Zu viel Klüngel in Köln, zu wenig Stahl
16.02.2010 | 22:30 Uhr 2010-02-16T22:30:00+0100
Köln.Die Stadt Köln bereitet ihre U-Bahn-Baustellen in aller Hast auf das Hochwasser vor, das am Wochenende droht. Eine der Baufirmen hat inzwischen drei Mitarbeiter suspendiert.
Der erste, der nach der Krisensitzung des Aufsichtsrates abrauscht, ist Kölns renommierter Strafverteidiger Norbert Gatzweiler. Sein Jaguar kommt aus der Tiefgarage geschossen – und weg ist er. Ihm folgen, im schnellen Takt, weitere aus der Krisensitzung der KVB, der Kölner Verkehrsbetriebe. Bernd Streitberger, Kölns Planungsdezernent, wagt sich als einziger ins Foyer des Unternehmens, um allerdings gleich abzuwinken. Auch von ihm kein Statement. Und KVB-Chef Jürgen Fenske, der eigentlich vor die Presse treten wollte, taucht gleich in die nächste Krisensitzung ab. Aufsichtsrat, kleinerer Kreis.
Das Aus für die Arge?
Immerhin, Franz Wolf Ramien, der KVB-Sprecher, lässt durchblicken, in welche Richtung man denkt. „KVB und Stadt überlegen, inwieweit die Zusammenarbeit mit der „Arge“ fortgesetzt wird“, so Ramien. Arge, das ist die Arbeitsgemeinschaft der Baufirmen unter Federführung des Konzerns Bilfinger Berger. Knapp ein Jahr nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs, bei dem zwei Menschen getötet wurden, spitzt sich die Situation um den U-Bahn-Bau dramatisch zu. Nachdem Prüfungen ergeben haben, dass teilweise nur 17 Prozent der vorgegebenen Stahlbügel und deutlich zu wenig Beton in den Schlitzwänden der Baugruben verarbeitet wurden, droht ab dem Wochenende Gefahr durch Hochwasser.
Der Heumarkt Dienstagmittag. Hohe Stahlgitter ringsum, Kabel, Baugeräte. Nichts deutet daraufhin, dass hier unter Hochdruck an der Sicherung der Baustelle gearbeitet wird, die nah zum Rhein liegt. Vier Ingenieure vom Tüv Rheinland kommen gerade aus dem gigantischen Bauloch. „Was werden wir da unten schon gemacht haben? Wir sorgen dafür, dass künftig genug Stahl im Beton verarbeitet wird“, sagt einer von ihnen. Seit dem Einsturz des Archivs sei der Tüv als externer Kontrolleur hinzugezogen worden.
Klüngel ist nicht mehr niedlich
Bis Samstag wollen sie am Heumarkt die Wände verstärken, Anker und eine Schottwand einziehen. Der Gefahr, dass das Hochwasser Grundwasser in die Baustelle drückt, bis alles einstürzt, will man notfalls durch eigenes Fluten vorbeugen. „Wir gehen davon aus, dass genug Armierung und Eisen drin sind, wir glauben uns schon jetzt auf der sicheren Seite. Aber wir wissen es nicht!“, erklärt KVB-Sprecher Ramien.
Der U-Bahn-Bau und der Kölsche Klüngel, der längst nicht mehr so niedlich ist, wie er klingt. In dem ganzen Komplex ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen wegen fahrlässiger Tötung, Unterschlagung, Diebstahl, Baugefährdung und der Verfälschung von Messdaten. Der Vorwurf der Verfälschung geht gegen die suspendierten Bauleiter Klaus U. und Herbert L. von Bilfinger Berger. Wegen Diebstahls und Unterschlagung wird gegen den ebenfalls suspendierten Polier ermittelt und „etliche Mitarbeiter, etwa zehn“, so Oberstaatsanwalt Günther Feld. Wie ein Sprecher von Bilfinger Berger unserer Zeitung bestätigte, war „ein Teil der Truppe auch in Düsseldorf eingesetzt“. Nun prüft auch beim dortigen U-Bahn-Bau die Stadt hektisch nach.
Der Aktienkurs von Bilfinger Berger sackte gestern gegen den Trend und deutlich um 2,48 Prozent auf 50,79 Euro. „Die Anleger haben Angst vor Schadensersatzforderungen,“ erklärte ein Händler. Und tatsächlich dokumentieren die KVB „peinlich genau“ jene Kosten, die zur Sicherung der Baustellen entstehen. „Eventuell werden wir sie zurückfordern. Es gilt das Verursacher-Prinzip“, sagt Ramien. Wohl deshalb hat der KVB-Aufsichtsrat mit Norbert Gatzweiler juristischen Beistand hinzugezogen. Und natürlich auch zur Rechtsberatung in eigener Sache.
Der Heumarkt wieder. Ein Sattelschlepper, aufgefüllt mit Baustahl, steht am Straßenrand. Der Lkw-Fahrer macht Mittagspause. Dass beim U-Bahn-Bau bis zu 83 Prozent der Stahlbügel unterschlagen worden sein sollen, kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen: „Wir liefern doch jeden Tag!“, sagt er.
„Hier kommt nie einer!“
Fassungslos ist auch Heinrich Bökamp, der Präsident der Ingenieurkammer NRW: „Wenn die 80 Prozent geklaut haben, muss auf der Baustelle das Gefühl geherrscht haben, hier kommt nie einer, hier wird nichts überwacht.“ Am Werk war nicht mehr das frühere städtische U-Bahn-Amt, das landesweit einen hervorragenden Ruf hatte; am Werk waren die Verkehrsbetriebe selbst, von denen Fachleute sagen, nicht Ingenieure hätten zu sagen, sondern Kaufleute.
Die Anwohner des Heumarktes, sie sorgen sich. Noch allzu gegenwärtig ist das Unglück am nahen Stadtarchiv. „Wenn ich an das Hochwasser denke, wird mir mulmig“, sagt Marko Brockmann, der an der alten Haltestelle Heumarkt in einem kleinen Laden Computerspiele verkauft. Seit Jahren drückt die Baustelle die Umsätze der benachbarten Geschäfte. Dem Hotel „Interconti“, so erzählen die Nachbarn, gehen die Gäste verloren, was dessen Mitarbeiter verständlicherweise nicht kommentieren mögen.
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