauso dokumentiert wie der Kaltspatbergbau und die Bleiverhüttung und der Ofenkunstguss. Und auch Brilon als Stadt mit einer Glockengießerei und die historische Waldnutzung werden demonstriert.

Das Museum faszinierte ihn. Über allem hatte er fast vergessen, was er hier wollte. Er wollte eine Spur der gestohlenen Schwarzen Hand. Aber auch vorsichtiges und danach intensiveres Nachfragen bei den Damen im Museumsdienst brachten keine neuen Erkenntnisse.

Guter Rat ist teuer. Da fällt ihm im Informationsständer des Briloner Museums ein Prospekt in die Hand, der ihn sofort aufmerken lässt.

Brilons Nachbarstadt Marsberg hat mit Hilfe eines Fördervereins einen Teil des alten Klosters Bredelar restauriert. Vielleicht gibt es da ein Anpackende. Also per Anhalter von Brilon nach Bestwig zurück und mit dem eigenen, wenn auch altersschwachen Golf nach Bredelar.

Franz Schrewe

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 9

Sein alter Golf hatte ihn nur ganz selten im Stich gelassen und auch heute brachte er ihn – wenn auch etwas klapprig und mürrisch geworden – sicher in Richtung Marsberg.

Kurz vor dem Ortseingang von Bredelar bot sich dem Journalisten vom Sonnenlicht hell erleuchtet das beeindruckende Bild eines vorzüglich restaurierten Klosterkomplexes. Er hatte schon einmal von unterirdischen Gewölben und einer Klostermühle gehört. Sollte sich dort vielleicht die schwarze Hand befinden? Er parkte seinen Wagen in der Nähe des Westflügels und betrat das denkmalgeschützte Kloster.

„Leider konnte bisher nur der Westflügel und die ehemalige Klosterkirche restauriert werden. Für den Rest suchen wir noch einen Investor. Aber auch der wird sich noch finden“, war die zuversichtliche Antwort von Frau Veith, der Geschäftsführerin des Fördervereins Kloster Bredelar auf seine Frage zum ehemaligen Kloster und der späteren Eisenhütte Bredelar. Gerne und auch ein wenig stolz zeigte sie ihm die vorbildlich hergerichteten Räumlichkeiten, die heute zum überwiegenden Teil von ortsansässigen Vereinen genutzt werden und verwies auf die vielfältigen Veranstaltungen im Verlaufe eines Jahres.

Er war zwar neugierig geworden, aber die kleine Nachtmusik rief ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Sollte er hier eine Spur von der schwarzen Hand finden? So interessant das Kloster und dessen neuerliche Nutzung auch waren, die Hoffnung hier eine mumifizierte Hand zu entdecken, war verschwindend gering. Er griff aufgeschreckt nach Mozart und der Nachtmusik. „Ja ich bin noch im Kloster“. - Und – „Nein keine Spur! Wo steckst Du überhaupt?“ Wendler teilte ihm mit, das der Erpresser nun endlich einen neuen Übergabetermin mitgeteilt hätte und das er zurzeit im Magnus Cafe in der Hauptstraße von Niedermarsberg bei einem guten Glas Westheimer sitzen würde. Die Übergabe der schwarzen Hand sollte auf geweihtem aber auch gleichzeitig auf historischem Boden stattfinden.

Welcher Ort wäre hierzu wohl geeigneter als die ehrwürdige Stiftskirche in Obermarsberg, hätte der Erpresser gesagt.

Related content „Recht hat er ja! Der weiß, was er will“, Schulthof erinnerte sich an einen alten Stadtführer von Obermarsberg, der ihm vor längerer Zeit einmal in die Hände gefallen war.

Grau erinnerte er sich auch an die Geschichten von Karl dem Großen und der Christianisierung des Sachsenlandes. War da nicht auch noch ein Bild von so einer Irminsul, irgend so ein Heiligtum, dass die Sachsen verehrten. Ach - und wurde da nicht auch noch die Perle der Frühgotik erwähnt, die nun, wie hieß sie denn noch?

