Das aktuelle Wetter NRW 4°C
Ernährung

Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet

05.03.2013 | 17:26 Uhr
Michael van Amern wird vom Mitarbeiter des Ladens Vegilicious, Andy Robl (hinten), beraten.Foto: Thomas Nitsche

Dortmund.   Die Idee, sich ganz ohne tierische Produkte zu ernähren, galt vor kurzer Zeit noch als so radikal wie eine Bank zu verstaatlichen. Doch die vegane Ernährung ist auf dem Vormarsch. Zwar langsam, aber sie findet immer mehr Anhänger.

An der Kasse scheint es, treffen zwei Welten aufeinander: Der großflächig tätowierte Andy Robl mit Nasenring und das elegant gekleidete Ehepaar Ellen und Wilfried Lohsträter aus Kamen, 64 und 65, das sich im einzigen veganen Supermarkt der Region informieren möchte über tierlose Lebensmittel. Das ist nun eine oberflächliche Betrachtung, denn natürlich sind sie alle drei offene und herzliche Menschen, das merkt man gleich. Aber bei „Vegilicious“ am Dortmunder Bissenkamp werden wir doch Zeuge einer gesellschaftlichen Verschiebung: Vegan kommt aus der Nische. Die Idee, auf Fleisch, Fisch, Eier, Milch, Honig, alles Tierische, zu verzichten, verliert ihre Radikalität.

„Wir essen manchmal noch eine Scheibe Wurst“, sagt Ellen Lohsträter. „Aber meine Schwester ist eingefleischte Vegetarierin. Und wir tendieren auch immer mehr in diese Richtung.“ – Warum? – „Aus Tierliebe, die Massentierhaltung ist so dermaßen abschreckend. Aber auch, weil wir immer mehr gute Alternativen kennengelernt haben. Meine Tochter Anna hat uns neulich ein Tofuschnitzel mit Spinat-Füllung mitgebracht. Das war richtig lecker. Dort drüben steht es im Regal.“ Gleich neben dem BBQ-Enten-Geschnetzelten aus Weizengluten, den Vegarnelen und, ja, den Hähnchenschlegeln auf Sojabasis. Als Knochen fungiert ein Stück Zuckerrohr.

Veggie Street Day

„Dieses Nachäffen von Fleisch“, sagt Verkäufer Andy, „wird hier fast täglich diskutiert. Viele wollen es nicht, weil es eben so aussieht wie Fleisch. Ich denke, Würstchen oder Burger sind halt eine praktische Form. Nur mit der Namensgebung hab’ ich schon auch ein Problem.“ Ob der Veggie-Thunfisch auch nach Thunfisch schmeckt? „Ich glaube schon. Es ist so lange her, dass ich echten probiert habe. Aber ganz ohne Vergleich: Hauptsache lecker.“

Es ist ja auch keineswegs so, dass die vegane Küche nur von Ersatzprodukten lebt – nur verkaufen sie halt bei „Vegilicious“ kein Gemüse, weil man das überall bekommt. Der Blick in das ausliegende Kochbuch von Björn Moschinski zeigt: Die meisten Zutaten gibt’s um die Ecke oder im Bioladen. Und das sieht auch gar nicht nach Verzicht aus. Da gibt es neue Delikatessen zu entdecken, neue Kochtechniken, Geschmäcker! Das Kastanienmus ist vielleicht die höherwertige Nutella.

Spezialanliegen oft nur online

Gewisse Spezialanliegen wird man allerdings nur online oder hier im „Vegilicious“ finden – wie den „Schakalode-Osterhasen“ oder das indische Kala-Namak-Salz, das durch seinen Schwefelanteil „vielen Gerichten das typische Ei-Aroma verleiht“. Und diese Weizen-Knabberlis für den veganen Hund haben doch tatsächlich die Form von Igeln! Die Nachfrage nach dem Eiersatz „No Egg“ aus Tapiokamehl und Kartoffelstärke zum Backen stieg jedenfalls rapide an nach dem letzten Dioxin-Skandal, berichtet Geschäftsführer Ralf Kalkowski. „Unseren Laden gibt es seit zwei Jahren. Das erste war hart, aber die Kunden kommen jetzt aus dem ganzen Ruhrgebiet.“

Lesen Sie auch:
So wird man zum Veganer - Selbstversuch über einen Monat

Ernährungscoach Christiane Schott hat einen Monat lang Erfahrungen als Veganköstlerin gesammelt. Aus dem Experiment ist inzwischen eine Überzeugung geworden. Einige Tipps, die den Einstieg in die vegane Lebensweise erleichtern.

