„Damit unsere Jugend ihre Geschichte lernt“

Ankara..  Mit Schiefertafel, Kreide und Zeigestock: So reiste er durch Anatolien, um seinen Bürgern das lateinische Alphabet beizubringen, das in der türkischen Republik am 1. November 1928 die bis dahin gebräuchlichen arabischen Schriftzeichen ersetzte – Mustafa Kemal Atatürk, Staatsgründer und Oberlehrer der Nation. Jetzt schickt sich ein anderer an, die Reform zurückzudrehen: Präsident Recep Tayyip Erdogan. Er möchte das osmanische Türkisch, das in arabischen Zeichen geschrieben wird, als Lehrfach in den Schulen einführen – „damit unsere Jugend ihre Geschichte lernt“, wie Erdogan erklärt.

Atatürk und die Westorientierung

Atatürk wollte Ende der 1920er Jahre mit der neuen Schrift, wie mit der Einführung des Gregorianischen Kalenders und des metrischen Systems die Westorientierung des Landes zementieren. Vor allem aber sollte die Einführung der leichter zu erlernenden lateinischen Buchstaben helfen, die hohe Analphabetenrate in der Türkei zu senken. Das glückte. Während bei Gründung der Republik 1923 nur 2,5 Prozent der Türken lesen und schreiben konnten, waren es 1930 bereits 30 Prozent. Heute sind es 93 Prozent.

Erdogan hält die Sprachreform allerdings für einen Rückschritt. „Wir hatten eine Sprache, die für das Studium der Wissenschaft sehr geeignet war. Eines Morgens wachten wir auf, und unsere Sprache war weg“, klagt der Präsident. Sein Plan zur Wiedereinführung des Osmanischen, das neben türkischen auch viele arabische und persische Worte enthält, ist Teil einer größer angelegten Strategie der Rückbesinnung auf die Größe des im Ersten Weltkrieg untergegangenen osmanischen Reichs. Hand in Hand damit geht die Islamisierung des Bildungswesens. „Wir wollen eine religiöse Jugend heranziehen“, hatte Erdogan bereits 2012 als Premierminister erklärt.

So werden jetzt immer mehr Gymnasien in Imam-Hatip-Schulen umgewandelt. An diesen Religionsschulen, die ursprünglich der islamischen Priesterausbildung dienten, steht der Koranunterricht im Mittelpunkt. Zum Beginn des neuen Schuljahres wurden im vergangenen Herbst zahlreiche säkulare Gymnasien in Religionsschulen umgewandelt – ohne die Eltern oder gar die Schüler zu fragen. Seit 2012 wurden fast 1700 Mittelschulen und 1500 Gymnasien in Religionsschulen umfunktioniert. Anfang Dezember beschloss der Nationale Bildungsrat, den islamischen Religionsunterricht bereits ab der ersten Grundschulklasse als Pflichtfach einzuführen und die Zahl der Unterrichtsstunden zu verdoppeln.

Der stellvertretende CHP-Vorsitzende Özcelik fürchtet: „Die nächste Generation wird nichts mehr von der Evolutionstheorie wissen.“ CHP-Vize-Fraktionschef Hamzacebi glaubt, dass Erdogan mit dem Osmanischunterricht das Ziel verfolgt, das lateinische ABC durch die arabischen Schriftzeichen zu ersetzen.

Osmanisch auf dem Stundenplan

Auch Selahattin Demirtas, Co-Vorsitzender der pro-kurdischen Partei HDP, ist empört: Während Erdogan Osmanisch auf den Stundenplan setze, sei Kurdisch an den staatlichen Schulen immer noch eine verbotene Sprache. Aber Erdogan bleibt dabei: „Ob sie es wollen oder nicht: Osmanisch wird in diesem Land gelehrt und gelernt werden.“