Ach ja die Nikolaikirche in der Oberstadt. Zwei hochrangige Gotteshäuser in einer kleinen Stadt, wo man wohl eher nur eine kleine mickrige Kirche vermutet hätte. Er beschloss, bei Gelegenheit diesem Ort auf dem Eresberg bald einen erneuten Besuch abzustatten. So viel gab es doch noch zu entdecken. „Gut, mein lieber Unbekannter, einen besseren Platz hättest Du Dir wirklich nicht aussuchen können. Ich bin gespannt auf die Übergabe und gespannt darauf, Dich kennenzulernen!“ „Punkt 22 Uhr auf dem Friedhof vor der Stiftskirche!“, teilte ihm der Kriminalkommissar mit und schlug ihm vor, doch zu ihm ins Cafe zu kommen.

„Der Erpresser scheint es mit der Liebe zum Detail und den historischen Örtlichkeiten recht ernst zu nehmen“, grummelte Schulthof zu seinem alten Freund, als er an seinem frisch gezapften Westheimer Pils nippte. „Neben der bedeutenden Geschichte hat dieses Örtchen aber noch einiges mehr zu bieten!“ „Stimmt“, pflichtete ihm Wendler zu. „Die brauen hier nicht nur ihr eigenes köstliches Bier, die stellen auch noch ihre eigenen Gläser dazu her“. „Und ihr eigenes Klopapier von der Wepa!“, scherzte Schulthof. „Sind ja so etwas wie Selbstversorger, obwohl sie wohl mit dem Glas von Ritzenhoff die ganze Welt versorgen!“, schmunzelte sein Freund. „Die örtliche Polizei ist informiert, ich bin gespannt, wer uns da heute Abend in die Falle tappt!“ Schon von weitem erhob sich majestätisch das hell erleuchtete Wahrzeichen von Obermarsberg vor den Augen der beiden Freunde.

Auf den Weg zum Übergabepunkt klingelte erneut das Handy des Kriminalkommissars. Erschrocken schauten sie sich an. Der Anruf bedeutete gewiss nichts Gutes. „Ihr habt zwar in Marsberg die älteste Psychiatrie von Westfalen, aber glaubt ja nicht, dass ich mich deshalb in diesem schönen Städtchen für dumm verkaufen lasse!“, röhrte der Erpresser durch die Hörmuschel. Und weiter raunzte er in den Hörer: „Im hellen Rampenlicht der Scheinwerfer der Stiftskirche werdet ihr die schwarze Hand nie zu Gesicht bekommen. Nicht nur Marsberg auch Medebach ist ein schönes Städtchen. Morgen, Herr Kommissar, morgen kommt Deine letzte Chance!“ Abrupt endete das Gespräch.

Hubertus Klenner

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 10

Medebach also, auch wenn Hendrik Schulthof dieses Katz- und Mausspiel so langsam auf die Nerven ging, machte sich eine wohlige Wärme in ihm breit, wenn er an die schöne, alte Hansestadt dachte.

Hatte er doch in seinen Kinder- und Jugendtagen fast jede Ferien bei seinem Onkel, seiner Tante und seinem gleichaltrigen Cousin in Medebach verbracht. Wie in einem Film kamen vor seinem inneren Auge die Erinnerungen wieder hoch ... – ...

Die unbeschwerte Zeit in der unberührten Natur des europäischen Vogelschutzgebietes Medebacher Bucht, ... – ... die Streiche, die er mit seinem Cousin ausgeheckt hatte, ... – ... die erste Flasche Bier, die erste Zigarette und vor allem der erste Kuss hinter der Schützenhalle auf dem Medebacher Schützenfest... – ...

„Sag mal, träumst Du?“ Peter Wendlers Frage holte Schulthof in die Realität zurück.

Nach einer wieder einmal viel zu kurzen Nacht voller Grübeln und unruhigen Träumen machten sich die beiden am nächsten Morgen in Peter Wendlers Auto auf nach Medebach.

„Hier hat sich ja ganz schön was getan,“ pfiff Schulthof anerkennend durch die Zähne, als er den Marktplatz und das neue Rathaus im Herzen der Stadt erblickte.

Zwar verfolgte er durch seine Verbindung zu Medebach die regionale Presse, aber nun sah er das neu gestaltete Stadtzentrum zum ersten Mal selbst. Er wollte seinem Jugendfreund gerade eine nicht ganz jugendfreie Story aus der Zeit erzählen, als dort, wo nun das Rathaus steht, noch die berüchtigte „Hacienda“ der Anlaufpunkt von Medebacher Jugend und Jung gebliebenen war, als ein Summen von Wendlers Handy, einen SMS-Eingang signalisierte.

