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Warum eine Bankerin Robin Hood spielte

24.11.2009 | 07:08 Uhr
Warum eine Bankerin Robin Hood spielte

Bonn. Die Filialleiterin einer Bank verschob 7,6 Millionen Euro von Wohlhabenden auf die Konten klammer Kunden. Jetzt wurde die 63-Jährige vom Amtsgericht Bonn wegen Untreue zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt. „Ihr haben die Leute leidgetan”, sagt ihr Anwalt.

Gibt es böse Verbrecher und gute? Oder solche, die gute Taten verüben? Eine Frau aus der Gegend von Bonn hat ihre zumindest gut gemeint. Sie nahm Geld von den Reichen und gab es den Armen, so möchte man es sagen, aber natürlich war es nicht so plakativ: Über ein Jahr hinweg verschob sie als Filialleiterin einer Bank Geld von gut gefüllten Sparbüchern auf die Konten klammer Kunden – und wieder zurück, sobald die wieder flüssig waren. „Ihr haben die Leute leidgetan”, sagt ihr Anwalt, der sie nun vor Gericht verteidigte. Das ist tatsächlich der ganze Grund.

Ein „moderner Robin Hood” sagen die Leute, die diese Märchen mögen von Menschen, die ihnen gerecht erscheinen, gerade in diesen Zeiten. Vielleicht hat die Frau ja tatsächlich übersehen, dass sie etwas Unrechtes tat, weil sie es selbst gerecht fand. Lange hat ja auch niemand etwas gemerkt: Man lebt auf dem Dorf im Rheinischen, wo jeder jeden kennt und eine Frau Bankdirektor so etwas ist wie der Herr Pfarrer, sagt Rechtsanwalt Thomas Ohm: „Man weiß um alle Probleme. Man geht zusammen zur Kirmes und zur Kirche. Und sie hatte die wirtschaftlichen Nöte der Leute zu bearbeiten.”

Deshalb sah die heute 63-Jährige, wer sein pralles Sparbuch liegen ließ seit Jahren, wer gar nicht merken würde, wenn vorübergehend etwas verschwand. Und sie sah, dass sie den anderen helfen konnte, wenn es hinten und vorne nicht mehr reichte. „Sie konnte das emotional nicht tragen, dann muss man Dinge tun. . .”, sagt Ohm. Ein paar hundert Euro, nur für einen Überbrückungskredit, nur, damit die Miesen in der Prüfungsphase keinem auffielen und um ein Konto zu retten – die Filialleiterin machte Dinge möglich, die bei einer Bank eigentlich nicht möglich sind.

Eine "Mutter-Courage-Natur"

„Kein utopisches Betrugssystem”, nennt der Anwalt das, „ein Samaritersystem” sei es vielmehr gewesen, „ganz bodenständig”, genau wie seine Mandantin auch: eine lebensfrohe Person, sagt man über sie, „Mutter-Courage-Natur”, formuliert ihr Anwalt. Unprätentiös sei sie, und natürlich fuhr sie im Dorf nicht plötzlich mit einer Luxuskarosse vor – sie zweigte ja bloß für andere ab und niemals für sich selbst.

So gesehen, hat sie diesen Robin Hood, mit dem man sie nun vergleicht, sogar irgendwie überholt. Leute wie er leb(t)en von der Legende, die ehemalige Bankangestellte aber will überhaupt gar keine Legende. Sie will nicht, dass man ihre, diese Geschichte erzählt. Sie hatte gehofft, die Sache sei ausgestanden. Im Frühjahr 2005 schon kam die Bank ihrer Angestellten auf die Schliche, da schaffte sie es nicht mehr, die Lücken zu füllen. 7,6 Millionen hatte sie umgebucht seit 2003, aber nur 6,5 wieder zurück: Nicht jedem ihrer Kunden hatte sie aus den Schulden heraushelfen können, das Geld war einfach weg.

