„Aufarbeitung kommt nicht voran“

Hagen..  Fünf Jahre, nachdem bekannt geworden ist, dass zahlreiche Kinder noch bis weit in die 1980er Jahre hinein an Schulen und in kirchlichen Einrichtungen missbraucht worden sind, hat man kaum Lehren aus den Skandalen gezogen. Diese ernüchternde Bilanz hat nun Johannes Rörig gezogen, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung. Die Aufarbeitung komme kaum vorwärts, pflichtet ihm Margarita Kaufmann bei, Beigeordnete der Stadt Hagen für Jugend und Soziales, Bildung Sport und Umwelt. Die Ex-Leiterin der Odenwaldschule hat das über Jahrzehnte andauernde Missbrauchssystem an dem Internat ­öffentlich gemacht.

Frage: Welche Bilanz ziehen Sie fünf Jahre, nachdem Sie den Skandal öffentlich gemacht haben?

Margarita Kaufmann: Ich verstehe die Position des Missbrauchsbeauftragten Johannes Rörig. Die Aufarbeitung ist auch an der Odenwaldschule nicht recht vorwärts gekommen. Die ersten Missbrauchsfälle sind ja bereits Ende der 1990er Jahre öffentlich gemacht worden. Aber die offizielle Lesart an der Schule war damals: Es waren nur zwei Schüler.

Warum hat es dann noch einmal zehn Jahre gedauert, bis das Ausmaß des Missbrauchsskandals deutlich geworden ist?

2007 bin ich Schulleiterin geworden. Und als ich mit den Planungen für die Feier des hundertjährigen Schuljubiläums begann, fragte mich ein Ex-Schüler, wie ich denn das Thema des sexuellen Missbrauchs darin angehen wollte. Da bin ich erstmal aufmerksam geworden. Im Vorstand allerdings erklärte man mir, das Thema sei abgearbeitet – wohl aus Sorge vor Reparationszahlungen. Es gelang mir jedoch mit viel Mühe, einen Prozess der internen Aufklärung in Gang zu setzen - gegen viele Widerstände. Im Laufe unserer sogenannten Frankfurter Gespräche und weiterer Begegnungen mit ehemaligen Schülern musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass es keine Einzelfälle waren, sondern sich die

Missbräuche über Jahrzehnte hingezogen hatten.

Sie haben aber erst 2010 darüber gesprochen.

Innerhalb des Vorstandes haben wir heftig über die Frage der Veröffentlichung gestritten. Und plötzlich war das Thema in den Medien,

als Pater Mertens im Januar 2010 über die Geschehnisse am Canisius-Kolleg sprach. Das war wie ein Befreiungsschlag für mich.

Was hat sich seitdem getan?

Betroffene, mit denen ich in Kontakt stehe, sagen, die Odenwaldschule käme den Herausforderungen der Aufarbeitung nicht ausreichend nach. Es genügt nicht, das Thema einmal öffentlich anzusprechen und Präventionsmaßnahmen zu ergreifen. Man müsste das Thema interdisziplinär erforschen, aus psychologischer, pädagogischer, soziologischer und juristischer Perspektive, um herauszufinden, wie ein System funktioniert, das solche Grenzverletzungen und ­sexuelle Gewalt ermöglicht. Es fehlt aber an finanziellen Ressourcen dafür.

Es braucht also mehr Geld?

Nicht nur, es hat auch mit der Beharrlichkeit eines Systems zu tun, einem geschlossenen System, wohlgemerkt. Strukturen verändern – das wollen manche Lehrer vielleicht gar nicht. Denn sie haben sich ja genau wegen der Strukturen, also der Einheit von Arbeit und Leben und der Nähe zu den Kindern, für diese Schule entschieden. Und manche müssten sich dann eingestehen, dass sie sich geirrt haben, dass sie ihre Lebensgeschichte auf einem System des Kindesmissbrauchs aufgebaut haben.

Das tut weh.

Der Missbrauchsbeauftragte kritisiert, dass es flächendeckend in Deutschland noch immer zu wenig Prävention gibt …

Ja. Es ist wichtig, Strukturen zu ändern, wir müssen aber auch beim Einzelnen ansetzen. Deshalb sollten sich meiner Meinung nach alle

Menschen, die beruflich mit Kindern zu tun haben, erst einmal einer Form der Selbsterfahrung ­sowie dann regelmäßiger Supervision stellen, auch die Lehrer. Das muss Berufsvoraussetzung werden, damit auch Lehrer ein höheres Maß an Selbstreflexion, an Kenntnis über sich selbst bekommen. Und wir müssen die Kinder stärken, sie in Zivilcourage schulen, so dass sie den Mut finden, Grenzüberschreitungen auch anzusprechen – ohne zu fürchten, dass der Lehrer sie dann nicht mehr mag oder ihnen schlechtere

Noten gibt.

Herr Rörig hat kritisiert, dass viele Schulen noch immer kein Schutzkonzept erarbeitet haben. Wie sieht es da in Hagen aus?

Das ist ein Frage, die Sie eigentlich der Bezirksregierung in Arnsberg stellen müssen. Aber ich denke, dass wir in der Stadt Hagen insgesamt ein gutes Kinderschutzkonzept aufgebaut haben. Es gibt hier viele Präventionsprogramme. Und durch die Vernetzung von Kindertagesstätten, Schulen, Offenem Ganztag und Schulpsychologie ­haben wir ein gutes Frühwarnsystem mit aufmerksamen Kollegen. Aber ganz ausschließen kann man Übergriffe und Missbrauch vermutlich nie.

Hat sich auch etwas verbessert in den vergangenen fünf Jahren?

Das Thema Missbrauch ist kein ­Tabu mehr, man kann öffentlich darüber sprechen. Eltern, Lehrer, Schüler und auch Behörden sind aufmerksamer und sensibler geworden.

Die Betroffenen klagen darüber, dass sie nicht ausreichend entschädigt worden sind – auch von der Odenwaldschule nicht.

Das ist eine schwierige Diskussion gewesen. Die Schule hat kein Vermögen, sie finanziert sich aus den Beiträgen der Eltern heute. Die Frage war, ob man die Schulgelder für die Entschädigung aufwenden und dafür dringende Investitionen verschieben darf. Deshalb habe ich für die Gründung einer Stiftung plädiert.

Warum sind Sie eigentlich gegangen?

Ich hatte einen Fünfjahresvertrag, der ist schließlich nicht verlängert

worden. Ich habe vermutlich zu hartnäckig gebohrt.