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Rockerprozess in Münster: Drogendeals in ländlicher Idylle

15.01.2016 | 18:53 Uhr
Rockerprozess in Münster: Drogendeals in ländlicher Idylle
Drogenprozess in Münster: Hier zwei der sieben Angeklagten im Gespräch mit ihren Anwälten.Foto: Matthias Graben

Münster/Kreis Kleve.   Am Niederrhein und im Münsterland soll eine Bande im großen Stil mit Rauschgift aller Art gehandelt haben. Jetzt stehen sieben Männer vor Gericht.

Sieben Angeklagte, 15 Anwälte – es ist einer der umfangreichsten Drogenprozesse der vergangenen Jahre, der am Freitag vor der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts Münster begann. Auf der Angeklagebank, aber auch im Publikum Kerle wie Schränke, in Kapuzenpulli und Jogginghosen, mit Bürstenhaarschnitt, Sonnenbrillen (!), jeder Menge Tattoos auf brauner Haut und Frauen an ihrer Seite mit junger Figur und altem Gesicht. Zuviel gelebt. Es sitzen Emmericher, Klever, Selmer, Rheiner, zwei Holländer darunter und ein Halbbrite auf der Anklagebank, und sie haben in den vergangenen Jahren fast ungestört gemacht, was verboten ist und illegales Geld bringt. Drogendeals im Millionenwert, Waffenbesitz, Gewaltdelikte – wohl-organisierte Kriminalität mitten im idyllischen Münsterland und am beschaulichen Niederrhein. Allein eine Stunde braucht der Staatsanwalt, die Anklage in Dutzenden Punkten und Unterpunkten vorzulesen.

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Dabei stehen längst nicht alle Beteiligten des umfangreichen Drogen-Netzwerkes hier in Münster vor Gericht. Viele Verfahren sind gesondert anhängig, die jeweiligen Angeklagten werden vermutlich alle in den nächsten Monaten auch als Zeugen auftauchen. Sogar an eine Videoschaltung ins finnische Tampere ist gedacht, denn dort angeklagte Bandido-Rocker gehörten zu den Hauptabnehmern für niederrheinisches Amphetamin-Öl, aus dem kiloweise Drogen wie Extasy gekocht wurden.

Winke-Winke mittenin einer Aussage

Das Verfahren trägt den Untertitel „Rockerprozess“, gleichwohl halten sich alle mit Rockerutensilien zurück, Kutten sind ja eh neuerdings verboten. Aber man kennt sich. „Wo sitzt Vatter?“, sucht ein junger Mann aus dem Publikum einen der Angeklagten, ein weiterer Beklagter, ein bulliger Glatzkopf, dreht sich gar mitten in einer Aussage um und macht Winke-Winke. Der Vorsitzende Richter Jochen Dyhr bleibt gelassen.

Die sieben Angeklagten jedenfalls sollen in wechselnder Beteiligung zwischen Oktober 2012 und Mai 2015 illegalen Handel mit Kokain, Amphetamin und Marihuana betrieben haben. Gesamtmenge: 230 Kilo Marihuana und 130 Kilo Amphetamin. In den Clubhäusern verschiedener Rockerclubs sollen Rauschgift-Plantagen betrieben worden sein. Auch aus den Niederlanden wurden Drogen eingeführt.

Haupttäter waren der Anklage zufolge der Klever Markus K. (38), angeklagt in 48 Fällen als Einkäufer, Distributor und Plantagenbesitzer. In den Bordellen von Johannes H. (48), Niederländer mit Wohnsitz in Emmerich, wurden Drogen und Rohstoffe gelagert und verteilt. Der Brite M. (31) schlug außerdem einen Dealer krankenhausreif, der Selmer S. (46) unterhielt ein Amphetamin-Labor und dealte mit Dopingmitteln. Zutaten zum Drogenkochen in rauen Mengen fanden sich auch in der Emmericher Wohnung des zweiten Holländers Nikolaus H. (35).

Amphetamin-Öl in Wodka-Flaschen

Einzelne skurrile Fälle listet der Staatsanwalt auf. Wenn es den Prostituierten im Bordell „Golden Dreams“ nach Kokain gelüstete, dann ging man auf Shoppingtour nach Enschede. Amphetamin-Öl schmuggelte man in Wodka-, Whiskey- und Mariacron-Flaschen ins Flugzeug. Marihuana und Kokain aus den Niederlanden schmuggelten Kuriere unter Bausand auf einem Pritschenwagen. Der Stoff wechselte auf Parkplätzen von Supermärkten, gerne auch verpackt in Lidl-Tüten, den Besitzer. Am 31.8.2013 kaufte man für 4500 Euro Kokain für die clubinterne „Sommerparty“. Um die Marihuana-Plantagen zu versorgen, wurden Stromzähler überbrückt. Schaden: weit über 10 000 Euro.

Der einzige der Angeklagten, der am Freitag vor Gericht aussagt, ist der 46-jährige Thomas K. Er kam nach den polizeilichen Razzien in den Dealer-Wohnungen und dem Emmericher Bordell im Mai 2015 nicht in Untersuchungshaft, der Richter regt an, sein Verfahren abzukoppeln. K. Ist ein auf ganzer Linie Gescheiterter, mutmaßlich drogenabhängig. Er lebt von Hartz IV, hat einen großen Sohn und eine halb so alte Freundin, die wiederum ein kleines Kind von einem anderen Mann hat. K. hat nichts gelernt, nur gejobbt als Eisenflechter, LKW-Fahrer und Dachdecker. Er hat 100 000 Euro Schulden.

Was genau er für die Bosse getan hat, wird noch zu klären sein, jedenfalls saß er durch sie immer an der Quelle. Koks, Marihuana – „war ja immer was da“, sagt er. „Das konnte man auf Polizeifotos sehen“, bestätigt der Richter: „Hier ein Tütchen, dort ein paar Pflänzchen im Wäschekorb – hat ihre Freundin nicht gesehen, was das war?“ – „Ach, nur Unkraut“, antwortet K. Lacher im Publikum. Aber nett klingt das nicht.

Cornelia Färber

Kommentare
27.01.2016
19:58
Rockerprozess in Münster: Drogendeals in ländlicher Idylle
von Kathi381990 | #1

Also im Vergleich zu den anderen Online Artikeln, hat diese Journalistin von einer sachlichen Schreibweise noch nichts gehört. Verurteilt werden die...
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2016-01-15 18:53
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