Autorenvereinigung nach Criminale von anonymen Netzaktivisten bedroht

Mit Mail-Bomben-Angriffen haben Netzaktivisten auf die  Urheberrechts-Initiative von Autoren reagiert.
Mit Mail-Bomben-Angriffen haben Netzaktivisten auf die Urheberrechts-Initiative von Autoren reagiert.
Foto: ThinkStock
Was wir bereits wissen
Jeder Verlagslektor würde eine solche Krimi-Handlung als absurd zurückweisen: Eine Gruppe von Autoren startet eine Initiative für den Schutz des Urheberrechts und wird deswegen zum Opfer von Internet-Terror. Der Schriftstellerin Nina George und ihren Kollegen ist das in der Realität passiert.

Hagen.. Vor knapp einer Woche stellte die Autorenvereinigung „Das Syndikat“ beim Festival Criminale im Hochsauerlandkreis die Kampagne „Ja zum Urheberrecht“ vor. Davon fühlte sich eine anonyme Gruppe von Netzaktivisten so bedroht, dass sie die Aktion „Tango Down“ lostrat. Die Internetseite "ja-zum-urheberrecht" sowie die privaten Rechner mehrerer Autoren wurden Opfer von Mail-Bomben-Attacken, eine Autorin wurde zusätzlich mit Hass-Kurznachrichten und Hakenkreuzen überfallen.

Der WAZ-Mediengruppe liegen Dokumente vor, nach denen die anonymen Angreifer per Rundmail sogar die privaten Adressen der Autoren offengelegt haben. Aufgrund einer Namensverwechslung geriet auch ein Unbeteiligter ins Visier.

Autoren gegen illegales Kopieren

Die Frage des Urheberrechts gehört zu den wichtigsten im Internetzeitalter. Die Netzgemeinde fordert freien Zugang zu allen Inhalten. Die technischen Möglichkeiten erlauben es, Musik und Bücher illegal herunterzuladen. Dagegen machen die Autoren mobil, denn das illegale Kopieren von geistigem Eigentum im Netz würde ihnen die Existenzgrundlage entziehen.

„Künstler sind nur ,Filter’ für das, was in der Welt ist und allen gehört“, zitiert dagegen die FAZ die Auffassung der Piraten-Politikerin Julia Schramm, die „geistiges Eigentum“ demnach für „ekelhaft“ hält.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, wann es zuletzt einen solchen Künstlerhass gab. Künstler werden durch die Angriffe der Netzaktivisten entmenschlicht und entwertet. Dahinter stecken Kulturneid und Kreativneid“, argumentiert Autorin Nina George, eine Initiatorin der Urheberrechts-Initiative, im Gespräch. Die Anti-Urheberrechts-Aktivisten hätten sich über Twitter und in Blogs „regelrecht hochgeschaukelt“, um die Aktion „Tango Down“ unter der Betreffzeile „dont-fuck-with-anonymous“ zu starten.

"Neue Waffen gefunden hat, um Bürgerrechte und Demokratie zu unterwandern"

Unter einer Mail-Bombe versteht man den massenhaften Versand von 100.000 oder 200.000 Mails an eine Adresse. Das muss der Angreifer nicht einmal selber machen; das entsprechende Programm dafür kann man herunterladen. Der Rechner des Opfers geht bei einer solchen Attacke in die Knie.

Die Autoren sind entsetzt über das Demokratieverständnis, das hier zum Ausdruck kommt. „Du bist anderer Meinung? Dann machen wir dich platt“, analysiert Nina George. „Diese Haltung ist kein generelles Merkmal von Netzaktivisten, aber es gibt darunter eine Gruppierung, die jetzt neue Waffen gefunden hat, um Bürgerrechte und Demokratie zu unterwandern“, schildert sie: „Ausgerechnet die, die die Netzfreiheit proklamieren, hassen andere Meinungen.“

Der Cyber-Angriff auf die Krimi-Autoren ist allerdings nur ein Fallbeispiel. Immer häufiger werden Firmen, die sich mit Wissenschaft, Forschung und Lehre auseinandersetzen, zum Opfer von Attacken aus dem Netz. Den Netzaktivisten, zum Beispiel dem Internetkollektiv Anonymous, geht es um die bedingungslose Freiheit des Internets.

Strafanzeige gegen Mailbomben-Terror

Die sehen sie nicht nur durch die Urheberrechts-Kampagne bedroht, sondern vor allem durch das Acta-Abkommen, das internationale Standards gegen Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen etablieren will. In nicht-demokratischen Staaten ist das Internet ja tatsächlich das einzige Fenster zur freien Welt. Doch warum sich Meinungsfreiheit und der Schutz des geistigen Eigentums gegenseitig ausschließen sollen, hat noch kein Netzaktivist erklären können.

Piratin Julia Schramm, die „geistiges Eigentum“, wie gesagt, für „ekelhaft“ hält, ist übrigens selbst Autorin: „Klickmich. Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin“ (Knaus). Dafür hat sie laut FAZ einen Rekordvorschuss kassiert. Das Buch steht nicht frei im Netz; man muss es kaufen. Nina George und die Autoren wollen sich von dem Mail-Bomben-Terror nicht mundtot machen lassen. Sie haben Strafanzeige gestellt. Und sie werden weiter für den Schutz des Urheberrechts eintreten.