„Asylanträge müssen umfassend geprüft werden“

Siegen..  Die Siegener Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Sigrid Baringhorst ist Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.

1 Warum flüchten die Menschen in Scharen aus dem Kosovo?

Das hat viel mit dem Übergang eines autoritären Staates mit einer Planwirtschaft zu einer Demokratie mit einer Marktwirtschaft zu tun. Durch das sehr geringe Wirtschaftswachstum, die hohen Staatsschulen und das deutliche Handelsbilanzdefizit ist man in einen Teufelskreis geraten. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei deutlich über 50 Prozent. Das ist fatal, wenn man weiß, dass die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahre alt ist. Hinzu kommen die Korruption in einem noch nicht funktionierenden Rechtsstaat und Armut. So hat sich in den Jahren Hoffnungslosigkeit entwickelt.

2 Wie ist der Ansturm auf Deutschland zu erklären?

Eine halbe Million Kosovaren leben im Ausland, 30 Prozent davon in Deutschland. Migranten gehen dort hin, wo sie bereits Kontakte haben. Es ist Spekulation, ob sich die Gefahr herumgesprochen hat, dass der Kosovo zum sicheren Drittstaat erklärt wird – mit der Folge, dass Flüchtlinge wieder zurückgeschickt werden. Ich glaube, es hängt viel mit Schleusern zusammen, die die Menschen zur Flucht ermutigen. Dennoch: Die Politik sollte sich nicht nur auf Kriminelle fokussieren, weil dann die hinter der Flüchtlingsproblematik liegenden strukturellen Probleme ausgeblendet werden.

3 Asylverfahren sollen schneller entschieden werden. Geht das?

Dafür reicht das derzeitige, fundiert geschulte Personal beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht aus. Ich halte übrigens nichts von der Forderung, Asylverfahren in zwei Wochen abzuhandeln. Das Grundrecht auf Asyl würde weiter ausgehöhlt, wenn man die Fälle pauschal abhandelt und nicht wie bislang umfassend prüft.

Mit Prof. Dr. Sigrid Baringhorst
sprach Rolf Hansmann.