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Kunstsommer

Camera Obscura verwandelt Wehrturm in Lichtturm

10.08.2012 | 17:35 Uhr
Fotograf Manfred Haupthoff im Inneren der Camera Obscura im Arnsberger Lichtturm.

Arnsberg.  Seh-Erfahrung als Selbst-Erfahrung: In Arnsberg wird ein alter Stadtturm zum neuen Kunstort. Das Referenzprojekt verbindet Denkmalschutz mit zeitgenössischer Kunst.

Die ganze Welt passt durch ein kleines Loch. Und dann steht sie auf dem Kopf. Mit der begehbaren Camera Obscura im Arnsberger Lichtturm ist ein Referenzprojekt entstanden, das Denkmalschutz und zeitgenössische Kunst verbindet. Gestern Abend wurde der Lichtturm zur Eröffnung des Arnsberger Kunstsommers der Öffentlichkeit übergeben.

Eine Zeitreise ins Mittelalter: Aus dem Jahr 1293 stammt der alte Wehrturm. Der Besucher fühlt sich wie in der Wunderkammer eines sagenhaften Alchimisten. Denn er kann direkt in das Experiment hineingehen, mitten in die finstere Camera. Und dann erlebt er Arnsberger Stadtansichten „auf dem Kopf stehend, seitenverkehrt und in einer unglaublichen Schärfe und Farbstärke“, begeistert sich Künstler Manfred Haupthoff, der die Idee zu dem Projekt hatte und es realisiert. Das Panorama bewegt und verändert sich, man sieht und staunt in Echtzeit.

Arnsberger Camerae Obscura ist einzigartig

Etwa 40 begehbare Camerae Obscurae gibt es weltweit. Die Arnsberger ist unter ihnen einzigartig. Denn keine andere befindet sich in einem derart alten Gebäude. Und keine andere hat drei horizontale und getrennte Blickachsen in verschiedenen Blickrichtungen. Die Arnsberger arbeiten mit Durchsicht, das ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Kultur
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Ist da etwa Magie im Spiel? Das physikalische Prinzip der Camera Obscura hat schon Aristoteles gekannt, Leonardo da Vinci hat es beschrieben: Die Außenwelt wird in das Innere eines dunklen Raumes gespiegelt. Manfred Haupthoff nutzt als Fotograf die kleine Camera Obscura seit Jahrzehnten. So entstehen Bilder von Zwischenzeiten. Menschen, die sich schnell bewegen, bleiben unsichtbar. Meditierende Mönche aber oder Gäste, die still auf einem Caféstuhl sitzen, kann der Apparat aufnehmen. Die Arbeit mit der Camera Obscura bedeutet gewissermaßen eine Zeitreise. Auf den Fotos ist vieles zu sehen, was selbst den Künstler immer wieder überrascht. „Es steckt viel Kontemplation dahinter, das hat viel mit zur Ruhe kommen zu tun.“ Mit der begehbaren Camera Obscura kann jeder diese verblüffenden Effekte erforschen.

Wider der visuellen Dauerflut

Kunstsommer-Konzerte

„Manchmal kann ich mir selbst nicht erklären, warum ein nicht-technisches optisches Phänomen diese Faszination auslöst“, schwärmt Manfred Haupthoff. Es geht um Wahrnehmung, um unseren Zeitbegriff. Wir leben in einer Kultur des Zappens, digitale Bilder sind in Sekundenschnelle geknipst und verstopfen millionenfach die Festplatten. Wer will da noch hinschauen? „Wir unterliegen einer unglaublichen visuellen Dauerflut, das stumpft ab. Wir brauchen wieder Schlüsselreize, damit wir unseren Blick für Kleinigkeiten schulen“, begründet Haupthoff sein Interesse an dem Medium. „Bei uns kann man sich auf ein statisches Bild konzentrieren, in wahnsinniger Schärfe, mit 1500 Details. Man sieht immer neue Kleinigkeiten, das trainiert die Wahrnehmung.“ Dabei kommt der Besucher sich vor wie der Maler Canaletto höchstselbst. Der benutzte eine Camera Obscura als Zeichenhilfe – viele andere Künstler übrigens auch. Nur so konnte er seine berühmten Stadtansichten von Dresden und Warschau schaffen.

Auf fünf Etagen lassen sich im Lichtturm audiovisuelle Phänomene und künstlerische Reflexionen erkunden. Die Camera Obscura ist das Herzstück. Großes bürgerschaftliches Engagement hat das Projekt möglich gemacht. Denn es gilt, ein historisches Bauwerk mit neuem Leben zu erfüllen, ohne es einfach nur museal zu restaurieren. „Der Turm soll sich durch das künstlerische Konzept über Generationen selbst erhalten“, hofft Manfred Haupthoff. „Das ist ein ganz neuer Ansatz. Wir versprechen uns von dem Lichtturm Strahlkraft über Arnsberg hinaus.“

Kunstsommer Arnsberg 2012

Wir wagen jetzt das Abenteuer Guckmaschine. Seh-Erfahrung wird zu Selbst-Erfahrung. Die ganze Welt steht auf dem Kopf. Jetzt sieht man erst, wie lebendig und wie schön sie wirklich ist.

Monika Willer



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