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Unfall

Wieder Frau vom Zug überrollt

30.12.2008 | 09:06 Uhr
Wieder Frau vom Zug überrollt

Wattenscheid. Innerhalb von 21 Stunden passiert im Bahnhof Wattenscheid praktisch der gleiche tödliche Unfall zwei Mal. Am Samstagabend stirbt eine 40-jährige Frau aus Hagen, am Sonntagabend eine 35-jährige Frau aus Hattingen.

Wenn man sich nur umschaut, wird sofort offenbar: Es gibt kaum einen Punkt dieser Hausordnung, der nicht dutzendfach durchbrochen wäre. Da steht im Schaukasten an dem einzigen Bahnsteig des Bochumer Vorstadt-Bahnhofs Wattenscheid: „Nicht gestattet ist . . . Wegwerfen von Abfall, Durchsuchen von Abfallbehältern . . . Besprühen, bemalen, beschriften, beschmieren, verschmutzen, beschädigen, bekleben”; und darunter stehen noch viel mehr Punkte, um die sich viele Leute nicht mehr scheren an diesem Haltepunkt Trostlos.

Sein Bau bröckelt, seine Uhr ist abgehängt, Bahnmitarbeiter trifft man hier nicht mehr. Kein Wunder, dass auch Punkt 1 der Hausordnung am Wochenende zweimal durchbrochen wurde, mindestens: „Nicht gestattet ist . . . Überschreiten der Gleise.”

Und so kommt es zu diesem furchtbaren Geschehen: dass innerhalb von 21 Stunden im Bahnhof Wattenscheid praktisch der gleiche tödliche Unfall zwei Mal passiert.

Über Gleise laufen

Es stirbt am Samstagabend kurz vor 21 Uhr eine 40-jährige Frau aus Hagen, die sich zum Pinkeln in die Büsche jenseits der Gleise geschlagen hatte und die auf dem Rückweg von einem durchfahrenden Euro-City erfasst wird. Es stirbt am Sonntagabend kurz vor 18 Uhr eine 35-jährige Frau aus Hattingen, die aus Gründen auf dem Gleis war, die man nun nicht mehr erfahren wird. Der Intercity Köln-Hannover zerschmettert sie auf der Durchfahrt mit mutmaßlich Tempo 100, nur 150 Meter entfernt von Unfallort eins.

„Zwei Abende hintereinander, das müssen die Einsatzkräfte auch erst mal verarbeiten”, sagt Jürgen Kalisch, Sprecher der Bundespolizei. Er sagt aber auch „ganz klar: Das Schienennetz kann gar nicht so eingezäunt werden, dass niemand es mehr auf die Gleise schafft. Das gelingt Jugendlichen, Betrunkenen, Kindern, die spielen wollen, Leichtsinnigen, die eine Abkürzung suchen, und Personen, die aus dem Leben scheiden wollen.”

500 bis 1000 Selbstmorde mit der Bahn

Tod durch die Bahn ist ein wenig bearbeitetes Feld, wenn es um Zahlen geht. Sofort fällt auf: Zugreisenden passiert fast nie etwas, statistisch gesehen kann man 1427 Jahre lang jeden Tag von Westerland nach Garmisch fahren ohne ein Unglück. Mehr passiert draußen: 500 bis 1000 Suizide jährlich unter den Rädern der Bahn, wird geschätzt, das ist der Hauptanteil; weniger Menschen sterben, weil sie über Gleise laufen, auf den Zug springen oder ab; und nochmal weniger bei klassischen Verkehrsunfällen: „Lok erfasst Auto an Bahnübergang!”

Oliver Stieglitz nutzt die Bahn häufig, er, Sprecher des Fahrgastverbandes Pro Bahn, sieht „oft Leute über Gleise laufen, weil sie abkürzen wollen”. Das beschreiben auch Wattenscheider Nutzer des Portals ,Der Westen': „Man braucht sich nur 'ne Stunde auf den Bahnsteig zu stellen und für jeden Gleislatscher, den man erwischt, 20 Euro zu bekommen, man brauchte nicht mehr richtig arbeiten zu gehen”, schreibt einer, und ein anderer: „Am S-Bahnhof Höntrop ist das Gleiselaufen wohl normal. Dort wird dann 100 Meter abgekürzt.”

"Im Juli wurde der Bahnhof zuletzt gewischt"

Das Risiko werde unterschätzt, meint Stieglitz dazu, Gleisläufer seien im Dunkeln kaum zu sehen und könnten moderne Züge auch fast nicht mehr kommen hören: „Und speziell am Wattenscheider Bahnhof haben sie noch den immensen Lärm der A 40.” Das Toilettenangebot sei dagegen „durch die Gaststätte ausreichend. Ich würde lieber den Zug verpassen, als aus Druck über Gleise zu gehen.”

