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Behinderte

Warum unsere Gesellschaft älter, bunter - und behinderter wird

28.10.2012 | 19:12 Uhr
Wolfgang Pohl ist im Mai umgezogen. Aus einem Wohnheim in ein „Betreutes Wohnhaus“ in Bochum-Weitmar. Foto: Bernd Lauter/WAZ FotoPool

Bochum.   Zum ersten Mal in der Geschichte werden Menschen mit Behinderung fast so alt wie Menschen ohne. Ihre Lebenserwartung liegt nun bei über 70 Jahren. Die gesellschaftliche Entwicklung hat allerdings ihren Preis: Die Verbände, die die Betreuung organisieren, sind mittlerweile hoch verschuldet.

Wolfgang Pohl liebt die Beatles – auch, weil sie ihn an seine eigene Jugend erinnern. Die Eisdiele, die Lederjacken, die Frisuren der Mädchen. Modelle alter Autos stehen heute in seinem Regal. Der 280er SL ist sein Favorit, ein Mercedes-Cabrio. Die Nachbarjungen haben ihn damals oft mitgenommen, wenn sie ausgingen. „Aber am liebsten hätte er wohl auch einen Führerschein gehabt“, sagt seine Schwester. Sie muss übersetzen. Denn Wolfgang Pohl ist geistig und körperlich behindert. Um seine Sätze zu verstehen, muss man einige Übung haben. Er lebt in Bochum, betreut von der Diakonie Ruhr. Sein Cabrio ist ein Rollstuhl, aber sein Lachen macht ihn jünger; denn Pohl ist schon 62 Jahre alt.

Die Lebenserwartung Behinderter liegt bei über 70 Jahren

Es gibt immer mehr Behinderte, die sich an die Beatles erinnern. Und das ist keineswegs selbstverständlich. Der Medizin sei Dank: Zum ersten Mal in der Geschichte werden Menschen mit Behinderung fast so alt wie Menschen ohne. Ihre Lebenserwartung liegt nun bei über 70 Jahren. Das ist Neuland für alle. Auch, weil Pohls Generation die erste ist, die in Deutschland das Rentenalter erreicht, nachdem die Nazis systematisch Menschen mit Behinderungen umgebracht haben. Zugleich haben sich die Überlebenschancen behinderter Kinder stark verbessert. Unter dem Strich steigt die Zahl der Behinderten also deutlich an.

„Unsere Gesellschaft wird nicht nur älter und bunter, sondern auch behinderter“, fasst der Sozialdezernent des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), Matthias Münning, zusammen. Das hat Folgen, und man muss hier auch über Kosten reden. Denn die explodieren geradezu. Die Ausgaben für „Eingliederungshilfen“, so heißt es im Fachjargon, machen mittlerweile über die Hälfte aller Sozialhilfezuweisungen in Deutschland aus. Die Landschaftsverbände organisieren die Betreuung von Behinderten im Lande und sind mittlerweile hoch verschuldet. 55 Millionen Euro fehlen allein dieses Jahr in Westfalen-Lippe. Und im Rheinland sieht es nicht viel anders aus.

Arbeit für Behinderte

Natürlich fordern die Verbände jedes Jahr aufs Neue eine Umlageerhöhung von den Städten, die sie maßgeblich finanzieren. Und mit den Städten zusammen schütteln sie das Land – und bohren beim Bund, auf dass der sich endlich beteiligen möge an den Kosten. Stand der Dinge: Die Regierung will nun endlich verhandeln – in der nächsten Legislaturperiode.

Das ganze System ist im Umbruch. Altersheime, Pflegedienste, Krankenhäuser – alle müssen sich einstellen auf die neue alte Klientel. Und wie kann man all die Menschen günstiger und zugleich besser unterbringen?

Herr Pohl zum Beispiel ist im Mai umgezogen. Aus einem Wohnheim in ein „Betreutes Wohnhaus“ in Bochum-Weitmar. Hier bewohnt er ganz allein eine 54-Quadratmeter-Wohnung, Konzerttickets von den Stones und Rod Stewart schmücken seine Tür. Pohl kann zwar nicht lesen oder schreiben, aber sein Computer liest ihm vor, die Musik sucht er nach Plattencover aus, und wenn der spastisch Gelähmte mal was schreiben will, hilft ihm ein Pfleger. Ebenso wie beim Einkauf im Supermarkt, denn Einheitsküche gibt’s nicht mehr. Tag und Nacht ist jemand da für die Bewohner. Pohl fühlt sich freier – und eingebundener zugleich.

