Anatol Ugorski spielt in Hagen

Der Pianist Anatol Ugorski.
Der Pianist Anatol Ugorski.
Foto: Theater Hagen / privat
Was wir bereits wissen
Anatol Ugorski spielt in Hagen Beethovens 5. Klavierkonzert, und das Publikum ist restlos begeistert

Hagen.. Der verehrte Pianist Anatol Ugorski verkörpert wie kaum ein anderer die Wechsel- und Schicksalsfälle einer Künstlerbiographie. Nach der Emigration aus der früheren Sowjetunion praktisch mittellos im Westen gestrandet, gelang dem eigenwilligen Interpreten rasch eine Weltkarriere. Nun ist der Meister fast 73 und zelebriert im Hagener Sinfoniekonzert Beethovens 5. Klavierkonzert. Der Beifall will kein Ende nehmen.

Kooperation bei Großprojekten

Doch es sind nicht die Hagener Philharmoniker, die auf dem Podium sitzen, sondern das Sinfonieorchester Münster unter seinem GMD Fabrizio Ventura. Das Programm ist Bestandteil einer Kooperation zwischen beiden Klangkörpern, um Großprojekte finanziell realisieren zu können. In der vergangenen Spielzeit haben die Münsteraner die Hagener bei Mahlers 3. Sinfonie unterstützt; jetzt unterstützen die Hagener die Gäste bei Beethoven und Skrjabin – gerade der extrem aufwendig besetzte Skrjabin könnte andernfalls nicht auf den Spielplan.

In Beethovens fünftem Klavierkonzert stellt sich allerdings rasch heraus, dass die Münsteraner Sinfoniker auch nur mit Wasser kochen. Der Orchesterpart wirkt nicht gut vorbereitet, die Balance stimmt nicht, die geforderten strahlenden Höhen ertrinken geradezu im basslastigen Klangbrei.

Am störendsten wirkt aber die intransparente, matschige Phrasierung, vor allem in den Holzbläsern. Mit den Erkenntnissen der Originalklangbewegung im Rücken, kann sich eigentlich kein städtisches Orchester eine solche Interpretation mehr leisten.

Dennoch: Das fünfte Klavierkonzert ist überaus populär und wegen seiner musikalischen Qualität nicht wirklich kaputtzukriegen. Zumal Anatol Ugorski am Flügel ein Meister der versunkenen Töne ist, der es gerade in den leisen, intimen Momenten schafft, bis zur Seele des Werkes vorzudringen und eine innige Klangmagie zu beschwören.

Der russische Pianist und Komponist Alexander Skrjabin (1872 – 1915) gilt als einer der exzentrischsten Charaktere der Musikgeschichte. Seine Partituren basieren auf einem gewaltigen theoretischen Überbau, der Zahlenmystik und esoterische Erlösungsphantasien kombiniert. Sein „Le Poème de l’Extase“ (UA 1908) und der „Prométhée. Le Poème du Feu“ (UA 1911) sind Spätwerke und fordern eine gewaltige Materialschlacht, dem im „Prometheus“ noch ein Chor, ein Soloklavier und ein Farbenklavier hinzugefügt werden. Allein das ist ein Grund, warum diese Stücke wirklich selten im Konzertsaal zu hören sind.

Materialschlacht im Orchester

Es gibt aber noch einen anderen. Als „Mischung aus Theosophie und Parfümerie“, so bezeichnet der Zeitgenosse und Musikwissenschaftler Ivan Sollertinski nicht unzutreffend Skrjabins Ästhetik.

Dirigent Fabrizio Ventura nutzt den Riesenapparat, um es richtig krachen zu lassen. Flirrende Streicher, esoterische Harfen und blechselige Eruptionen verbinden sich zu immer neuen Wellen von gewaltigen, pulsierenden Steigerungen, zu denen im „Prometheus“ der Chor nicht textlich, sondern lautmalerisch mit Vokalisen eingesetzt wird. Das ursprünglich geforderte Farbenklavier ließ sich zu Skrjabins Zeit technisch nie realisieren und wird hier durch Scheinwerferprojektionen ersetzt.

Anatol Ugorski ist im „Prometheus“ am Klavier das Ich, der kleine Mensch, der angesichts des allüberwältigenden und allverschlingenden mystischen Rituals des bombastischen Orchesters eine individuelle Stimme behaupten möchte.