„Was soll der Scheiß denn,“ entfuhr es dem Kommissar, der will uns jetzt wohl komplett verarschen. Ich versteh gar nichts mehr. Wendler reichte Schulthof das Handy und dieser las die Nachricht vom unbekannten Absender:

„Früher Akten, heute Bier, dann Zug um Zug, sucht im Gewölbe unter Caspars Himmel.“

Während Wendler noch fluchte, lichtete sich bei Schulthof langsam aber sicher der Nebel. „Ich hab’s, ich hab das Rätsel gelöst!“ „Was, wirklich?“, Wendler war verdutzt.

„Ja, es hat doch etwas genutzt, dass ich mich über Medebach immer auf dem Laufenden gehalten habe. Früher Akten, heute Bier – da kann es sich nur um das alte Rathaus handeln, wo vor kurzem das neue Brauhaus eröffnet wurde.

Dann Zug um Zug – das ist ein Hinweis, sich in Richtung Hansesaal zu bewegen, dort erstellt der Heimat- und Geschichtsverein gerade ein Modell der Kleinbahn Steinhelle-Medebach mit vielen Modelleisenbahnen, also Zügen.

Und der letzte Hinweis zielt eindeutig auf den alten Gewölbekeller unter dem Museum hin, denn mit Caspar ist Caspar Vopelius, der berühmte Sohn der Stadt Medebach, gemeint, der im Mittelalter als Kartograph und Himmelsforscher Berühmtheit erlangte. Eines seiner Himmelsmodelle die Armillarsphäre wird im Heimatmuseum ausgestellt.“

„Mensch Hendrik, ich sag’s nicht gerne, aber manchmal bist Du einfach genial“ frohlockte Wendler. „Los, ab zum Museum.“ „ Aber Peter, sollten wir nicht erst Deine Kollegen informieren, schließlich bist Du in Eurem Verein nur der Pressefuzzi.“ „Nein, nein, komm schon, das ist unsere Chance. Der Entführer der schwarzen Hand wird nie vermuten, dass wir das Rätsel so schnell lösen.“

Wendler riss Schulthof am Arm mit sich. Schulthof dachte schon wieder an die angenehmeren Dinge des Lebens: „Ja und wenn wir den Fall gelöst haben, lädst Du mich auf ein Bier im Brauhaus ein, das soll nämlich das beste in der ganzen Region sein.“

Als die beiden am Museum ankamen, mussten sie feststellen, dass das Museum erst nachmittags geöffnet war. Enttäuscht lehnte sich Peter Wendler gegen die Tür, die aber sofort nachgab.

„Hendrik“ flüsterte er, „die Tür ist offen, der Kerl ist hier drin.“ Schulthof musste sich kurz orientieren, fand sich dann aber wieder im Museum zurecht. „Mein letzter Besuch ist hier wohl schon über 20 Jahre her, aber dort vorne müsste die Tür zum Gewölbekeller sein, mein Onkel hat ihn mir damals gezeigt.“ Die Tür stand ebenfalls offen…

Wendler drückte den Lichtschalter, doch es tat sich nichts und so tasteten sich die beiden die steile Treppe zum seit Jahrzehnten nicht mehr genutzten Gewölbekeller hinunter. Lediglich das fahle Licht der Lichtschächte gab ihnen etwas Sicht. Jede Sehne, jeder Muskel ihrer Körper war angespannt und die Nervosität war kaum auszuhalten, als sie den kleinen Gewölbekeller betraten.

Wendler zückte seine Dienstwaffe und betrat als erster das Gewölbe. Doch dann … nichts, keine Menschenseele war im Keller.

Aber dort in der Ecke stand ein Pappkarton. „Da muss die Hand drin sein“, rief Wendler, schritt zielsicher in die düstere Ecke des Gewölbes und griff beherzt in die Schachtel.

Ein gellender Schmerzensschrei erfüllte das Kellergewölbe, dass es Schulthof durch Mark und Bein fuhr. Im nächsten Moment sah ihn sein Freund mit weit aufgerissenen Augen an und schrie: „Mich hat etwas gebissen.“ Im gleichen Augenblick sah Schult­hof eine Schlange aus dem Karton kriechen.