Die Eltern sehen das "Betreute Wohnen" anfangs oft kritisch

Das „Betreute Wohnen“ war bis vor wenigen Jahren die Ausnahme. Mittlerweile ist es in Bochum die Regel. Auch weil es je nach Unterstützungsbedarf rund zehn bis 50 Prozent günstiger ist als ein Wohnheimplatz. Doch zugleich verspricht das Konzept mehr Teilhabe. „Ich habe zunächst abgeraten“, sagt der 87-jährige Vater, Paul Pohl. „Im Heim musst Du dich ja um nichts kümmern. Aber ich habe nicht Recht gehabt. Man traut ihnen einfach nicht so viel zu.“

„Jetzt muss ich wieder selber denken“, scherzt der Sohn.

NRW
Barrierefreiheit im Nahverkehr  noch mangelhaft

Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Menschen können sich im öffentlichen Personennahverkehr nicht frei bewegen. Das geht aus einem Bericht des Behindertenbeauftragten in NRW hervor. Problem sei vor allem, dass nicht ausgeschildert sei, wann barrierefreie Busse und Bahnen fahren.

Die neue Freiheit wird ja tatsächlich meist aufwendiger für die Angehörigen. Zumindest anfangs. „Aber wir sind jetzt auch viel öfter hier, weil es uns besser gefällt“, sagt die Schwester. Die Wohnung ist privater, persönlicher. „Jeder Fall ist unterschiedlich“, weiß Reinhard Jäger, Leiter der Diakonie Ruhr. „Aber in jedem Fall sinkt der Hilfebedarf.“ Verantwortung hält jung.

Wolfgang Pohl jedenfalls ist zwar der älteste Bewohner, aber noch gut zurecht, obwohl die Muskeln ständig krampfen. Auch der Rücken und die Haut sind empfindlicher geworden, aber Pohls moderner Rollstuhl kann sein Gewicht verlagern. „Und das Haus ist auf diese Dinge ausgerichtet“, sagt Jäger. „Das Alter wird sich so entwickeln, wie es sich auch Zuhause entwickeln würde.“ Pohl lacht, die Schwester übersetzt: „So fit wie Papa möchte ich mit 87 auch sein.“

Thomas Mader



Kommentare
29.10.2012
19:12
Warum unsere Gesellschaft älter, bunter - und behinderter wird
von wiebeler | #9

Inklusion wird es nicht zum Nulltarif geben.
Je mehr Menschen, auf Hilfe angewiesen umso schwerer wird es der Gesellschaft dieses zu stemmen.
Eltern werden ausfallen, altersbedingt. Die restliche Gesellschaft altert auch erheblich. Weniger müssen mehr bezahlen, an Rentenbeiträgen, Kassenbeiträgen und ein mehr an Ehrenamt leisten.
So wohl die Feuerwehren als auch THW und die privaten Hilfsorganisationen leiden unter Nachwuchsmangel. In den Sportvereinen fehlen die Übungsleiter für die Kleinen. Senioren und Behinderteneinrichtungen buhlen jetzt schon erheblich ums Ehrenamt.
Somit wird das das Leben auch in der Gesellschaft immer bunter.
Wollen wir unser soziales Leben und unseren Sozialstaat in diesem Maße weiter nutzen können, wird es viele Lösungen bedürfen.
Es muss wieder mehr das wir als das ich zählen. Bürger und Unternehmen müssen den Wert ihrer Steuerlast erkennen und sie gerne tragen. Da sie wissen das damit dieser bunte Straus genährt wird.
Wo alle ihren Platz finden. Selbstfi

29.10.2012
10:28
... kannst ja gehen!
von guentherpaul | #8

Kein schlechter Vorschlag. Am Gardasee ist es auch ganz nett, überhaupt im Winter. Nur DerWesten liest sich von hier aus etwas holperig, da muss wohl beim Server aufgerüstet werden.
55 Mio sind natürlich nix. Nur wie wird es in 20 Jahren aussehen? Welche Zukunft versprechen wir unserer Jugend? Trotz Arbeit wird nicht viel mehr als der Sozialhilfesatz übrig bleiben. Die Solidarität hält nur so lange, bis sie bricht, leider.

29.10.2012
09:18
Natürlich setzt die Gesellschaft die Prioritäten "falsch".
von Partik | #7

Allerdings ist der Mensch von Natur aus auch kein Extremteiler, sondern schon ein natürlich egoistisches Wesen.

Und das bedeutet, dass man den Menschen erstmal nahebringen müsste, bei sich selber auf vieles zu verzichten, um der anwachsenden Zahl von älteren Behinderten, deren eigene Wohnung mit Rundumbetreuung und Hilfstechnik zu bezahlen.

Das aber wird schwer vermittelbar sein, nehme ich an. Jetzt mögen das "nur" 55 Millionen in den einzelnen Bundesländern sein, aber es schreitet ja voran, das ist das Problem.

Geringverdiener, Behinderte, Alte, Pflegebedürftige, Arbeitslose, Alleinerziehende usw. - alle wollen sie als angeblich besonders Benachteiligte vermehrt Staatshilfen. Da bleiben nicht mehr viele Bürger übrig, die für diese wachsende Gruppe auf das eigene neue Auto verzichten.

