Ärger um Tierwohl im Schweinestall

Attendorn..  Ob sie jetzt glücklicher sind? Wer weiß. Aber die 700 Schweine im Stall von Josef Mertens in Attendorn haben seit ein paar Tagen mehr Platz, stehen sich beim Fressen nicht mehr im Weg und vertreiben sich die Zeit mit dem Knabbern an einer Holzlatte – was sie davon abhält, ihre Artgenossen anzuknabbern. Es geht den Schweinen besser. Denn ihr Besitzer beteiligt sich an der Initiative Tierwohl.

Und die funktioniert so: Der Lebensmitteleinzelhandel zahlt für jedes Kilogramm verkauftes Schweinefleisch vier Cent extra in einen Topf, aus dem Landwirte für Maßnahmen belohnt werden, die dem Tierwohl dienen. Die Kriterien haben Wissenschaftler festgelegt; sie müssen deutlich über die gesetzlichen Regelungen hinausgehen und werden regelmäßig überprüft. Es geht dabei unter anderem um mehr Platz, zusätzliches organisches Beschäftigungsmaterial und mehr Auslauf im Freien.

Seit Anfang des Jahres fließt das Geld, bis Ende April mussten sich die Landwirte bewerben, ab Sommer werden Aldi, Lidl und Co. eine Werbekampagne starten, und im Herbst soll es dann auch ein Gütesiegel geben.

Mertens’ Schweine haben Glück gehabt, weil Mertens Glück gehabt hat. Denn er wurde ausgelost. 4653 Landwirte aus allen Teilen Deutschlands haben sich für die Initiative registrieren lassen, mit insgesamt 25,5 Millionen Tieren. Doch nur 2142 Betriebe mit exakt 12 030 514 Schweinen, Ferkeln und Säuen erhielten nach einem Losentscheid die Zusage – 46 Prozent. Für mehr ist kein Geld da. Gut 85 Millionen gibt der Handel im ersten Jahr – mehr nicht.

Der Bauernverband und die Initiative Tierwohl selbst verbuchen den Zuspruch erst einmal als riesigen Erfolg. „Diese Resonanz beweist, dass unsere Landwirte bereit sind, sich für das Wohl der Tiere einzusetzen“, sagt Geschäftsführer Alexander Hinrichs.

Frust der Glücklosen

Aber: Mehr als 2000 Landwirte schauen jetzt in die Röhre, weil sich ihre Investitionen zunächst nicht auszahlen. „Ich wäre ziemlich sauer, wenn ich nicht zum Zuge gekommen wäre“, sagt Josef Mertens. Der 62-Jährige hat Geld und viel Zeit in das Projekt gesteckt – allein das Antragsformular umfasste neun Seiten. Und er kennt Kollegen, die die Zahl der Tiere in ihren Ställen reduziert haben, um die Platzkriterien erfüllen zu können. Die haben nun ein Problem.

„Was glauben Sie, was gerade an meinem Telefon los ist“, sagt Johannes Röhring, CDU-Bundestagsabgeordneter. Die Glücklosen brauchen ein Ventil – und das heißt Röhring. Der Politiker aus dem Münsterland ist Präsident des Westfälisch-Lippischen Bauernverbandes und war an der Konzeption der Initiative Tierwohl maßgeblich beteiligt.

„Ich kann den Frust der Leute verstehen“, sagt Röhring. Im Prinzip sei der Erfolg der Initiative eine „super Botschaft“: „Die Landwirte beweisen, dass sie das Thema Tierwohl und artgerechte Haltung ernst nehmen.“ Das sei ein wohltuender Kontrapunkt in der Dauer-Diskussion um die mutmaßlich grausame Massentierhaltung. Und der Handel beweise jetzt, dass er bereit sei, für mehr Tierwohl in die Tasche zu greifen.

„Aber jetzt brauchen wir mehr Geld im System“, fordert Röhring. In diesem Punkt ist er sich mit Mertens und Hinrichs einig. Während aber der Attendorner Landwirt und sein Präsident fordern, der Einzelhandel müsse die vier Cent pro Kilo deutlich aufstocken, hält Hinrichs das für unrealistisch: „Wir haben die Verträge bis ins Jahr 2017 abgeschlossen; das können wir jetzt nicht einfach ändern.“

Ein paar Cent mehr würden den Bauern helfen, den Braten für den Handel beziehungsweise den Verbraucher aber nicht fett machen, widerspricht Mertens. „In dieser Höhe schwanken ja schon die Schweinepreise innerhalb von einer Woche.“

85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels beteiligen sich bisher an der Initiative, alle Großen wie Aldi, Lidl, Edeka, Rewe und Tengelmann sind dabei. Hinrichs will sich nun dafür einsetzen, auch die restlichen 15 Prozent ins Boot zu holen, das sind vor allem regionale Anbieter. Aber auch wenn die mitmachen, wird das Geld am Ende nicht für alle reichen.

Handel soll aufstocken

Die Industrie hat wahrscheinlich kein großes Interesse an einem Einstieg: Sie exportiert das meiste Fleisch. Und im Ausland dürfte das Interesse am Wohl der deutschen Schweine begrenzt sein.

6,70 Euro mehr pro Schwein bekommt Mertens, wenn seine Tierwohl-Maßnahmen die in Kürze anstehende Prüfung bestehen. Nicht viel, aber es hilft. Denn im vergangenen Jahr hat der Landwirt mit seinem Betrieb Miese gemacht.

Am Ende hat der Verbraucher die Macht: Sollte den Kunden das Tierwohl-Fleisch schmecken, legt der Handel vielleicht doch noch ein paar Cent drauf.