Schulthof stützte Wendler als er diesen aus dem Kellergewölbe führte und mit seinem Handy den Notarzt rief. Jetzt war klar, sie hatten es nicht mit einem einfachen Räuber oder Erpresser zu tun, das Ganze nahm so langsam psychopathische Züge an.

Als kurze Zeit später der Notarzt kam, war Wendler der Ohnmacht nahe. Der Arzt konnte Schulthof aber beruhigen: „Wir kriegen Ihren Freund im Winterberger Krankenhaus schon wieder hin, da können wir nämlich viel mehr als verunglückte Skifahrer oder Mountainbiker zusammenzuflicken.“ Schulthof lächelte gequält, denn ihm war zu allem anderen, aber nicht zum Scherzen zu Mute.

In diesem Moment zeigte das Handy, dass Wendler ihm übergeben hatte erneut eine Nachricht von einem unbekannten Absender an: „So geht es allen, die ihre Hand nach der schwarzen Hand ausstrecken wollen! Bist Du bereit für eine nächste Runde in Hallenberg?“

Thomas Grosche

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 11

Also auf nach Hallenberg. Am Ortseingang sah Schulhof das Naturbad und den neuen Kunstrasenplatz. Da hatte er früher oft gespielt und gegen die alte Garde vom SuS Hallenberg keine Schnitte bekommen. „Da müsste man noch mal Fussballspielen dürfen“ dachte er. Ihm taten heute noch die Schienbeine weh von den Stürzen auf dem alten Ascheplatz.

Rechts ging es zur Freilichtbühne. Dort wurde bereits wieder für die nächste Spielsaison geprobt. Viel zu unruhig für ein Versteck. Er fuhr langsam durch die Stadt und hoffte auf die Eingebung. Und plötzlich war sie da. Ein Geistesblitz. Hatte er nicht in der Westfalenpost gelesen, das der Hallenberger Stadtrat die Menschen, die während der Zeit der Hexenverfolgung unschuldig verurteilt und hingerichtet wurden, rehabilitiert hat? Sein Handy konnte nicht nur Mozart, sondern auch Internet.

Schnell hatte er den Bericht gefunden. 200 Menschen waren damals in Hallenberg in die Verfahren involviert. 43 wurden hingerichtet und verbrannt.

Im Jahr 1717 gab es den letzten Hexenprozess in Hallenberg. 5 Jahre später, 1722, wurde die schwarze Hand gefunden.

Ein Zufall oder sollte es hier einen Zusammenhang geben? Gehörte die schwarze Hand nach Hallenberg? Hatte der Täter die Hand nicht entführt, sondern nur heimgeholt?

Nach dem letzten Hexenprozess wurde 1722 in Hallenberg die schwarze Hand gefunden. Schulthof entdeckt im Eishäuschen eine neue Spur

Er musste das Versteck finden. Schulthof grübelte. Wo versteckt man eine mumifizierte Hand? Schließlich muss sie konserviert werden. Eis. Das Eishäuschen. Er hatte auch gelesen das die Hallenberger das alte Eishäuschen restauriert hatten, in dem früher Eis für die Schützenfeste eingelagert wurde. „Im Eishäuschen wird gerade die neue Ausstellung – Sagenhafte Wesen zu Wasser und in der Luft- vorbereitet“. Die nette Dame im Touristikbüro im Kump beschrieb ihm den kurzen Weg zu dem viereckigen Bruchsteingebäude am Ortsausgang.

„Das kleinste und coolste Museum in Nordrhein-Westfalen“, so ist es auf einer Tafel am Eingang zu lesen. Als er die schwere Tür öffnete und den nur spärlich beleuchteten hohen Raum betrat fuhr ihm der Schrecken in die Glieder. Wie angewurzelt stand er da und starrte auf eine Gestalt die sein Blut gefrieren lies. Blutroter Overall und Kettensäge in der Hand. Sein letztes Stündchen hatte geschlagen. Ein Fluchtversuch war sinnlos, das erkannte er sofort. War das das Ende? Sein Puls raste, als der Kettensägenmann auf ihn zukam. „Joachim Knorra“, stellte er sich mit freundlicher Stimme vor, „schön das sie meine Ausstellung besuchen wollen“. Der Eiskünstler war gerade dabei, seinen Skulpturen mit Säge und Meißel den letzten Schliff zu geben. In großen offenen Eistruhen waren die hellblau angestrahlten Figuren zu sehen. Elfen und Fabelwesen, sogar Pflanzen hatte Joachim Knorra bearbeitet und eingefroren.