Nur weil Geld beim einen Bürger durch Verzicht einsparbar ist, ist es ja nicht automatisch für den anderen für dessen wachsende Bedürfnisbefriedigung frei verfügbar.

1 Antwort
Beinahe hätte ich diesen Kommentar ernst genommen
von Rolling-Thunder | #7-1

Ist aber wieder mal nur was von Partik, dem Fach-Troll für Behindertenangelegenheiten, der vom Thema keine Ahnung hat, aber um so mehr meint, immer wieder mal etwas zum Thema ausscheiden zu müssen.

Wenn ich nachtragend wäre, würde ich Ihnen von ganzem Herzen mal so eine "angebliche" Behinderung wünschen. So ein Komplettpaket mit von heute auf morgen seinen Job verlieren und zum Sozialfall werden, mit Behörden rumärgern, die mit lauter Partiks besetzt sind, die genau so einen Tunnelblick haben wie SIe - von den widerlichen Schmerzen mal ganz abgesehen - und dem Vergnügen, von Pflegekräften den Hintern abgeputzt zu bekommen.

Sie beneiden mich bestimmt, oder?

Vielleicht tut Ihnen ja ein angetrunkener Autofahrer den Gefallen und fährt Sie zu Klump. Statt in den Kommentaren über die "angeblich Benachteiligten" herzuziehen, würden Sie wahrscheinlich täglich der Redaktion auf den Senkel gehen mit Ihrem Gejammer, wie skandalös man doch mit den Behinderten in Deutschland umgeht!

29.10.2012
08:45
Warum unsere Gesellschaft älter, bunter - und behinderter wird
von MrRuhrgebiet | #6

Natürlich könnte unsere Gesellschaft bessere Sozialleistungen finanzieren. Die 55 Millionen, die in Westfalen-Lippe fehelen sind ein Klacks verglichen damit was z.B. die Menschen mal so eben an Feuerwerk für Sylvester ausgeben. Ein armes Land, wo die Menschen nicht mal wenige Euro - mehr macht es für den Einzelnen nicht aus im Jahr - auszugeben bereit sind für diejenigen, welche nur wirklich die Unterstützung der Gemeinschaft brauchen.
Es muß allerdings die Frage gestellt werden ob es bei jedem Autokauf ein größeres Modell sein muß als der Nachbar fährt, ob es wirklich sein muß das Hinz und Kunz in der Karibik Urlaub machen können.
Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Erde, aber fast alle meinen sie hätten nicht genug. Das ist doch manches oberfaul.
Die Gesellschaft setzt die Prioritäten falsch.

29.10.2012
07:45
Man wünscht ...
von Partik | #5

... allen nur das Beste.

Wie schnell ist man selber hilfebedürftig, das kann ruckzuck gehen.

Körperliche Pflege, Unterstützung durch Fremdpersonal bei den alltäglichen Dingen, Unterstützung bei außergewöhnlichen Vorhaben, Hilfe in der Wohunng usw.

Ob das noch lange von der Solidargemeinschaft geleistet werden kann, wage ich zu bezweifeln. Deutschland hat sich da bei Behinderten (auch bei normalen Alterungsbehinderungen) in eine Integrationsfalle gebracht.

Wie gesagt: allen nur das Beste. Aber was machen wir bloß, wenn das nicht mehr in diesem Ausmaß finanzierbar ist?

Seit Ewigkeiten waren Behinderte gesellschaftlich benachteiligt und die Ärmsten der Armen, mussten sehen, wie sie zurecht kamen, wurden in miese Heime abgeschoben. Das ist heute anders, belastet aber auch mit zunehmenden Riesenkosten die Gemeinschaft.

Es steht zu befürchten, dass irgendwann zwangsweise Einschränkungen kommen, weil schlicht das Solidarkonto endgültig leer ist. Und dann wird es bitter für alle ...

29.10.2012
07:14
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5 Antworten
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Was soll der Quatsch mit den bunten Röcken?
von PaulPanter | #4-5

Wie wäre es denn damit, einen Artikel erstmal zu lesen,
statt bereits auf das bloße Wort "bunt" in der Überschrift hin
irgendetwas nicht Hingehörendes abzusondern, wie der
Pawlowsche Hund seinen Speichel wenns Glöckchen bimmelt.

29.10.2012
07:12
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29.10.2012
06:56
Warum unsere Gesellschaft älter, bunter - und behinderter wird
von tasmanian | #2

ach ja? ...kannst ja gehen!

29.10.2012
06:52
Warum unsere Gesellschaft älter, bunter - und behinderter wird
von Kantor101 | #1

Mir wird es langsam zu bunt.

2 Antworten
Warum unsere Gesellschaft älter, bunter - und behinderter wird
von birne111 | #1-1

Mir auch

Warum unsere Gesellschaft älter, bunter - und behinderter wird
von PaulPanter | #1-2

Wann sollen also die Alten Ihrer Meinung nach sterben?

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