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Aus Prinzip in der zweiten Klasse

14.02.2012 | 18:28 Uhr
Aus Prinzip in der zweiten Klasse
Der Übersetzer, Schauspieler und Sprachkünstler Harry Rowohlt im Zug nach Olpe.

Olpe.Harry Rowohlt ist der wohl bekannteste Bahnfahrer Deutschlands. Gestern Abend hat er in der Stadthalle Olpe gelesen. Wir sind mit dem Schriftsteller, Kolumnisten, Übersetzer, Rezitator und Schauspieler zu seinem Auftritt gefahren. Natürlich im Zug.

Luftlinie beträgt die Strecke von Lippstadt nach Olpe nur 80 Kilometer. Mit der Bahn brauchen wir 3.42 Stunden dafür: die Segnungen des Regionalverkehrs in der Tiefe des ländlichen Raumes. Trotzdem würde Rowohlt niemals auf den Pkw umsteigen. Autobahnen sind der Horror. „Mich hat es mal als Beifahrer von der Autobahn gepustet, mit 21. Seither bin ich nicht mehr schwindelfrei.“

Der 66-Jährige hat Flann O’ Brien und Pu der Bär von A. A. Milne ins Deutsche übertragen. Für seine sprachbesessenen Übersetzungen ist er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Doch der Schaffner im IC nach Bochum kennt ihn als Penner Harry aus der „Lindenstraße“. „Darf ich ein Foto für meine private Sammlung von Prominenten machen?“, fragt er.

Der leidenschaftliche Hamburger sowie gelernte New Yorker und Pariser ist in dem Marine-Kurzmantel „Colani“ unterwegs. „Den erkennt man an dem Tartanfutter. Bei der Marine hieß es: Alle Mann im Colani an Deck“.

Mit Rowohlt im Zug, das ist eine sarkastisch-vergnügliche Bildungsreise durch Deutschlands Geistesbefindlichkeiten. Vergnügt sammelt der Sprachkünstler unnützes Wissen und teilt es aus. In Bochum war übrigens sein Großvater Franz Pierenkämper Sitzredakteur, das heißt, er ging ins Gefängnis, wenn die Zeitung gegen die Zensur verstieß.

Wieso über Bochum von Lippstadt nach Olpe? Weil man dann einmal weniger umsteigen muss als beim direkten, zwanzig Minuten kürzeren Weg über Hamm und Hagen. Ein wichtiger Aspekt, denn Rowohlt leidet an der Krankheit Polyneuropathie, die seine Gehfähigkeit beeinträchtigt. Seit der Erkrankung pflegt der offizielle Botschafter des irischen Whiskeys Ethanol-Abstinenz. Die Berichte von seinem Alkohol-Konsum bei früheren Lesungen seien ohnehin übertrieben, meint er. „Ich habe vor der Pause niemals mehr als ein Bier getrunken, und nach der Pause angefangen, Whiskey zu trinken, und so zu trinken, dass ich zehn Minuten nach der Lesung knülle war, und das Publikum hat mitgetrunken. Lesungen mit Mineralwasser sind nicht dröger, aber sie dauern nicht mehr so lange.“ Er habe ohne Entzug aufgehört. „Ich habe immer gewusst, dass ich ein Säufer bin, kein Alkoholiker.“

Hinter Hohenlimburg fragt eine Mitreisende „Kenne ich Sie nicht irgendwoher?“ Rowohlt antwortet gelassen: „Ja, aus der Lindenstraße“. Dann muss er auf die Toilette, und berichtet hinterher, ein Kerl mit Knasttätowierung hätte gegen die Tür gedonnert. „Den habe ich angeschissen: Wie schnell soll ich denn noch pissen“, erzählt der Träger der goldenen Ehrennadel von St. Pauli und erklärt, was die mit Kugelschreiber eintätowierte Träne auf der Backe des Dränglers bedeutet: Dass der schon mal einen ermordet oder totgeschlagen hat. Woher weiß man so etwas? „Allgemeinbildung“, antwortet Rowohlt, und die erwirbt man sich beim Lesen des New Yorkers oder im Bahnhofs-Büdchen am Tresen.

Solches erlebt man nur in der zweiten Klasse. Die erste Klasse meidet Rowohlt. „Manchmal, wenn alles überfüllt ist, dann fahre ich aus Not in der Ersten, das ist so unangenehm, ich komme auch nicht schneller an und muss immer den reichen Pinkeln beim Kreuzworträtsellösen helfen.“ Und Rowohlt ergänzt: „Ich habe keinen nennenswerten Lebensstandard, das ist wie eine indirekte Gehaltserhöhung.“

Rowohlt war auf 16 Schulen, weil er seiner Mutter, der Schauspielerin Maria Pierenkämper, von Rolle zu Rolle gefolgt ist. „Das kommt mir heute beim Tingeln sehr entgegen. Wenn zweimal hintereinander das Klopapier auf der selben Seite angebracht ist, kriege ich Heimatgefühle.“ 91 Lesungen hat er 2011 absolviert, neben den Übersetzungen und den Kolumnen und den Hörbuch-Aufnahmen mit dem „lyrisch timbrierten Kavalierbariton“.

Wer seine Kolumne Pooh’s Corner in der Zeit liebt oder seine Übersetzungen der Jack-Taylor-Krimis von Ken Bruen verschlingt, übersieht oft, dass Rowohlt hinreißende Kinder- und Jugendbücher ins Deutsche überträgt. Zum Beispiel die Abenteuer des Mr. Gum von Andy Stanton. Große Weltliteratur und Geschichten für Kinder? Für Rowohlt ist beides gleich wichtig: „Maxim Gorki hat gesagt, für Kinder muss man schreiben wie für Erwachsene, nur besser.“

Zu Rowohlts Eigenheiten gehört nicht nur die grundsätzliche Anreise mit dem ÖPNV zu jeder Lesung. Auch darf der Veranstalter, in Olpe die Buchhandlung Dreimann, ihn nicht abholen. Über das Programm und dessen Länge teilt er schon aus Prinzip nichts mit. Warum verweigert der berühmte Mann den großen Bahnhof? „Weil man dank Mehdorn die Anschlusszüge nicht mehr kriegt, und weil ich keine Lust habe, dass liebe Menschen umsonst auf mich warten.“ Dass Rowohlt kein Handy hat, überrascht kaum.

Ins einst geliebte Irland reist er nicht mehr. In die USA ebenfalls nicht. Rauchverbot! „Was soll ich da? Golf spielen? Fuchsjagd?“. Doch wie behilft sich ein passionierter Raucher auf langen Bahnfahrten? „Ich rauche im Zug auf dem Klo. Das ist der einzige Vorteil der Berühmtheit. Neulich im ICE kam eine Durchsage: Herr Rowohlt, wir wissen, dass Sie auf dem Klo rauchen.“

Monika Willer

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