Wissenschaft
Zocken für die Wissenschaft
26.11.2009 | 06:54 Uhr 2009-11-26T06:54:00+0100
Essen. Ein Forscherteam der Universitäten Duisburg/Essen und Dortmund hat sich ein halbes Jahr unter die Szene der Spielhallenbesucher gemischt. Herausgekommen sind die Studie "Jackpot - Erkundungen zur Kultur der Spielhallen" und Antworten auf die Frage: Warum in die Spielhalle, wenn man verliert?
Zocken für die Wissenschaft: Ein Team der Universitäten Duisburg/Essen und Dortmund hat Forschungsgelder auf bislang einmalige Weise verwendet. Es hat sich dem Glücksspiel hingegeben – und dabei eine Menge Geld verloren. Trotzdem gibt es einen Gewinn: die Studie „Jackpot – Erkundungen zur Kultur der Spielhallen”. Wetten, dass die Präsentation in den Wirren des Wettskandals Zufall war?
Denn die Kommunikationsforscher Prof. Jo Reichertz und sein Kollege Prof. Ronald Hitzler wollen seit Jahren wissen, was Menschen in Spielhallen treibt, obwohl ihnen klar ist, dass sie verlieren. So trieb es sie selbst mit sechs weiteren Kollegen – teilweise inkognito – an die Automaten. Aus ihren Unterhaltungen mit echten Spielern setzten sie ein Bild zusammen, das erstmals ein Licht auf eine ansonsten schummrige Szene wirft.
Zentrale Erkenntnis: Der klassische Spielhallengast existiert nicht, „es handelt sich um ein heterogenes Publikum”, so Reichertz. Spieler sind zwar überwiegend Männer, doch der Frauenanteil steigt merklich. Junge Cliquen kommen ebenso wie Rentnerehepaare. Aber: Spieler erkennen sich, teilweise schon an der Art, wie sie Münzen in den Schlitz schmeißen. Und natürlich am eigenen Vokabular. Geldspielgeräte werden als „Obstkisten” tituliert...
Auch wenn jeder für sich alleine spiele, so sei die Spielhalle doch eine soziale Arena, in der man sich selbst aufführt. Eine These, die von der Vielzahl der montierten Spiegel in den Sälen gestützt wird. Neben dem Kampf gegen den Automaten, so Reichertz, bestehe die Herausforderung darin, dem Spiel nicht zu verfallen. Deshalb betreibt das Publikum oft ein sehr strenges Zeit- und Geldmanagement. Dass meist Beträge zwischen 20 und 50 Euro im Schlund der Geräte verschwinden, deutet Reichertz als „Befragung des eigenen Glücks und Schicksals auf einer kleinen Bühne”.
Die Automatenbranche stellte den Wissenschaftlern „Spielgeld” in fünfstelliger Höhe zur Verfügung – Universitätsetats und Steuergelder wurden also nicht strapaziert. Die Unternehmen sahen in der Studie wohl eine Chance, neue Erkenntnisse über die eigenen Kunden zu gewinnen. Doch einen Jackpot landeten sie nicht. Denn die Forscher schildern neben der Neupositionierung im umkämpften Markt (helle Kulisse statt dunkler Spielhölle) auch den spitzfindigen Umgang mit rechtlichen Rahmenbedingungen.
Darüber hinaus wird der Mythos zerstört, dass man Automaten beeinflussen kann. In den Geräten laufen feste Programmme, die auf keinen Knopfdruck reagieren, so Reichertz.
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