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BiTS-Unternehmertag: Prof. Kooths analysiert EZB-Zinspolitik

18.02.2016 | 09:00 Uhr
BiTS-Unternehmertag: Prof. Kooths analysiert EZB-Zinspolitik
Das Hochhaus der Europäischen Zentralbank (EZB) vor der Skyline der Stadt Frankfurt. Die Zinspolitik und die Anleihenkäufe der EZB sind umstritten.Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Iserlohn.  Konjunkturforscher Stefan Kooths spricht über die Folgen der Nullzinspolitik für den Mittelstand. Er hält ein Referat beim Unternehmertag der BiTS in Iserlohn. Wir haben ihn vorab befragt - auch zum Thema EZB.

Beim BiTS-Unternehmertag an der privaten Hochschule in Iserlohn kann Rektor Stefan Stein einen prominenten Redner begrüßen: Prof. Stefan ­Ko­oths, als Leiter des Prognosezentrums am Kieler Institut für Weltwirtschaft einer der führenden Konjunkturforscher des Landes und seit vielen Jahren in der Politikberatung tätig.

Dozent am Berliner Ableger der BiTS

Doch die Reise nach Iserlohn ist insofern naheliegend, als der 47-Jährige Dozent am Berliner Ableger der BiTS ist. Thema seines Vortrags ist „Die Nullzinspolitik der EZB und ihre Folgen für den Mittelstand“.

 

Prof. Stefan Kooths ist Leiter des Prognosezentrums am Kieler Institut für Weltwirtschaft und einer der führenden Konjunkturforscher in Deutschland. Foto: IfW

Die niedrigen Zinsen und die Erzeugung einer Geldschwemme über Ankäufe von Staatsanleihen sollen ja die Konjunktur anfeuern. Funktioniert das eigentlich?

Stefan Kooths: In der Finanzkrise hatte die Europäische Zentralbank zwei Motive für ihre Politik: Vertrauen schaffen und die Geldmenge liquide halten. Das ist gelungen. Die Folgeprogramme, die mit Zinssenkungen die wirtschaftliche Tätigkeit ankurbeln sollten, sind dagegen weitgehend ins Leere gelaufen.

Warum?

Die Finanzkrise kam nicht aus heiterem Himmel. In der Realwirtschaft gab es zu viele Projekte, die nicht die Rendite erwirtschaften konnten, die nötig war, um die Schulden zu bedienen. Dieses Strukturproblem gab es nach der Finanzkrise noch immer. Viele Kreditkunden sind überschuldet. Das ist eine Folge der zu expansiven Geldpolitik vor der Krise. Es gab zu viele Unternehmungen, die nicht marktfähig waren. Und nun versucht man, das mit billigem Geld wieder anzukurbeln. Das birgt die Gefahr neuer Verzerrungen.

Läuft es in Deutschland nicht gerade gut?

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In Deutschland wurde in der Finanzkrise „nur“ Geld verloren, es gab weniger starke Strukturverzerrungen. Das ist ein Vorteil. Im Moment verändert sich die Weltkonjunktur gerade. Wir sehen eine Erholung in den Industrieländern und eine Schwächung in den Schwellenländern. In der Summe müsste sich das ausgleichen.

Und was bedeutet das alles für den Mittelstand?

Bei den Krediten gibt es derzeit keine Probleme. Aber die Gefahr ist groß, dass exportorientierte Unternehmen, und von denen gibt es bei den vielen Weltmarktführern in Südwestfalen eine Menge, sich vom massiv nach unten gedrückten Euro-Kurs verleiten lassen, in Projekte in Exportmärkten zu investieren, die sich bei veränderten Wechselkursen nicht mehr rechnen könnten.

Sehen Sie das denn derzeit?

Glücklicherweise nicht. Die Unternehmen springen nicht über jedes Stöckchen, das ihnen die Zentralbank hinhält. Im Gegenteil schafft die Politik der EZB Misstrauen. Deshalb halten sich viele Unternehmen stärker zurück und so erklärt sich die eher behäbige Investitionspolitik.

Die EZB erreicht also das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigt?

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Das Zinsniveau ist Teil von jedem Güterpreis. Und wenn der Zins nicht marktwirtschaftlich entsteht, frisst sich das durch alle Güterpreise. Deren Verhältnis aber bestimmt die Koordinaten der Wirtschaft. Wenn das Koordinatensystem verzerrt ist, sind größere Turbulenzen nicht auszuschließen, sobald die Zinsen wieder Normalniveau erreichen.

Warum also die EZB-Politik?

Die EZB hat das Inflationsziel von zwei Prozent ausgegeben. Daran macht sie ihre Glaubwürdigkeit fest. Das ist problematisch. Wichtiger wäre das Ziel einer stetigen Entwicklung.

Sie sollte also aufhören Geld in den Markt zu pumpen und die Zinsen im Keller zu halten?

Wir haben in Europa kein Liquiditätsproblem. Probleme haben nur einige Banken, die auf schlechten Krediten sitzen. Entscheidend wäre, dass der Mittelstand sich wieder ohne Verzerrungen am Markt orientieren kann.

Harald Ries

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BiTS-Unternehmertag: Prof. Kooths analysiert EZB-Zinspolitik
BiTS-Unternehmertag: Prof. Kooths analysiert EZB-Zinspolitik
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2016-02-18 09:00
Sauer und Siegerland