Dagmar Freitag: „Beim Sport lernt man fürs Leben“

Weitsprung bei den Bundesjugendspielen. Eine Mutter aus Baden-Württemberg hat eine Diskussion über den Wettbewerb angestoßen. Politiker aber wollen daran festhalten.
Weitsprung bei den Bundesjugendspielen. Eine Mutter aus Baden-Württemberg hat eine Diskussion über den Wettbewerb angestoßen. Politiker aber wollen daran festhalten.
Foto: Michael Korte
Was wir bereits wissen
Die SPD-Abgeordnete Dagmar Freitag aus dem Märkischen Kreis verteidigt die Bundesjugendspiele. Sie sagt, jedes Kind könne etwas, auch im Sport.

Hagen.. „Bundesjugendspiele abschaffen!“ Mit ihrer Online-Petition hat eine Dreifach-Mutter aus Baden-Württemberg auch bei den Lesern unserer Zeitung viel Widerhall gefunden. Dagmar Freitag, SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Märkischen Kreis und Vorsitzende des Sportausschusses, erklärt, warum sie die Bundesjugendspiele noch für zeitgemäß hält.

Sieger- oder Ehrenurkunde – wozu haben Sie es gebracht?

Dagmar Freitag: Bei den Bundesjugendspielen im Sommer waren es immer die begehrten Ehrenurkunden. Im Winter beim Turnen waren auch Siegerurkunden dabei. Ich habe mich aber immer auf die Wettkämpfe gefreut – völlig unabhängig davon, ob ich dann eine Sieger- oder Ehrenurkunde bekommen habe.

Nun gibt es Leser, die keine Urkunde oder nur eine Teilnahmeurkunde bekommen haben. Die hatten Bauchschmerzen vor den Wettkämpfen. . .

Kinder müssen lernen – und wissen dann irgendwann –, dass man im Leben Erfolge und Misserfolge haben wird. Nicht jedes Kind kann eine Ehrenurkunde gewinnen. Auch in anderen Schulfächern gibt es begabte und weniger begabte Kinder. Eltern und Lehrer müssen die Kinder darauf vorbereiten, dass jeder individuelle Stärken und Schwächen hat.

Wie denn?

Sie sollten den Kindern erklären, dass es nicht nur um den Gesamtsieg, sondern auch darum geht, die individuell beste Leistung zu zeigen. Und wenn die sich gegenüber dem Vorjahr verbessert hat, ein Kind statt 2,50 Meter nun auf einmal 2,60 Meter im Weitsprung schafft, dann ist das doch ein schöner Erfolg, für den Eltern und Lehrer das Kind auch loben sollten.

Lernt man bei den Bundesjugendspielen also fürs Leben? Bundesjugendspiele

Ja. Für mich ist Sport auch dazu da, Lebenserfahrung zu sammeln: Wenn es diesmal mit der guten Leistung nicht geklappt hat, dann vielleicht beim nächsten Mal. Wenn ich in dieser Disziplin nicht gut bin, dann in einer anderen. Das ist nicht nur bei den Bundesjugendspielen so, sondern das ganze Leben hindurch. Im Übrigen müssen Kinder ja auch damit umgehen, wenn sie in der Mathearbeit nicht zu den Klassenbesten gehören. Im großen Fächerkanon der Schule kann nicht jeder alles gleich gut können.

Benotet wird das Fach Sport auch. Umgekehrt wird kein Kind zur Matheolympiade oder „Jugend forscht“ verpflichtet. . .

Ich glaube, das ist ein Unterschied. Sport ist ein Unterrichtsfach – glücklicherweise übrigens, denn nur in der Schule finden alle Kinder einen Zugang zum Sport. Zum Sport gehören nun einmal Wettkämpfe wie Bundesjugendspiele.

Manchen Lesern haben die Bundesjugendspiele die Freude am Sport verdorben. Das kann doch nicht in Ihrem Sinne sein?

Es wäre natürlich ganz falsch, den Sport, der auch zur Gesundheitsvorbeugung so wichtig ist, mit negativen Aspekten zu beladen. Sport muss Spaß machen. Jedes Kind kann etwas, auch im Sport. Es ist Aufgabe der Eltern, Lehrer und Vereine, diese individuellen Stärken herauszuarbeiten. Im Übrigen glaube ich nicht, dass ein einzelner Wettkampf, der ein- oder zweimal pro Jahr stattfindet, grundsätzlich die Freude am Sport und an Bewegung verderben kann.

Wie vertragen sich Bundesjugendspiele und Inklusionsgedanke?

Da wird man auf Ebene der Landesministerien und der Schulen individuelle Antworten und Lösungen finden müssen. Wir stehen noch ziemlich am Anfang des Prozesses. Es wird Behinderungen geben, die es einem Kind durchaus ermöglichen sollten, zumindest in einzelnen Disziplinen teilzunehmen. So, wie es aber auch Einschränkungen gibt, die eine Teilnahme tatsächlich unmöglich machen.

Wo hatten Sie eigentlich Ihre persönlichen Misserfolge?

Auf dem Schwebebalken und im Mathe-Unterricht. Wenn ich an Mathematik denke, habe ich meine Schulzeit nicht unbedingt in bester Erinnerung. Aber ich bin dann doch ganz gut durchs Leben gekommen.