"Sie wollte den Armen helfen"

Man kündigte ihr fristlos und nahm ihr alles, was sie besaß, um den Schaden auszugleichen: das eigene Häuschen und eins, in dem sie Wohnungen vermietete, dazu alles Ersparte. „Vermögen verwerten”, nennt man das im Bankgeschäft. Seither lebt die 63-Jährige zusammen mit ihrer schwer kranken Mutter in einer Mietwohnung und von einer kleinen Frührente, die bis auf das Existenz-Minimum gepfändet wird. „Sie wollte den Armen helfen”, sagen die Leute, „nun ist sie selber arm.”

Dass sie überhaupt erfuhren von dieser Geschichte, liegt an einem Sterbefall. Die Erben eines Begünstigten wehrten sich dagegen, dass sie Geld zurückzahlen sollten, das eigentlich auf ein anderes Konto gehörte – so kam der Staatsanwalt ins Spiel. Er erhob Anklage wegen Untreue in 117 Fällen. Das Gesetz ist gegen die Frau, weil sie gegen das Gesetz war.

Ins Gefängnis muss sie trotzdem nicht. Ein Bonner Schöffengericht verurteilte sie am Montag Abend zu 22 Monaten Haft auf Bewährung. Als strafmildernd werteten die Richter vor allem, dass die Frau zurückgezahlt hat, was sie konnte. Und dass sie nie auch nur einen Cent für sich genommen hatte. Gut gemeint wurde diesmal zumindest nicht hart bestraft.

Annika Fischer

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Kommentare
25.11.2009
01:53
Warum eine Bankerin Robin Hood spielte
von Al | #41

Woher hatten Sie eigentlich die Idee, mit den Geldern, die neue Kunden mit hohen Gewinnerwartungen in Ihr System investierten, an Ihre Altkunden als Gewinn auszuzahlen?

Diese Idee kam mir beim Studium des Rentenversicherungssystems!

24.11.2009
23:02
Warum eine Bankerin Robin Hood spielte
von Trillian4 | #40

Um eine zentrale Anlaufstelle für alle zu schaffen, die sich mit der Bankerin solidarisch zeigen wollen, wurde ein Blog eröffnet, in dem Ideen und nätürlich auch Ergebnisse gesammelt werden sollen. Lassen Sie sich, lasst Euch nicht von der vielleicht etwas plakativen Überschrift nicht abschrecken. Es geht schliesslich darum, dieser Frau zu zeigen, dass sie nicht nur Anerkennung verdient, sondern auch bekommt!
der Link: robinhoodbonn.blogsport.de

24.11.2009
21:03
Warum eine Bankerin Robin Hood spielte
von r.kant | #39

@ #27 bedenkenträger

Sie schrieben:
quote
Und noch etwas, wenn man Armut bekämpfen will, muss man Reichtum bekämpfen.
Das war schon in der Antike und im Mittelalter so...
unquote

Was für eine Aussage! Da spricht schon wieder der pure Neid aus ihrer Aussage. Man bekämpft nicht die Armut indem man die Reichen ebenfalls arm macht. Armut bekämpft man auch nicht durch Almosen, auch nicht durch HartzIV oder eine Grundeinkommen.

Armut bekämpft man durch eine gute Ausbildung, durch einen guten Job und durch Fleiß. Alles andere ist neidisches, klassenkämpferisches Geschwafel ohne irgendeinen Nutzen.

24.11.2009
18:30
Warum eine Bankerin Robin Hood spielte
von bedenkenträger | #38

Kein Problem, geehrter Herr Kant!
Ich z.B. stelle meinen Wecker heute Abend auf 5:00 Uhr, um Morgen zeitig mein Tagwerk zu beginnen, ich zahle korrekt und pünktlich alle meine Steuern und Abgaben, ich habe kein Konto in Liechtenstein, ich betrüge keine Versicherung und schwatze niemand Policen oder Geldanlagen auf.
Ich habe zwei Kinder in die Welt und gesetzt
und versuche sie zu anständigen, vernünftigen Menschen zu erziehen, obwohl ich weis, dass man mit diesen Tugenden nicht weit kommen wird.
Und noch etwas, wenn man Armut bekämpfen will, muss man Reichtum bekämpfen.
Das war schon in der Antike und im Mittelalter so
und hat uns zu einem relativ guten Sozialstaat geführt. Dieser Kampf ist aber noch lange nicht vorbei!