Aber keine eingefrorene Hand. An den Wänden große Zangen und Eispickel. Toll gemacht von den Hallenbergern. So wurde also früher das Bier für die Schützenfeste gekühlt. „Ein kühles Bier könnte ich jetzt auch vertragen“ lechzte Schulhof. Tolle Ausstellung, viel Geschichte, viel Kunst, aber keine schwarze Hand.

Beim Rausgehen fiel sein Blick auf einen ausgelegten Flyer: Ruhewald Hallenberg. Auch eine neue Errungenschaft der Hallenberger. Vor einem halben Jahr hatten sie in Braunshausen den ersten Bestattungswald im Sauerland eröffnet. Sollte die Hand etwa nach 225 Jahren hier bestattet werden? Wollte sich der Täter die Grabpflege sparen? „Oder“, ihm kam ein böser Gedanke, „suchten die Hallenberger nur nach einem Werbeeffekt, nachdem Johannes Heesters nicht in den Kump kommt und auch nicht in den Ruhewald...“

Auf nach Braunshausen. Die Kreisstraße führt durch den kleinen Ort. Silberne Hinweisschilder weisen den Weg zum Ruhewald. Eine lange Anfahrt durch einen schönen Laubwald. Ruhig und still liegt der Ruhewald.

Das große Holzkreuz auf einer Lichtung wird von der Sonne beschienen. Schulhof setzt sich auf eine der Bänke „Wenn es so weit ist, will ich auch hier hin. Dann haben meine Kinder keine Arbeit mit mir und können mich trotzdem besuchen“. Er konnte den Gedanken nicht weiterverfolgen und den schönen Platz nicht länger genießen.

Schon wieder das Handy, schon wieder Mozart. „Claaßen, Winterberg, schnell“ war der kurze Hinweis von Kriminalkommissar Peter Wendler. Wow, Claaßen, schon bei dem ersten Gedanken kam Schulthof ins schwärmen. Hier hatte er vor vielen Jahren manches heiße Wochenende verbracht und er freute sich auf ein Wiedersehen. Aber heute war Freitag. Da war das „Waidmannsheil“ sicher überfüllt. Hoffentlich lies ihn der Türsteher rein. Ob es das Schwimmbecken vor der Bar noch gibt? Hier haben wir doch.... seine Gedanken zauberten ein Lächeln auf sein Gesicht. Aber erst die Arbeit. Auf nach Winterberg.

Michael Kronauge

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 12

„Na, bist Du etwa wieder mit angezogener Handbreme gefahren oder macht Deine alte Kiste langsam schlapp? Ich warte hier schon eine halbe Ewigkeit auf Dich“, raunzte Kommissar Wendler seinen alten Freund an, als dieser endlich vor dem ehemaligen Hotel Claaßen in Winterberg parkte. „Das war gar nicht so einfach“, motzte Schulthof zurück, „hier in Winterberg hat sich in den vergangenen Jahren so einiges getan und die beiden Umgehungsstraßen gab es in meiner Jugend auch noch nicht. Aber was suchen wir hier eigentlich?“

Geheimnisvoll kramte Wendler einen Zettel heraus. Ein neuer Hinweis, der ihm natürlich anonym zugespielt worden war. Dort stand mit großen ausgeschnittenen Buchstaben: „Schwarze Hand auf weißem Schnee. Macht Euch auf die Socken und Waidmannsheil bei der Suche“.

„Weißer Schnee“ – das kann doch nur ein Hinweis auf Winterberg sein und „Waidmannsheil“ eine Anspielung auf „Claaßen“, was meinst Du?“, fragte er seinen alten Freund. „Ganz bestimmt“, entfuhr es spontan Schulthof. Wie gesagt, an „Waidmannsheil“ im Claaßen hatte er nur die allerbesten Erinnerungen.

