Berstscheiben - im Weltraum, in der Tiefsee und dazwischen

Eine Mitarbeiter der Firma Rembe hält in Brilon in der Produktion eine Berstscheibe.
Eine Mitarbeiter der Firma Rembe hält in Brilon in der Produktion eine Berstscheibe.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Das Briloner Unternehmen Rembe produziert Berstscheiben. Die Sollbruchstellen nehmen Druck heraus.

Brilon..  Am Besten ist es, wenn die Produkte nie gebraucht werden. Wenn Sie aber doch einmal benötigt werden, können sie Katastrophen verhindern. Das Familienunternehmen Rembe gibt die letzte Sicherheitsgarantie. Wie der Airbag im Auto. Die Briloner Spezialität sind Berstscheiben.

Und das wäre? Sicherheitsglas? Gerade nicht. Berstscheiben sind wenige Millimeter bis mehrere Meter groß, bestehen meist aus mehreren Schichten Edelstahl und sollen - unter genau festgelegten Bedingungen – unbedingt bersten. Sie sind die exakt berechneten Sollbruchstellen, die den Druck aus Systemen nehmen, Explosionen oder das unkontrollierte Aufplatzen von Rohren oder Behältern verhindern. „Ich vergleiche das immer mit dem Ventil am Schnellkochtopf“, erklärt Marketing-Leiterin Sandra Fuchs. „Der Unterschied ist: Die Berstscheibe öffnet sich nur einmal.“

Ursprung in der Ölindustrie

Die Ursprünge der Technik stammen aus der Öl- und Gasindustrie. Das ist heute noch ein wichtiges Einsatzfeld. Aber nur eines von vielen: „Unsere Technik arbeitet im Weltraum im Kühltank von Satelliten und an den tiefsten Punkten der Weltmeere in Ölbohrschiffen“, sagt Fuchs. Und überall dazwischen: Die große Brauerei sichert ihr Leitungssystem mit Berstscheiben aus Brilon, im Airbus A380 und in Windrädern und eigentlich überall, wo Druck und Staub eine Rolle spielen.

Chemie und Pharma fallen einem sofort ein, auch die Holzindustrie ist ein wichtiger Kunde. Aber Getränke und Lebensmittel? Bei Kakao, Milchpulver und Tütensuppen geht es um explosiven Staub, bei Babynahrung oder Pralinen um Druck. Und dass Kohlensäure ein explosives Potenzial enthält, lässt sich bereits an der Mineralwasserflasche studieren.

Bernhard Penno hat das Unternehmen 1973 in Brilon-Thünen gegründet. In einer Garage. Als Ein-Mann-Betrieb. Er hat damals Berstscheiben eines US-Herstellers vertrieben, war aber unzufrieden mit dem Service. Der nämlich ist, erläutert die Marketing-Leiterin, fast so wichtig wie die Qualität der Berstscheiben: „Wenn eine Anlage stillsteht, kommen Millionenbeträge ins Spiel. Deshalb ist eine schnelle Lieferung unverzichtbar. Wir sind 24 Stunden erreichbar und hatten auch schon einen Notfall am 24. Dezember. Da kam der Kunde mit dem Privatjet angeflogen.“

Seit 2004 leitet Stefan Penno das Unternehmen, das mittlerweile 180 Menschen beschäftigt, 145 in Brilon, die anderen in acht Tochtergesellschaften, die weltweit Kunden betreuen. Es gibt für jeden Fall individuelle Lösungen, keine Produkte von der Stange. Deshalb ist die Erfahrung der Mitarbeiter wichtig, deshalb ist die Fabrikation zugleich das Entwicklungslabor. „Wir haben viele Landmaschinen-Mechaniker im Betrieb, die sind besonders vielseitig“, sagt Sandra Fuchs.

Weiterentwickelt wurde in Brilon beispielsweise das Q-Rohr zur flammenlosen Druckentlastung, ein Explosionsschutz in Form einer Flammenfalle, die Flammen abkühlt und erstickt. Regelmäßig wird in Brilon getestet und zertifiziert: „Wenn ein Kunde eine Berstscheibe bestellt, produzieren wir drei, zwei zum Testen.“ Was das kostet? „Es geht bei 1000 Euro los, dann können beliebig viele Nullen dazukommen. Eine Zertifizierung kann 100 000 Euro teuer sein.“

Sicherheits-Checks beim Kunden

In Deutschland und Europa schreibt eine Druckgeräterichtlinie vor, wie Anlagen ausgestattet sein müssen. Im Rest der Welt ist das nicht unbedingt so. Aber überall gehört die Beratung beim Kunden zum Geschäft. Machmal hat die sogar prophetische Qualität: „Eine Kollegin hat Sicherheits-Checks bei zwei Kunden gemacht und auf Schwachstellen hingewiesen. Genau dort hat es dann zweimal gerumst“, erklärt die Marketing-Leiterin. „Seitdem nennen wir sie Ignition Source – Zündquelle.“