24.11.2009
17:03
Warum eine Bankerin Robin Hood spielte
von Nilson | #37

7,6 Mio € bei 117 Fällen macht im Schnitt 65.000 € je illegaler Abbuchung.

Für den Ausgleich der Konten Armer will sie es benutzt haben. Also für essenzielle Dinge wie Stromrechnungen, Gasrechnungen oder Mieten.
In dem Ort der Filiale leben 1500 Menschen. Bei 7.6 Mio. hätte sie jedem Einwohner über 5000 € geben (leihen) können.
Eindeutig eine Summe, die für mich über mal kurzfristig helfen hinausgeht. Zumal man noch bedenken muss, dass nicht 100% der Einwohner arme Leute sind.

Ein für mich viel zu mildes Urteil!

24.11.2009
16:11
Warum eine Bankerin Robin Hood spielte
von r.kant | #36

@ #23 + #24

Dann seien sie doch mal ein gutes Beispiel für unsere Gesellschaft und fangen an für die Armen und Bedürftigen zu spenden.

Es ist immer ganz toll von den Anderen etwas zu fordern was man selbst nicht tut.

Nicht die Gesellschaft ist krank, sondern die Mitglieder der Gesellschaft die nur von anderen etwas einfordern, was sie selbst nicht tun würden.

Nicht der Reichtum in unserer Gesellschaft ist das Problem, sondern die neidischen und intoleranten Mitglieder unserer Gesellschaft.

24.11.2009
15:33
Warum eine Bankerin Robin Hood spielte
von bedenkenträger | #35

So ist nun mal diese kranke Gesellschaft!
Da gibt es reiche Leute die nicht mal merken, wenn ihnen mal ein bischen Geld fehlt, dann aber um so lauter schreien, wenn sie davon hören.
Solidarität ist ein Fremdwort, man rafft so gut man kann und ist der festen Überzeugung, dass einem alles auch zustehen würde.
Und die Politik ist längst korrumpiert und fördert diesen Eigennutz.
Eigentlich symbolisch, dieser Fall!

24.11.2009
14:57
Warum eine Bankerin Robin Hood spielte
von RHood | #34

Ich finde so etwas einmalig! Die, die sowieso soviel Kohle haben, dass es sich schon auf dem konto häuft (unnützerweise, denn dort kann es nicht arbeiten) sollten von sich aus Geben. Da dies in unserer heutigen Gesellschaft aber verpöhnt ist und NEHMEN seeliger ist als GEBEN, finde ich modernes RobinHood-Wesen nicht nur nachahmenswert sondern der einzige Weg, diese unsägliche Ungerechtigkeit der Welt ein wenig auszugleichen...

24.11.2009
14:57
Warum eine Bankerin Robin Hood spielte
von Bob | #33

^^ Tja, das ist der Unterschied - sie hat ihre soziale Ader alles gekostet, andere werden für ihre asoziale Ader noch belohnt durch Boni oder Rentenauszahlung am Stück während sie sich unednlich Zeit lassen ihre Strafen wenigstens zu bezahlen, damit diese sozialen Zwecken zukommen können ( Gruß an Zumwinkel ).

24.11.2009
14:35
Warum eine Bankerin Robin Hood spielte
von voltago | #32

Kuba weiter oben, - das hat schon was, wenn ausgerechnet Du von Klassenjustiz sprichst.
Das ist blanker Hohn, vor allen für all diejenigen, die durch die Partei-, und Klassenjustiz, in der DDR, im gesamten Ostblock, in China, Nord-Korea und natürlich auf Kuba, - die also durch einer Justiz, die dem Voksgerichtshof der NS-Diktatur in nichts nachstand und steht, um ihre Existenz, um Leib und Leben gebracht wurden und immer noch werden (wenn man in die verbliebenen Länder sozialistisch-diktatorischer Prägung schaut).
Kuba weiter oben, das ist sehr heuchlerisch, und dabei auch noch so offensichtlich.
Gruß

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