"Copy & Paste?": Romeo und Julia nach der Hochzeit

Szene aus dem Stück „Copy & Paste?“ mit Patienten des Klinikums Deerth im Lutz des Theaters Hagen.
Szene aus dem Stück „Copy & Paste?“ mit Patienten des Klinikums Deerth im Lutz des Theaters Hagen.
Foto: Klaus Lefebvre / Theater Hagen
Was wir bereits wissen
Patienten einer Hagener Drogenklinik erobern in „Copy & Paste?“ im Theater Hagen die Bühne. Das neue soziokulturelle Theaterprojekt von Werner Hahn berührt das Publikum

Hagen.. 65 Zentimeter sind eine kleine Maßeinheit. Doch für die Patienten des Klinikums Deerth in Hagen bedeuten sie ein schier unüberwindliches Hindernis. Denn exakt 65 Zentimeter hoch ist die Bühne in der Spielstätte Lutz des Theaters Hagen. Und auf dieser Plattform wagen sich die 14 ehemals süchtigen Straftäter mit dem Stück „Copy & Paste?“ als Musiker, Tänzer und Schauspieler ins Rampenlicht.

Apollo Werner Hahn, Leiter der Jungen Bühne Lutz, bringt das Theater Hagen ohne Berührungsängste weit hinaus in die Stadt, auch zu Menschen, die man auf den ersten Blick nicht mit dem Musentempel in Verbindung bringt. Über 20 soziokulturelle Projekte hat das Lutz bisher realisiert. Im Vordergrund stehen die Biographien der Akteure. Daraus wird spannendes Theater.

Diskutieren und Improvisieren

„Es ging uns hier im Kern darum, wie weit man für seinen Lebensweg wirklich selbst verantwortlich ist. Oder wie weit ist der definiert von den Lebensmodellen und sozialen Umständen der näheren Umgebung? Darüber haben wir uns ausführlich unterhalten, Spielmodelle entwickelt, mit den Patienten zu dem Thema improvisiert. Und dann habe ich daraus ein Stück geschrieben“, schildert Hahn. Der Titel „Copy & Paste“ beschreibt den Konflikt. Er bezeichnet das Kopieren und Einfügen von bereits existierendem Material in ein neues Computer-Dokument.

Theater Lutz Michael und Rebecca sind wie Romeo und Julia nach der Hochzeit. Er kommt aus ärmlichen Verhältnissen, ihr Opa war Bürgermeister. Beide Familien sind wenig erfreut über die Verbindung, aber die Liebenden setzen sich durch. Damit fangen die Probleme an. Denn Michael ist auf das gnadenlose Arbeitsethos seiner Einwanderer-Vorfahren programmiert. Rebecca fühlt sich vernachlässigt und beginnt eine Affäre mit einem Drogendealer. Von ihrem Vater hat sie gelernt, vor Schwierigkeiten in den Rausch zu fliehen. Carlo, der Sohn, zerbricht an diesen Widersprüchen. „Ich stecke fest. In ihren Gedanken. In ihren Sätzen. In ihren Handlungen.“

Eine existenzielle Erfahrung

Für Rebecca, Michael, Frank, Willi, Ahmet, Robin, Patrick, Björn, Till, Chris, Pia und Chris R. bedeutet die Uraufführung, den Weg in völliges Neuland zu wagen. Proben und Diskutieren im geschützten Raum sind eine Sache. Vor ausverkauftem Haus mit Lampenfieber und Angst tatsächlich aufzutreten, ohne die anderen hängen zu lassen, ohne den Text oder die Bewegungsabläufe zu vergessen, das ist hingegen eine existenzielle Erfahrung. Rapper P Hightower bringt es im Stück auf den Punkt: „Jetzt bloß nicht versagen, bloß keine Panik. Man muss den Kopf anstrengen, hundert Prozent, bis der Vorhang fällt.“ Dass die Besucher hinterher im Stehen klatschen, muss die Gruppe erst einmal verdauen, die Akteure wirken wie im Traum.

Die Bühne besteht aus mobilen Steinen. Mit denen versuchen die Darsteller, sich ein Heim zu bauen. Sie können allerdings auch zum Gefängnis werden und einem buchstäblich im Weg liegen. Auf einem Podest spielt die Band mit Gal (Arrangements, Synthesizer), Chris R. (Gitarre, Gesang) und Hicham (Schlagzeug). Alle Musik ist selbstkomponiert, auch die Liedtexte sind selbst geschrieben.

In dieser Kulisse entstehen beim Spiel mit Worten und in den tollen, von Diana Ivancic choreographierten Tanzszenen berührende Momente. Sie zeigen eine zum Scheitern verurteilte Suche nach Zärtlichkeit und Nähe auf, vor allem thematisieren sie jedoch, wie Sprachlosigkeit und Frustration in Gewalt umschlagen. Am Ende ist aus Einzelschicksalen mit Drogenknick tatsächlich ein Ensemble geworden, das füreinander einsteht, das sich etwas zutraut. Werner Hahn: „Theater ist etwas, was Menschen nachhaltig verändert.“

Weitere Termine: www.theaterhagen.de