Jetzt aber schien das Gebäude nicht mehr im besten Zustand zu sein. „Hier hat der Zahn der Zeit aber kräftig genagt. Jetzt verstehe ich auch, warum die Winterberger zwei Umgehungsstraßen gebaut haben“, maulte Wendler. Widerwillig machten sich die beiden wieder einmal auf die Suche nach der schwarzen Hand. Doch im Gegensatz zu ihren bisherigen Bemühungen wurden sie diesmal schnell fündig. Gleich im Eingangsbereich stand eine alte, morsche Holzkiste, die mit einem Vorhängeschloss verschlossen war. Kein Problem für Wendler, der das Schloss mit einem Bolzenschneider sprengte. Verwundert schaute ihn Schulthof an. Nicht schlecht ausgerüstet für einen Pressefuzzi der Polizei, dachte er insgeheim.

Wendler machte es spannend: „Tritt mal zur Seite, man kann nie wissen.“

Auch wenn er es nicht zugab, der Biss der Schlange im Medebacher Museumskeller hatte ihm einen gehörigen Schrecken eingejagt und auf ein ähnliches Erlebnis hatte er nun wirklich keinen Bock.

Mit einem festen Ruck riss er den Deckel der Holzkiste hoch und starrte in das Innere. „Mist, die schwarze Hand ist es natürlich wieder nicht“, rief er enttäuscht und erzürnt. Nur wieder so ein blöder Zettel.“

Schulthoff entriss ihm genervt das Dokument aus den Händen. Was er dort las, verblüffte ihn völlig: „Warum in alte Zeiten schweifen, sieh das Gute liegt so nah“, stand da in großen schwarzen Buchstaben.

„Das darf doch wohl nicht wahr sein“, Schulthof war außer sich vor Wut und Enttäuschung, „da will uns einer doch verarschen und es macht ihm sichtlich Spaß, uns an der Nase herumführen.“

Widerwillig macht sich das Duo in Winterberg auf die Socken und folgt einer geheimnisvollen Notiz: Schwarze Hand auf weißem Schnee

Auch Wendler war nicht zum Lachen zumute. Zu viel Nerven hatte ihn diese Suche bereits gekostet. Dennoch war er nach einem langen Vakuum in Kopf und Gemüt schließlich der Erste, der sich wieder ein wenig gefangen hatte: „Also gut, gehen wir auf sein Spiel und den neuen Hinweis ein. „Das Gute liegt so nah. Nun, Winterberg hat ja wirklich einiges zu bieten“, überlegte Wendler und dachte an seinen Skiurlaub, den er mit seiner Familie vor drei Jahren hier verbracht hatte. Da waren ihm schon die herrlichen Skigebiete, der „Kahle Asten“, die St. Georg-Sprungschanze und natürlich die Bob- und Rodelbahn aufgefallen. Zudem hatten seine Kinder bei einem sommerlichen Schulausflug schon mal die Sommerrodelbahn und den Kletterwald in Winterberg ausprobiert und sogar unverletzt überstanden. Und auch beim Kegelausflug mit seinen Kegelbrüdern hatte er im letzten Jahr das „Hexenhaus“, die „Dorfalm“ und die „Tenne“ bis früh in die Morgenstunden ausprobiert - aber das musste ja seine Frau nicht unbedingt wissen.

In der Zeitung hatte er zudem gelesen, dass nach dem neuen Bahnareal im Stadtzentrum und dem neuen Landal-Feriendorf nun Mitte des Jahres auch noch das große multifunktionelle „Oversum Vital Resort Winterberg“ eröffnet werden soll. Und das wurde genau dort im Winterberger Kurpark errichtet, wo vor zwei Jahren noch die Eissporthalle angesiedelt war.

Gut, die Eissporthalle, das wäre noch ein geeignetes Versteck für die Konservierung der mumifizierten Hand gewesen, dachte sich Wendler. Doch diese Sportstätte musste der wetterunabhängigen Freizeit- und Infrastruktureinrichtung weichen und war inzwischen abgerissen worden. Und damit verlief die Spurensuche, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, erneut im Sand. Es war zum verrückt werden.

„Es macht alles keinen Sinn, wir drehen uns im Kreis“, stellte Wendler resignierend fest. So langsam hatte er dieses „Spielchen“ gehörig satt. Und auch die neuen Hinweise „Weißer Schnee“ und „Waidmannsheil“ hatten nicht wirklich weitergeholfen.

„Moment mal“, entfuhr es Schulthof plötzlich und man merkte förmlich, wie es in seinen Gehirnzellen mächtig arbeitete, „was ist eigentlich mit dem anderen Hinweis: „Macht Euch auf die Socken“.