Manfred Ortmann kennt das natürlich, der Wirt des „Charivari”, eben jener Bahnhofsgaststätte. Es kämen immer Leute, die nur zur Toilette wollten, sagt er; es habe sich aber eher entspannt, weil im Bahnhof nun auch noch eine Imbissbude aufgemacht habe. Freilich verspannt es sich demnächst wieder, denn das Charivari zieht aus: „Im Juli wurde der Bahnhof zuletzt gewischt”, sagt Ortmann, „hier sieht's aus wie bei Luis Trenker im Rucksack. Die Bahn macht gar nichts hier.” Nun ja, sie hängt die Hausordnung aus.

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Hubert Wolf

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Kommentare
02.01.2009
12:25
Wieder Frau vom Zug überrollt
von Aktion Taxen mit WC | #23

Tja wenn es dann mal wieder an der Bahn liegt, empfiehlt doch der gesunde Menschenverstand andere Verkehrsmittel zu nutzen. Zum Beispiel Busse (aber wo sind die Toiletten in den Bussen und an den Haltestellen???) oder Taxen (Toiletten ???).

02.01.2009
08:26
Wieder Frau vom Zug überrollt
von Pendler79 | #22

Mein Mitgefühl gilt den Lokführern, die für die Dummheit der beiden Frauen nun wahrscheinlich mit psychologischen Problemen zu kämpfen haben und den Rettungskräften, die die Brocken einsammeln durften.
Forderungen nach dem Dixie-Klo auf dem Bahnsteig sind lachhaft. Erstens kann es dort nicht entleert werden, zweitens würde es spätestens nach der dritten Nacht umgekippt im Gleis liegen, der aus einem zerrütteten Elternhaus kommenden Jugend, die eigentlich garnichts dafür kann, aber halt randalieren und beschmieren muss, weil es ja sonst nichts zu tun gibt, sei dank. Drittens frage ich mich, ob man nicht die 5 Minuten abwarten kann bis der Zug kommt um dann dort auf Toilette zu gehen.

30.12.2008
19:16
Wieder Frau vom Zug überrollt
von Christoph S. | #21

Interessant finde ich die Süffisanz, mit der der Autor des Beitrages den Artikel beendet. Es ist also anscheinend der Bahn vorzuwerfen, wenn sich an zwei Abenden hintereinander Personen in Lebensgefahr begeben, indem Sie die Gleise der Bahn-Hauptabfuhrstrecke Duisburg-Dortmund (die A40 der Bahn) betreten und dann konsequenter Weise ihr Leben verlieren ? Meine Güte, mit dieser Polemik gehört der Autor in die Redaktion der BLÖD-Zeitung, aber bitte nicht in die WAZ. Gleise nicht zu betreten stellt die größte Selbstverständlichkeit im Eisenbahnverkehr dar, genauso wie niemand etwas auf der Fahrspur einer Autobahn zu suchen hat. In welcher Hausordnung wird denn bitte vor dem Betreten der A3 gewarnt ? Am schlimmsten finde ich jedoch immer den Gedanken daran, welches Leid wieder über Familien kommt, weil einfach nicht nachgedacht und leichtsinnig von Menschen gehandelt wurde. Deshalb sage ich auch nicht Selbst schuld, sondern den Angehörigen ein mitfühlendes Beileid.

30.12.2008
19:11
Wieder Frau vom Zug überrollt
von WAToderDAT | #20

Die beiden tödlichen Unfälle sind wohl aus eigener Dummheit entstanden, da trifft die Bahn soweit keine Schuld. Die beteiligten Zugfahrer, Zeugen und Angehörigen können einem Leid tun.

Der Bahn könnte man nur einen Vorwurf machen, wenn irgendwann ein Unfall auf dem Bahnsteig passiert. Seit kurzem hat die Bahn zusätzliche Gleise im Bahnhofsbereich zurückgebaut, damit u.a. Wartungskosten eingespart werden. Seit dem passieren die durchfahrende Züge, auf dieser stark befahrenen Strecke (Dortmund-Essen-Düsseldorf-Köln) den Wattenscheider Bahnhof auf dem Gleis welches direkt am Bahnsteig liegt. Der Bahnhof wird übrigens von vielen Schülern genutzt, da in unmittelbarer Nähe Berufsschulen sind. Konsequenz des Gleisrückbaus ist nicht nur, dass wartende Fahrgäste in Gefahr gebracht werden, sondern auch, dass den Zügen Überholmöglichkeiten genommen wurden und somit Verspätungen zustande kommen. Sollte der Rhein-Ruhr-Express wirklich irgendwann mal ins rollen komme, dürften die Gleise vielleicht wieder neu verlegt werden.

