Auf der Spur eines rätselhaften Wort-Künstlers

Karl-Heinz Müther       Foto: Andreas Thiemann
Karl-Heinz Müther Foto: Andreas Thiemann
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Lesen war schon immer sein Lebenselixier, tiefe Passion, treibende Leidenschaft: Bereits als junger Inspektor gab Karl-Heinz Müther annähernd zehn Prozent seines Monatsgehalts für Bücher und Zeitschriften aus. Heute, fast 85-jährig, hat sich der pensionierte Dipl.-Verwaltungswirt im Keller seines Hauses in Iserlohn eine Bibliothek aus vielen tausend Büchern eingerichtet. Den eigentlichen Mittelpunkt seines literarischen Interesses bildet dabei das Werk des exzentrischen Schriftstellers Arno Schmidt (1914-1979).

Hagen/Iserlohn..  Lesen war schon immer sein Lebenselixier, tiefe Passion, treibende Leidenschaft: Bereits als junger Inspektor gab Karl-Heinz Müther annähernd zehn Prozent seines Monatsgehalts für Bücher und Zeitschriften aus. Heute, fast 85-jährig, hat sich der pensionierte Dipl.-Verwaltungswirt im Keller seines Hauses in Iserlohn eine Bibliothek aus vielen tausend Büchern eingerichtet. Den eigentlichen Mittelpunkt seines literarischen Interesses bildet dabei das Werk des exzentrischen Schriftstellers Arno Schmidt (1914-1979).

Vor 20 Jahren veröffentlichte Karl-Heinz Müther eine über 1000 Seiten starke Schmidt-Bibliografie, der inzwischen 13 weitere Ergänzungsbände gefolgt sind; ein 14. ist gerade wieder in Vorbereitung.

In seinem Arbeitszimmer hat sich der gebürtige Ostwestfale, der u. a. an den Arbeitsgerichten in Hagen, Hamm und Potsdam in leitenden Funktionen tätig war, ein eigenes Arno-Schmidt-Reich eingerichtet. Rundum sind die Regale mit Hunderten von Aktenordnern gefüllt, in denen ungezählte Dokumente, Ausschnitte, Kopien und anderes Papier zum Werk des weltberühmten Schriftstellers lagern. Dazu kommen gegenwärtig exakt 14 867 Datensätze im Computer, Dutzende von Dissertationen über Arno Schmidt und natürlich Hunderte von Schmidt-Ausgaben seiner Romane und Texte selbst. Allein das Mammut-Werk „Zettel’s Traum“ hat Müther in sechsfacher Ausfertigung, dazu Übersetzungen u. a. auf Englisch, Französisch und Chinesisch. Einzelne Bände kosten leicht 1000 Euro und mehr; der überaus komplexe und komplizierte Druck der Schmidt-Vorgaben zwingt die Verlage immer wieder zu kleinen, kostbaren Editionen.

Um etwa „Zettel’s Traum“ zu lesen, braucht auch der Experte Müther gut ein Jahr, bekennt er offen, und schon zieht er einen riesigen Folianten hervor, der leicht den halben Schreibtisch ausfüllt. Der Oberregierungsrat a. D. gilt international als einer der profundesten Schmidt-Kenner. In der kommenden Woche wird er einen italienischen Literaturprofessor in der Toskana treffen, um mit ihm einen weiteren Kommentar über das Schmidt-Werk zu erstellen.

Arno Schmidts Werk gilt als rätselhaft, verworren und verschroben. Auch Karl-Heinz Müther verschweigt nicht, dass sich sein Subjekt der forschenden Begierde über weite Strecken seines zurückgezogenen Lebens „mit Nescafé, Medikamenten und Alkohol“ ernährt hat. Persönlich kennengelernt haben sich die beiden nie; nur eine handschriftliche Postkarte vom Meister besitzt Müther in seinem Fundus. Seit 1955 folgt der Wahl-Iserlohner den verzweigten und verzwickten Spuren des abgedrehten Einzelgängers, den der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll „eine Offenbarung“ nannte, und Preiskollege Günter Grass musste zugeben: „Wir haben alle von ihm gelernt.“

Lernen muss man auch, wenn man Arno Schmidts Texte lesen und verstehen will. Viele verzweifeln daran, Karl-Heinz Müther nicht. Für ihn sind die sonderbaren Grammatik- und Wortregeln eines Arno Schmidt regelrechte Denk- und Seelenlabsal; knifflig und genial, aber natürlich auch einem gewissen Wahnsinn nicht ganz fern.

„Früher“, so erzählt Müther gern, „musste eigentlich immer mindestens eine Kiste Schmidt-Bücher mit in den Urlaub.“ Er hat diese Literatur „regelrecht reingefressen, manches allerdings auch schlecht verdaut“. Das Weitläufige habe ihn an Schmidt fasziniert, ja, und es war vielleicht wirklich gut, dass er ihn nie persönlich getroffen hat. „Arno Schmidt war bestimmt ein schwieriger Mensch“, sagt Müther, und es schwingt eine gewisse Erleichterung in den Worten mit. Die renommierte Arno-Schmidt-Stiftung mit den Vorsitzenden Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma unterstützt Karl-Heinz Müther bei seiner unermüdlichen bibliografischen Sisyphusarbeit in bescheidenem Rahmen; eine Ehrung oder Auszeichnung hat er noch nie erhalten. Alles in allem sei es schon über die Jahrzehnte hinweg ein kostspieliges Hobby, meint Müther. Aber unglücklich wirkt er dabei wahrhaftig nicht. Ganz im Gegenteil.

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