Jetzt fiel es ihm auf einmal schlagartig ein: „Das ist doch eindeutig ein Hinweis auf die „Sockenstadt“ Schmallenberg. Warum sind wir da nicht eher drauf gekommen? Das muss die Botschaft sein: Sucht die schwarze Hand in Schmallenberg!“

Schulthof und Wendler schauten sich an. Und schon war er wieder da: Der kleine Hoffnungsschimmer. Und sie beschlossen, sich sofort „auf die Socken“ zu machen.

Werner Eickler

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 13

Die Wälder wurden immer tiefer und dunkler. Keine Menschenseele war zu sehen. Würde der Täter endlich Ernst machen?

In dieser großen Stadt würde es genug Übergabepunkte geben. Wendler schaute auf sein Handy. Die Empfangsstriche wurden schwächer. Das Wort „Hexenplatz“ konnte er gerade noch lesen. Dann erlosch die Anzeige. Aber der Hinweis passte.

Sie bogen in den Wald ab und tasteten sich langsam voran. Ohne Navi halfen die Wegweiser. An fast jeder Kreuzung stiegen sie aus und studierten die Hinweise. Oberkirchen 4 km, Waldskulpturenweg 3 km. In einer verwunschenen Mulde waren sie am Ziel. Das Kunstwerk erinnerte an ein untergegangenes vermeintliches Hexendorf. Sollte es hier noch okkulte Bräuche geben und jemand die Schwarze Hand deswegen gestohlen haben? Totenstille im Wald. Alles verlassen. Kein Hinweis auf einen toten Briefkasten.

„Spinnenfuß und Krötenbein, wir sind viele Geisterlein! Wir haben leere Taschen und wollen was zu Naschen!“ Gemeinsam hatten die beiden dieses Lied in alten Zeiten an Halloween gesungen. Plötzlich stellten sie fest, dass ihre Mägen knurrten. Leerer Bauch sucht nicht gern. Sie fuhren nach Schmallenberg in den historischen Stadtkern, fanden ein schönes Zimmer, speisten ausgiebig und machten noch einen Zug durch die Gemeinde.

Einige Bierchen in den gut gefüllten Wirtshäusern halfen über die Orientierungslosigkeit hinweg. Nach einem prächtigen Schlaf sammelten sich am Morgen die sieben Sinne. Die Gegend hier ist gut katholisch. Wollte vielleicht jemand die Schwarze Hand bestatten und ihr den ewigen Frieden geben? Dann müssten sie nach Wormbach, zur Urpfarrei. Manche behaupten, dort sei der schönste Kirchhof Westfalens. Jedenfalls wurden vor Jahrhunderten Menschen aus ganz Südwestfalen hier bestattet. Die alten Totenwege werden wieder erschlossen und in die Erinnerung gerufen. In null Komma nichts waren sie da und stiegen aus. Die frische Luft konnten sie gut gebrauchen. Jedes Grab wurde von einem schlichten Holzkreuz geschmückt. Der Eindruck war überwältigend. Wendler entdeckte einen frischen Erdhaufen. „Nichts wie hin, vielleicht hat die Suche hier ein Ende!“, sagte er zu Hendrik Schulthof. Sie beschleunigten ihre Schritte und erreichten das Grab. Dort stand ein Mann und sah sie an. „Kommen Sie zur Beerdigung? Sie sind zu früh, die ist doch erst heute Nachmittag.“ Die alten Freunde sahen sich an. Wieder nichts. „Diese Irrfahrt dauert bald lange genug. Ich muss ans Geldverdienen denken. Sollen wir aufhören?“, sagte Schulthof. Wendler erwiderte: „Nein, lass uns noch einen letzten Versuch starten. Wir fahren noch einmal nach Bödefeld. Vielleicht haben wir etwas übersehen.“

