Das Ende der VHS-Kassette - In Neuenrade gibt es noch welche

Der Geschäftsführer des Speichermedienherstellers SK, Jörg Hellweg, hält am Dienstag (07.07.15) in Neuenrade in einem Besprechungsraum des Unternehmens das Band einer VHS-Videokassette.
Der Geschäftsführer des Speichermedienherstellers SK, Jörg Hellweg, hält am Dienstag (07.07.15) in Neuenrade in einem Besprechungsraum des Unternehmens das Band einer VHS-Videokassette.
Foto: Volker Hartmann/ FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
VHS-Kassetten werden nicht mehr hergestellt, aber noch verkauft. Das Unternehmen SK in Neuenrade will sich die letzten gesichert haben.

Neuenrade.. Der Abspann läuft. Zurückspulen – das ist nicht mehr möglich. Die Klappe ist gefallen für die VHS-Videokassetten. Nach etwa 40 Jahren. Das letzte verbliebene Unternehmen, das die Bänder in Südkorea noch herstellte, hat nun die Produktion aufgegeben. Die letzten ihrer Kassetten, eine sechsstellige Zahl, haben die Südkoreaner ins Sauerland geschickt.

Das behauptet zumindest Jörg Hellweg. Mit seinem Unternehmen SK (Sauerland-Kunststoff) hat er sich in Neuenrade darauf spezialisiert, Eigenmarken für Speichermedien zu vertreiben und damit die großen Handelsunternehmen zu beliefern.

Produktion von VHS-Cassetten läuft zum Jahresende aus

Ob er nun tatsächlich die weltweit allerletzten Bänder hat – darauf kann er selbst nicht Brief und Siegel geben. Ohnehin gibt es noch Lagerbestände, erhältlich sind Leerkassetten mithin weiter für die Verbraucher. Doch bis zum Jahresende läuft das Produkt aus, bestätigt man auch bei der deutschen Niederlassung von Maxell, dass die VHS-Leerkassetten nicht weiter hergestellt werden. Was aus den Kassetten der Marke TDK wird, dazu war vom Mutterunternehmen „Imation“ keine Stellungnahme zu bekommen.

Vorbei also die Zeit der Lichtblitze, des heimeligen optischen Knisterns quasi, das sich einstellte, wenn die Bänder älter oder überspielt wurden. Vorbei die Zeit des dumpfen Tons. Stattdessen nur noch hochauflösende, perfekte Full-HD-Bilder, die nichts vom verknautschten Charme der 70er- und 80er-Jahre-Filme mehr haben. Vorbei die Zeit des zappeligen Suchlaufes, um die zwangsläufig mit aufgezeichnete Werbung zu überspringen. Tonträger

Dabei vertreibt Jörg Hellweg jeden Monat in Deutschland noch immer fünfstellige Stückzahlen des antiquierten Speichermediums. Wer so etwas kauft? „Die ältere Generation“, sagt der 49-Jährige. Menschen wie sein Vater, die mit zwei Tasten die Aufnahme starten wollen, statt einen DVD-Rekorder zu programmieren.

343 Meter Videoband pro Cassette

Doch es sind nur noch wenige Verbraucher übrig, nur ein Bruchteil derer aus den 80er und 90er Jahren. Damals produzierte Sauerland-Kunststoff die Bänder sogar selbst, hatte in Holland ein Werk von Philips übernommen. In Neuenrade wurden die Bänder in die Kassetten umgespult, 343 Meter pro Gehäuse, dann in den Kartonschuber gesteckt, ein Etikett zur Beschriftung dazugelegt, in Folien verschweißt und in Kartons verpackt.

Eine Arbeit, die Jörg Hellweg als Schüler in den Ferien selbst übernommen hat. 1984 hat er seine Lehre zum Industriekaufmann bei Sauerland-Kunststoff begonnen, hat später jahrelang den Vertrieb geleitet und ist seit 2010 nun Geschäftsführer. Musik

Er ist im Unternehmen groß geworden – und das Unternehmen ist mit den Videokassetten und dem Trend zu den Handelsmarken gewachsen. Längst aber machen die VHS-Kassetten nur einen geringen Teil des Umsatzes aus, stattdessen handelt SK mit DVD- und CD-Rohlingen, USB-Sticks. Und ist im Zeitalter von Cloud-Speichern und Streaming-Diensten im Internet immer auf der Suche nach einem neuen Drehbuch für das Unternehmen, also nach anderen Produkten.

3,5-Zoll-Disketten im Angebot

Doch ist der 49-Jährige Hellweg zuversichtlich, dass sein Betrieb mit 60 Mitarbeitern in Neuenrade auch von den alten Schätzchen weiter existieren kann. „Wir schreiben das Jahr 2015 – und verkaufen immer noch 3,5-Zoll-Disketten mit 1,44 MB“, sagt er und schmunzelt.

Nur für die Videokassetten heißt es nun „Ende“. Jörg Hellweg schätzt: „Der Vorrat reicht noch bis Anfang 2016.“ Und dann? „Man kann“, tröstet Hellweg, „noch immer überspielen.“ Zurück also zum Vorspann.