Abgesehen davon ist der Wattenscheider Bahnhof in einem katastrophalen Zustand (Die Wattenscheider WAZ Lokalausgabe hat bereits mehrfach seit Jahren darüber berichtet).

Es gibt an diesem Bahnhof keinen Aufgang, der für Behinderte, Senioren und Eltern mit Kinderwagen geeignet ist.
Man findet keine ständig geöffneten Sanitären-Anlagen - aber das ist auch an größeren Bahnhöfen schon normal.
Auch wenn der Bahnhof verdreckt ist, sollten sich die Fahrgäste selbst an die eigene Nase fassen - Mülleimer gibt es fast an jedem Bahnhof, auch in Wattenscheid.
Züge der Bahn in Richtung Essen halten ständig im hinteren unüberdachten Bereich.
Bei diesen Zuständen fragt man sich gleich, wo Anteile unserer bezahlten Fahrkarten hinfließen. Wattenscheid ist da sicherlich kein Einzelfall.

30.12.2008
16:28
Wieder Frau vom Zug überrollt
von runningvalentino | #19

So viele Zäune und Absperrungen kann man in dieser Republik gar nicht bauen , dass die Dummen und / oder Leichtsinnigen unter uns ihre Torheiten lassen. Das ist im Straßenverkehr so und in vielen anderen Sachen des täglichen Lebens.

Leider schädigen viele Mitmenschen durch ihr unbedachtes, rücksichtslose Verhalten nicht nur sich selbst!

Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie jemand in einer Dortmunder U-Bahn fast mitgeschleift wurde , weil er den Fuß in eine sich schließende Tür steckte!!!!! Da war doch tatsächlich das Geschrei der Leser riesengroß, obwohl hier nur der Fahrgast selte dämlich war !

runningvalentino

30.12.2008
14:28
Wieder Frau vom Zug überrollt
von tginbo | #18

Das passiert täglich auf den Strassen auch! Bei rot noch über die Ampel rennen oder fahren, man hat es ja so eilig!!! Da werden die Rufe nach Absperrungen für die Gleise laut, aber schützen die dann vor Dummheit auch??

30.12.2008
12:56
Wieder Frau vom Zug überrollt
von Dandelo | #17

Zum Bahnhof Wattenscheid (den ich nur aus dem Zug kenne) kann ich nicht viel sagen.

Aber nehmt mal den Bahnhof Dortmund-Barop. Völlig fertig und nur über eine heftigst nach Urin stinkende Unterführung oder über die Gleise zu erreichen. Spät abends kommen da zwei Züge pro Stunde vorbei, die man in der Totenstille lange vorher hört und auch Kilometer vorher sieht. Direkt nebenan ist eine Schranke und ein Signal. Man ist also sicher, dass kein Zug kommt. Ich komme mir ehrlich gesagt ziemlich blöd vor, wenn ich als (fast) einziger Fahrgast durch das Pinkelbecken gehe. Und auch noch mein Fahrrad runter und wieder hoch trage, während praktisch alle anderen über die Gleise gehen.

30.12.2008
10:37
Wieder Frau vom Zug überrollt
von Beelee | #16

Nun ja, ich weiß nicht. Ich kenne den Bahnhof. Nicht groß, nicht sauber, aber trotzdem ist doch nicht die Bahn Schuld, wenn jemand zum Pinkeln die Gleise überquert. Es ist und war schon immer verboten, wegen der Gefahr. Hat man doch schon von klein auf gelernt, so etwas nicht zu machen.

Aber es stimmt natürlich auch, dass weit und breit dort kein Klo zu finden ist und für Frauen ist das echt unangenehm. Wir können uns nicht mal eben irgendwo hinstellen.

30.12.2008
09:31
Wieder Frau vom Zug überrollt
von Klöthenkarl | #15

Dixiklo auf den Bahnsteig? Aha. Und wie soll das dann geleert werden, ohne dass ein Lkw das Klo anfahren kann? Super Vorschlag, sehr durchdacht.

30.12.2008
09:13
Wieder Frau vom Zug überrollt
von p_s_a | #14

Da kommt sicherlich vieles zusammen.

Unsinnige Schilder und Regelungen für alles und jedes sorgen letztendlich dafür, das keine Regel mehr akzeptiert wird.

Ganz praktisch wie gefordert ein DIxiklo aufzustellen schädigt den Betriebsgewinn, nutzt aber dem eigentlichen Unternehmenszweck der Bahn: DIenstleister für die Bürger zu sein.

Der Bürger darf dann natürlich auch nicht politische Dummschwätzer anhimmeln, die ihm erklären nur eine Eisenbahn die privaten Investoren 20 % Kapitalrendite beschert ist eine gute Bahn.

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