Auf ihrem Weg kamen sie durch Bad Fredeburg und quälten sich durch die Serpentine. „Ein richtig schöner Ort.“, sagte Wendler, „Aber mit einer Umgehungsstraße wäre uns auch geholfen.“ Schulthof drehte das Radio an. Radio Sauerland berichtete, dass der Bödefelder Pfarrer gestern verabschiedet worden war. Nach Jahrhunderten würde der Ort keinen Pfarrer mehr haben. Wieder schauten sich die beiden an. Das war ein einschneidendes Ereignis für das Dorf. Hatten sie vielleicht deshalb selbst die Schwarze Hand herausgenommen, um ein Zeichen zu setzen und an diesen denkwürdigen Tag zu erinnern? Wendler fiel ein, dass keine Einbruchsspuren zu sehen gewesen waren. Hatten die Bödefelder selbst die Schwarze Hand weggenommen, um an diesen denkwürdigen Tag zu erinnern und Aufmerksamkeit zu bekommen? „Oder“, sagte Schulthof, „man darf es ja gar nicht denken, könnte der Pfarrer die Schwarze Hand zur Erinnerung mitnehmen wollen?“ So ganz abwegig schien das alles nicht, denn die Lösegeldforderung von 5.000 € war ihnen von Anfang an niedrig vorgekommen. Und so richtig ernsthaft hatte der Täter auch keine Übergabe inszeniert. Sie hatten öfter das Gefühl gehabt, dass sich jemand einen Spaß mit ihnen mache und sie durch den Hochsauerlandkreis schicke.

Bernhard Halbe

Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 14

Wendler und Schulthof fluchten und fühlten sich an der Nase herumgeführt. In zwölf Städten und Gemeinden hatten sie vergeblich gesucht, hatten historische Stätten und touristische Sehenswürdigkeiten kennen gelernt und manchen städtischen Werbeblock gehört. Aber eine Spur von der Schwarzen Hand?

„Lass uns ein Bier trinken bei Hennecken in Gellinghausen“, sagte Peter Wendler. „Vielleicht kommen uns dabei neue Gedanken“, fügte er an und Schulthof’s Durst erinnerte diesen an einen Schmallenberger Mitbürger, der immer den Ausspruch zu sagen pflegte, dass Bier nur in Mengen schmecke. Nach reichlichem Pilsgenuss und tiefen Träumen in angenehmen Hotelbetten wurden sie an Hennecken Rezeption von einer neuen Nachricht überrascht.

Wenn in keinem Ort des Hochsauerlandkreises ein Fundort auszumachen war, blieb eigentlich nur ein Ort übrig, der quasi exterritoriales Gebiet ist.

Das Kreishaus. Warum verdext, waren sie darauf nicht schon vorher gekommen.

Ab nach Meschede. Steinstraße 27. Ein großer Gebäudekomplex, mehrflügelig, sechs Geschosse, also ein ideales Versteck.

Wo aber suchen? Im Büro des Landrats? Das wäre zu einfach! Der kommt übrigens aus Schmallenberg und kommt mit den Bödefeldern gut zurecht. Wo jetzt nur fündig werden? Im Amt für Wasserwirtschaft, im Gesundheitsamt, bei der Wirtschaftsförderung, bei der Umweltbehörde, im Schulamt?

Ämter über Ämter! Da schießt es Schulthof durch den Kopf – er hat die Lösung. In der Kämmerei, der Finanzabteilung des Kreises – die kann immer Geld gebrauchen, hat die Schwarze Hand an sich genommen und will mit dem erzielten Lösegeld die Kreiskasse auffüllen.

„Wenn das die Bürgermeister erfahren, gibt es einen Skandal“, wandte Wendler ein. Es wäre zu schön gewesen. Aber auch in der Kämmerei „Fehlanzeige“. Eigentlich klar, denn 5000 Euro helfen bei einem Kreisetat von über 310 Millionen Euro auch nicht viel weiter.

Wendler und Schulthof setzen sich bedrückt ins Auto, zuckeln zurück nach Bödefeld, halten auf dem Parkplatz vor der Kirche und sehen jemand vom Sauerlandtourismus, der die Schwarze Hand gerade wieder zu ihrem Platz bringen will.

Der hatte sich seinen Spaß gemacht. Er wollte mit seiner , übrigens mit dem scheidenden Pastor abgesprochenen Aktion auch zwei gestandenen Sauerländern mal wieder die Schönheit der Städte und Gemeinden des Kreises zeigen. Ähnliche Aktionen in der Zukunft sollen dazu führen, dass möglichst viele Sauerländer die vielfältige Landschaft und Natur ihrer Heimat häufiger unter die Lupe nehmen, um Gästen Sauerländer Lebensart vermitteln zu können. „Merkwürdig“ stammelten Wendler und Schulthof unisono hervor, „aber Touristiker kommen schon mal auf die tollsten Ideen“.

ENDE

Dr. Karl Schneider