Am Bilster Berg hat der Graf eine Vollbremsung hingelegt

Das Bilster Berg Drive Resort wurde nach sechs Jahren Planungs und Genehmigungsphase und rund 18 Monaten Bauzeit im Juni 2013 eröffnet.
Das Bilster Berg Drive Resort wurde nach sechs Jahren Planungs und Genehmigungsphase und rund 18 Monaten Bauzeit im Juni 2013 eröffnet.
Foto: Bilster Berg Drive Resort
Was wir bereits wissen
Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff ist als Geschäftsführer der Test- und Rennstrecke Bilster Berg bei Bad Driburg zurückgetreten.

Hagen/Bad Driburg.. Der Graf, der gerne Gas gibt, hat eine Vollbremsung gemacht: Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff ist als Geschäftsführer der Test- und Rennstrecke Bilster Berg zurückgetreten. Dabei war der adelige Ostwestfale Antreiber und Motor des Projekts, das aus einem verlassenen britischen Bombenbunker-Gelände bei Bad Driburg für 34 Millionen Euro Gesamtkosten einen naturnahen Autokurs gemacht hat.

Mindestens zwölf ebenso finanzstarke wie motorsportbegeisterte Investoren aus Südwestfalen gehören nach Informationen unserer Zeitung zu den Geldgebern, die über einen geschlossenen Immobilienfonds das nicht unumstrittene wie ehrgeizige Projekt finanziert haben. Mindesteinlage: 100 000 Euro.

Gesellschafterversammlung

Wie geht es jetzt weiter mit dem Bilster Berg Drive Resort? Das wird intern geklärt, heißt es aus dem Unternehmen. Soll wohl heißen: auf einer Gesellschafterversammlung. Bis dahin bleibt Hans-Jürgen von Glasenapp, einst Chef am Hockenheimring, alleiniger Geschäftsführer des Unternehmens. Ob Graf von Oeynhausen-Sierstorpff den internen Machtkampf im ehemaligen Führungsduo am Bilster Berg verloren gibt, bleibt indes abzuwarten: Auch von Glasenapp hatte unlängst seinen Rücktritt erklärt, bevor ihn die Gesellschafterversammlung im Dezember zurück in die Geschäftsführung beorderte. Das Rennen der beiden Vons ist möglicherweise noch offen.

Aktuell also unruhige Zeiten für das Unternehmen. Ganz anders sieht es derweil auf dem Kurs aus. Was der Jahreszeit geschuldet ist: Der Schnee liegt zentimeterhoch auf dem schwarzen Asphaltband. Der Winter hat die 4,2 Kilometer lange Strecke noch fest im Griff. Stillstand also. Doch auch, wenn man auf die bisher rund eineinhalb Jahre seit der Eröffnung der Strecke im Sommer 2013 schaut, fällt das Fazit alles andere als begeisternd aus: Von „verhaltener Buchung“ des Kurses ist intern die Rede und es folgt der Hinweis, dass die Bilster Berg Drive Resort-Gesellschaft doch noch ein junges Unternehmen sei, bekannter werden müsse: „Wir wussten, das es schwer wird.“

Von einem in Europa einmaligen Drive Resort war zur Eröffnung am ersten Juni-Wochenende 2013 die Rede. Dazu der Hinweis: Nach über 80 Jahren geht in den westlichen Bundesländern wieder eine Rundstrecke in Betrieb. Außerdem habe das Unternehmen Namen aufzubieten, die verpflichteten. Den Kurs hat Formel1-Streckenplaner Hermann Tilke (Aachen) entworfen, aus dessen Feder auch Rennstrecken in Malaysia, Bahrain und den USA stammen; Motorsportlegende Walter Röhrl gehört zu den Beratern und Werbeträgern.

Vorhandener Straßenverlauf genutzt

Tilke entwirft den Bilster Berg so, dass er den vorhandenen Straßenverlauf zwischen den ausgedienten Munitionsdepots nutzt. Herausgekommen sind dabei 44 Kuppen und Wannen, 19 Kurven, 26 Prozent Gefälle. Aus den Hallen, für die Ewigkeit in die bewaldete Höhe betoniert, wurden Fahrerlager, Boxengasse, Ausstellungsräume.

Alles konzipiert für den Testbedarf der Automobilindustrie, als Plattform für Präsentationen und Markteinführungen neuer Fahrzeugmodelle und Kundenfahrprogramme der Hersteller. Oder für Touristenfahrten, egal ob Citröen-Club oder Ford-Freunde. Für 21 000 Euro Miete. Pro Tag. Am Wochenende. Ohne Catering. Allerdings inklusive Streckenposten. Unter der Woche ist die Buchung günstiger: 18 000 Euro.

Noch kein Erlkönig gesichtet

Ein Erlkönig ist auf dem abgeschiedenen Kurs noch nicht gesichtet worden. Aber Unternehmen, die neue Technik für bereits bestehende Fahrzeugmodelle testen, haben die Strecke schon genutzt, heißt es aus dem Unternehmen. Etwa ein Hersteller von Anhängerkupplungen. Und die Audi Drive Experience, ein Fahrtraining der Ingolstädter Autoschmiede für ihre Kunden, hat auch schon am Bilster Berg gastiert.

Die meisten Buchungen soll es durch Behörden gegeben haben: Sicherheitsübungen und Fahrtrainings von Polizei und Sondereinsatzkommandos etwa; sie nutzen die Abgeschiedenheit des Kurses, der auch ideale Bedingungen für Fahrwerkstests bietet und auch andere Komponenten ans Limit führen kann. Naturschützer und Anrainer hatten die Test- und Rennstrecke nicht verhindern, sondern nur die Inbetriebnahme verzögern können.

Der künftige Kurs des Unternehmens ist momentan wohl völlig offen. Auch, ob die angestrebte Ausschüttung an die Gesellschafter von fünf Prozent bezogen auf das Eigenkapital schon in den ersten Betriebsjahren erreicht wird. Graf von Oeynhausen-Sierstorpff jedenfalls profitiert zweifach: weiter als Gesellschafter und als Betreiber eines Luxushotels unweit der Strecke. Vielleicht gibt er jetzt dort Vollgas.