Auf der Suche nach Entlastung

Die alleinerziehende Mutter Valeria Schneidt schaut  in Hagen mit ihrer Tochter Veronika aus der Wohnungstür.Foto: V. Hartmann
Die alleinerziehende Mutter Valeria Schneidt schaut in Hagen mit ihrer Tochter Veronika aus der Wohnungstür.Foto: V. Hartmann
Was wir bereits wissen
Eine alleinerziehende Mutter aus Hagen berichtet über ihre Zeit als Einzelkämpferin.

Hagen..  Die Frühschicht in der Tankstelle begann um fünf Uhr morgens. Da lag Tochter Veronika noch zu Hause im Bett und schlief. Eineinhalb Stunden später etwa rief die Mama vom Arbeitsplatz aus an, um sicher zu gehen, dass die Kleine den Wecker wirklich gehört hat. Schließlich musste das Kind zur Schule: in die zweite Klasse.

„Es war eine harte Zeit“, sagt Valeria Schneidt heute. Anders aber ging es nicht. Der Vater der Kleinen war keine Hilfe, das Paar hatte sich getrennt. Valeria Schneidt war alleinerziehend und eine Kinderbetreuung um fünf Uhr morgens nicht zu finden. Eine Chance auf einen anderen Arbeitsplatz hat sie damals nicht gesehen.

Haltung der Arbeitgeber

Eine Alleinerziehende, die vielleicht ausfällt, wenn die Kinder einmal krank sind, wenn es Probleme zu Hause gibt, die wolle niemand haben, glaubt auch Katharina Lyzhin. Mit 18 Jahren hat die junge Frau geheiratet, mit 19 Jahren kam das erste Kind, dann das zweite, dann ging der Ehemann. Ohne Unterhalt für die Kleinen zu zahlen. Die Ausbildung zur Friseurin hatte Lyzhin mit der Geburt des ersten Kindes abgebrochen. Eine neue Lehrstelle hat sie seitdem nicht gefunden, obwohl sie Hunderte von Bewerbungen schrieb.

Die Haltung mancher Arbeitgeber gegenüber Alleinerziehenden sei noch immer schwierig, bestätigt Bettina Schneider vom „Kompetenzzentrum Frau und Beruf Märkische Region“ die Schilderungen der beiden Frauen. Langsam stellt sie immerhin dort ein Umdenken fest, wo der Fachkräftemangel bemerkbar ist.

Betreuung nach 16 Uhr?

Ebenso nach wie vor schwierig: die Betreuung in den so genannten Randzeiten. Also vor 8 Uhr morgens und nach 16 Uhr am Nachmittag. Zeiten, in denen viele Frauen arbeiten müssen: als Verkäuferin im Einzelhandel oder als Krankenschwester in der Klinik zum Beispiel, gibt Antje Beierling vom Verband der Alleinerziehenden Mütter und Väter NRW (VAMV) zu bedenken.

Eine Lehrstelle als Arzthelferin hat Katharina Lyzhin mittlerweile mit 29 Jahren in Aussicht. Eine Tagesmutter zu finden, die nach der Schule bis 18 Uhr auf ihre Kinder achtgibt – das sei nicht einfach gewesen, erzählt sie. Einen Praktikumsplatz hat sie bereits, das ist Teil einer vom Hagener Jobcenter geförderten Qualifizierungsmaßnahme. Unterdessen wohnen ihre beiden Kinder noch bei den Großeltern in Ense-Bremen. Jeden Nachmittag fährt Katharina Lyzhin von Hagen aus dorthin, um die Hausaufgaben zu kontrollieren und weil die beiden „noch Mama brauchen“, sagt sie.

Eine Umschulung oder Ausbildung – vielleicht im kaufmännischen Bereich – darauf hofft Valeria Schneidt. Den Realschulabschluss hat sie auf der Abendschule nachgemacht, die Ausbildung zur Schneiderin abgeschlossen, als ihre Tochter schon auf der Welt war. „Der falsche Beruf“, wie sie heute sagt. Denn vom Lohn können sie und ihre mittlerweile zwölfjährige Tochter ebenso wenig leben wie von den Mini-Jobs bei Tankstellen und im Einzelhandel. Die Familie ist zusätzlich auf Hartz IV angewiesen.

Entlastungsbetrag für Alleinerziehende? Valeria Schneidt lächelt ebenso unsicher wie Katharina Lyzhin. „Was ist das?“, erkundigen beide sich. Eine Nachfrage, die alles darüber sagt, wie viel sie von dem versprochenen „Familienpaket“ der Großen Koalition in Berlin, von den „Verbesserungen für Alleinerziehende“ haben werden: nichts.

Mehr als über eine Entlastung würden sie sich vermutlich erst einmal darüber freuen, überhaupt Steuern zahlen zu können. Dann nämlich bliebe auch etwas von der versprochenen Kindergelderhöhung übrig: im Jahr 2015 vier Euro jeden Monat zusätzlich und im Jahr 2016 dann noch einmal zwei Euro. Dieses Plus allerdings wird vom Hartz-IV-Satz wieder abgezogen, weiß auch Valeria Schneidt. „Das“, bemängelt Antje Beierling vom VAMV, „holt niemanden aus der Armut.“