Achtsamkeit am Smartphone

Die App-Erfinder Manuel Ronnefeldt (links) und Jonas Leve (rechts) mit dem Unternehmer und Zen-Lehrer Paul J. Kohtes (Mitte).
Die App-Erfinder Manuel Ronnefeldt (links) und Jonas Leve (rechts) mit dem Unternehmer und Zen-Lehrer Paul J. Kohtes (Mitte).
Foto: 7Mind
Was wir bereits wissen
Zwei Studenten der Uni Witten/Herdecke haben eine Meditations-App entwickelt. Total mobil für sieben Minuten in die innere Welt eintauchen.

Witten/Herdecke..  Was macht dauernd Stress, lenkt von uns selbst ab und entfernt uns aus dem Hier und Jetzt? Das Smartphone. Und was soll uns jetzt Achtsamkeit lehren, innere Ruhe und Gesundheit bescheren? Das Smartphone. Über die Meditations-App 7Mind.

„Das Paradox ist uns durchaus bewusst“, sagt Manuel Ronnefeldt. „Wir drehen die Situation einfach um“, ergänzt Jonas Leve. „Wir nutzen moderne Technologie, um eine über 2000 Jahre alte Methode zeitgemäß und entmystifiziert in den Alltag zu bringen.“ Die beiden studieren Wirtschaftswissen an der Uni Witten/Herdecke und haben fast ein Jahr lang am ersten umfassenden deutschsprachigen Übungsprogramm für Handys gearbeitet. Seit drei Wochen ist ihre kostenlose App auf dem Markt, wurde bereits 12 000 Mal geladen und durchschnittlich mit 4,9 von 5 Sternen bewertet.

Offenbar ist die Idee also gar nicht so absurd, wie sie im ersten Moment erscheint. „Wenn man sich Kopfhörer aufsetzt und die Augen schließt, ist doch egal, ob man am Arbeitsplatz sitzt, auf einer Parkbank oder in einem Meditationsraum, in dem vorne einer redet“, argumentiert der 26-jährige Ronnefeldt. Okay. Aber kann man das 1x1 der Meditation in 7x7 Minuten erlernen? Ist das Zeit genug, sich selbst wahrzunehmen, in die Stille zu gehen, die innere Welt zu erfahren?

Der Selbstversuch

Ein kleiner Selbstversuch. Lektion 1. Ich sitze auf meinem Schreibtischstuhl und schließe die Augen, wie es mir eine sanfte Männerstimme rät. „Wie fühlen sich gerade Deine Füße an?“, fragt sie. Hm. Wie Füße? Nicht besonders? Wir gehen die Körperteile durch. Der Bauchraum? „Vielleicht nimmst Du auch nichts wahr - dann ist es das.“ Verspannung im Nacken? „Nimm sie einfach wahr. Vielleicht verändert sie sich durch die Wahrnehmung. Lass es geschehen, wenn es geschieht.“

Die sieben Minuten sind schnell um. Fühle ich mich geerdet? Entspannt bis auf die Zellebene? Positive Veränderungen im Gehirn? Besseres Immunsystem? Das sind bewiesene Effekte der Meditation. Allerdings nach Jahren der täglichen Praxis. Wahrscheinlich erwarte ich zu viel.

„Wir wollen einen Einstieg anbieten“, sagt Manuel Ronnefeldt, „ein Training für Anfänger - zum Ausprobieren“. Vielleicht sollte ich erst einmal sieben Wochen abwarten. Jede Übung eine Woche lang machen. Die App bilanziert das. Ich könnte mich auch fünf Mal täglich zur Achtsamkeit mahnen lassen. Oder spezielle Stress-Meditationen nutzen.

Wie halten es denn die Erfinder? Ronnefeldt war ursprünglich eher skeptisch. Dann machte er 2009 ein Auslandsjahr in Indien. Zweimal am Tag zog sich seine gesamte Gastfamilie zurück, stellte er fest. Zum Sitzen und Atmen. „Nach einem halben Jahr habe ich es dann selbst ausprobiert, in einem Kurs.“ 40 Tage, 20 Minuten morgens, 20 abends. „Dann wollte ich nicht mehr darauf verzichten. Ich fühlte mich entspannter und frischer.“

Die Stimme des Investors

Auch der 30-jährige Leve hatte ursprünglich nichts mit derlei Aktivitäten zu tun. „Nur ganz am Rande, als mein Vater sich für Buddhismus interessiert hat.“ Heute startet er jeden Tag mit einer Aufmerksamkeits-Meditation, um sich zu zentrieren. Ihn brachte Manuel Ronnefeldt auf die Idee, als die beiden gemeinsam an der Uni einen Kongress für Familienunternehmen organisierten. Einer der Sprecher dabei war Paul J. Kothes, erfolgreicher Unternehmer und Zen-Lehrer. Später kontaktierten sie ihn, trugen ihre Idee vor. Er investierte. Und ist jetzt die angenehme Stimme der Meditations-App.

Alles gut. Aber wollen Wirtschaftswissenschaftler nicht auch Geld verdienen? „Keine Sorge“, meint Ronnefeldt, „im Sommer kommt eine erweiterte Version für Unternehmen, die sich auf Gesundheitsmanagement, Leadership und Selbstführung konzentriert. Die wird kostenpflichtig.“ Zusatzangebote für Privatleute will er auch nicht ausschließen, „aber die Grundversion bleibt auf jeden Fall kostenlos“.

Dafür könnte man es schon einmal probieren. Und wem fünf tägliche Achtsamkeits-Mahnungen eher nach Stress klingen, kann sie ja ganz entspannt weglassen.

Laut einer Studie der Universität Coburg und der Harvard University hat bereits ein siebenwöchiges Online-Training positive Auswirkungen auf das Glücksempfinden. Die israelische Ben Gurion University fand heraus, dass Meditation die Kreativität fördert.

Die App ist im Apple-Appstore und im Google Playstore kostenlos verfügbar. Weitere Infos unter http:/www.7Mind.de.