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Auf den Spuren des Komponisten Max Reger im Sauerland

09.02.2016 | 18:09 Uhr
Auf den Spuren des Komponisten Max Reger im Sauerland
Max Reger (Mitte) am 25. 7.1912 in Bad Pyrmont mit Adolf Busch (l.) und Fritz Busch aus Siegen.Foto: Max Reger Institut Karlsruhe / E. Hermann

Hagen.  Auf den Spuren des Komponisten Max Reger, der vor 100 Jahren starb. Die Suche führt nach Hagen, Arnsberg, Schwelm und Siegen.

Er hat sich selber gerne als Akkordarbeiter im doppelten Sinne bezeichnet. Denn nicht nur Noten verbindet der Komponist, Pianist und Dirigent Max Reger (19. 3. 1873 bis 11. 5. 1916) unermüdlich zu Akkorden, er ist auch ohne Rast und Ruhe mit der Eisenbahn unterwegs, vorwiegend nachts, um tagsüber Konzerte geben zu können. 2016 erinnert die Musikwelt an den 100. Todestag dieser Schlüsselfigur der Moderne. Unsere Spurensuche führt nach Hagen, Arnsberg, Siegen und Schwelm.

Hagen ist allen Reger-Freunden ohnehin ein Begriff. Denn hier erleidet der Meister am 28. Februar 1914 im Anschluss an ein Konzert mit dem neugegründeten städtischen Orchester einen Nervenzusammenbruch. Der Komponist hat sich ein Arbeitspensum aufgebürdet, das er nicht schultern kann. Um abschalten zu können, fängt er wieder an zu trinken, nachdem er zwei Jahre lang abstinent geblieben war. Vor lauter Rückenschmerzen kann er kaum noch stehen. Er hält den Auftritt in Hagen durch, dann kippt er um. Heute würde man sagen, dass er einen Burn out erlitten hat.

„Der Zusammenbruch in Hagen war eine echte Zäsur. Es waren nun gesundheitliche Fakten geschaffen, die Reger nicht mehr ignorieren konnte“, so Dr. Stefan König vom Max-Reger-Institut in Karlsruhe. Reger muss in die Kur, und er muss seine Stellung als Hofkapellmeister in Meiningen aufgeben.

Das Hotel Lünenschloss in Hagen am Hauptbahnhof ca. 1905. Foto: Stadtarchiv Hagen

Doch wie kommt der berühmte Musiker überhaupt nach Westfalen? Dafür gibt es zwei Gründe, die einen spannenden Blick auf die Sozialgeschichte der Musik ermöglichen. Zum einen ist Hagen ebenso wie Dortmund und Wuppertal früh an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Die Bahn bringt den Gründerzeitstädten nicht nur einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, sie verwandelt diese auch in Kulturmetropolen. Denn während Mozart noch mit der Postkutsche reisen muss, nutzt eine Clara Schumann bereits den Zug, und Max Reger lebt dann praktisch nach dem Fahrplan.

Ein Kontrakt mit Ibach

Auf der anderen Seite schätzt der Komponist und Pianist die Flügel der Klavierfabrik Ibach in Schwelm, die er 1905 kennenlernt. Er schließt mit der Firma einen Vertrag. Ibach stellt ihm kostenlos Instrumente zur Verfügung und zahlt ihm eine Pauschale von monatlich 125 Mark; im Gegenzug wird Reger zum Werbeträger für die Klaviere.

Insgesamt dreimal konzertiert Max Reger in Hagen. Die historische Stadthalle ist 1906 und 1911 noch nicht erbaut, Spielort ist das Grand-Café Weidenhof in der Mittelstraße 6. Bereits am 11. März 1906 erklingen dort die Beethoven-Variationen für zwei Klaviere, und der erhaltene Programmzettel wirft ein weiteres Schlaglicht auf die Beziehung zwischen Hagen und Reger. Denn am zweiten Flügel sitzt Robert Laugs, seit 1903 Gründungsdirigent der Konzertgesellschaft Hagen, aus der 1907 das Philharmonische Orchester hervorgeht, und Gründer der Musikschule.

Das Grand-Cafe Weidenhof in Hagen. Foto: Stadtarchiv Hagen

Konzert im Schützensaal

Bevor Reger am 2. Oktober 1911 erneut in Hagen auftritt, gastiert er einen Tag vorher in Arnsberg beim heute noch bestehenden Musikverein. Spielort ist der kleine Schützensaal in der Altstadt, an dem Programm wirkt der Chor des Musikvereins mit. Es sind also die in bürgerschaftlicher Regie entstandenen Konzertgesellschaften, die das Kulturleben aufblühen lassen, indem sie berühmte Künstler engagieren.

Der verhängnisvolle Auftritt am 28. Februar 1914 wird dann schon im neuen Hagener Stadttheater ausgerichtet, das am 5. Oktober 1911 eingeweiht wurde. Jetzt können auch Orchesterwerke erklingen, darunter Regers Ballettsuite op. 13, Bachs Konzert c-Moll für zwei Klaviere und Beethovens dritte Sinfonie. Das Prinzip der historischen Aufführungspraxis ist damals noch unbekannt, der Bach wird auf zwei Ibach-Flügeln gespielt, mit Reger und Willi Jinkertz als Solisten. Die Philharmonie wird dabei von Arthur Laugs geleitet, einem der beiden Söhne von Robert Laugs.

Diesen Brief diktierte Max Reger am Vorabend seines Zusammenbruchs im Hotel Lünenschloss in Hagen. Foto: Max Reger Institut karlsruhe

Bei seinen Aufenthalten in Hagen wohnt Reger stets im Hotel Lünenschloss. Zunächst befindet sich das Haus am Hauptbahnhof, muss 1914 aber laut Auskunft des Stadtarchivs Hagen der neuen Post weichen und in die Bahnhofstraße 45/47 umziehen. Es wird sich um einen luxuriösen Betrieb gehandelt haben, der auf dem Briefkopf bereits 1914 mit Aufzug, Zentralheizung, elektrischem Licht, „Central-Vacuum-Reinigung“ und „Reichs­telephon“ wirbt. Zwei Briefe diktiert Reger am Vorabend seines Zusammenbruchs im Hotel einem Angestellten: einen an Ibach und einen an seinen Agenten Knoblauch.

Zwei Brüder aus dem Siegerland

„Heute früh spielte mir hier ein 17-jähriger Bengel mein Violinkonzert auswendig, vollendet schön in Ton, Technik etc. vor“, so schreibt Max Reger im Januar 1909 an seine Frau Elsa. Bei dem Bengel handelt es sich um einen jungen Geiger aus dem Siegerland: Adolf Busch, der zusammen mit seinem Bruder, dem Dirigenten Fritz, eine enge Freundschaft mit der schwierigen Persönlichkeit Reger schließt. „Meine beiden Säuglinge“, so nennt Reger liebevoll die in Siegen geborenen, später weltberühmten Musik-Brüder. Adolf Busch kann den Charakter Regers knapp skizzieren. Er schreibt an seinen Bruder Fritz: „Wir waren sehr vergnügt miteinander. Er war rührend, nur säuft er wieder. Es ist ein Jammer.“

Kultur
Die Konzertkritik vom 1. März 1914

Die Hagener Zeitung berichtet über das Konzert vom 28. Februar 1914, wobei der Kritiker nicht weiß, dass Max Reger große gesundheitliche Probleme hat. Möglicherweise deswegen fällt das Urteil über die Pianisten Reger und Willi Jinkertz in Bachs c-Moll-Doppelkonzert nicht günstig aus: „Von Anfang an war das Spiel der beiden Pianisten ziemlich ungleich.“ Den Dirigenten Reger lobt der Kritiker allerdings bei Beethovens „Eroica“: „Mit wundervoller Zügelung seines Temperamentes saß Reger am Pult und tat wahrhaft Wunder. Dem Orchester gebührt für seine wackere Haltung das beste Lob.“

Mit nur 43 Jahren stirbt Max Reger am 11. Mai 1916 in Leipzig an Herzversagen. Auch nach dem Kollaps in Hagen hat er sein Arbeitspensum kaum reduziert, die Noten verfolgen ihn geradezu. Nach Regers Tod schreibt Adolf Busch: „Gestern ist Max Reger beerdigt worden. Welch ein Verlust für uns alle! Ich habe das große Glück gehabt, in der letzten Zeit ihm noch besonders nahe zu kommen.“ Adolf Busch und sein Schwiegersohn, der Pianist Rudolf Serkin, tragen das Werk von Max Reger nach dessen Tod weit hinaus in die Welt, sie werden zu den bedeutenden Sachwaltern seiner Musik.

Monika Willer

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Auf den Spuren des Komponisten Max Reger im Sauerland
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2016-02-09 18:09
Sauer und Siegerland