Wie die ältere Dame aus Gladbeck, die über eine Stunde mit der Bahn angereist ist. „Meine Tochter ist Allergikerin und verträgt keine Milch und Eier“, sagt sie und packt eine Packung „Virginia Steaks“ aus Weizenhack in den, ja, Hackenporsche. „Aber in dem Maße, in dem ich anders koche, ekle ich mich auch immer öfter vor Fleisch.“

Die Idee, sich ganz ohne tierische Produkte zu ernähren (und zu kleiden), galt vor kurzer Zeit noch als so radikal wie eine Bank zu verstaatlichen. Doch sie wird immer weniger erklärungsbedürftig. Denn das haben heute Leute wie Attila Hildmann übernommen. Der selbstgelernte Kochguru aus Berlin ist derzeit auf Dauersendung von Raab bis Galileo. Sein Kochbuch „Vegan for fit“ ist bei Amazon in manchen Wochen das meistverkaufte Buch überhaupt. Rund 72 000 Leute haben es sich zugelegt – und nehmen mutmaßlich die Wette an, die Hildmann ihnen anbietet: 30 Tage lang vegan, probiert’s mal aus. Wetten, ihr fühlt Euch danach besser?

Kann man aus den falschen Gründen Veganer werden?

Bezeichnenderweise findet man den Bestseller nicht bei „Vegilicious“. Die Szene sieht Attila Hildmann kritisch, weil er den Gesundheitsaspekt betont und seltener den Tierschutzgedanken, weil er die Radikalität rausnimmt, indem er sagt: „Jede Mahlzeit hilft. Ihr müsst ja nicht sofort voll vegan leben“ – und weil er damit kommerziell erfolgreich ist, vermutet auch Andy. „Ich denke aber: Wenn einige aus den falschen Gründen Veganer werden, hilft das den Tieren auch. Perfekt kriegt’s sowieso keiner hin.“

Sexy Vegetarier

Etwas hat sich geändert, alle hier spüren das. „Vor fünf Jahren war der Einkauf noch problematisch“, erinnert sich Kunde Michael von Amern. „Mittlerweile hat ja jeder Aldi eine vegetarische Ecke.“ Der 28-jährige Diplom-Ingenieur ist seit fünf Jahren Veganer, ebenso wie seine Freundin und die zwei Kinder. Mangelerscheinungen? Immerhin empfehlen selbst Hildmann oder die Organisation Peta Vitamin-B12-Präparate. Da achtet die Familie drauf. „Und ich bin seit fünf Jahren kein einziges Mal krank geworden.“ Auch in der Firma nehmen sie Rücksicht. Selbst Geschäftsessen mit Kunden finden oft in vegetarischen Restaurants statt. Negative Reaktionen? „Nein, aber es ist auf jeden Fall Gesprächsstoff.“

Thomas Mader


Kommentare
09.03.2013
10:39
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von Hufschmied | #32

Der oben erwähnte vegane Hund tut mir leid, denn das ist Tierquälerei! Jeder nach seiner Facon, aber vegane Lebensweise ist mir schon höchst suspekt.

1 Antwort
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von misterjones | #32-1

Einen Hund vegan zu ernähren, ist nun wirklich hanebüchenr Unsinn. Aber der Begriff "Tierquälerei" trifft doch wohl auf jedes Viech, das in Massentierhaltung "lebt" eher zu.

Kreaturen für die eigene Gier so leiden zu lassen, ist mir persönlich nicht nur "höchst suspekt".

09.03.2013
01:09
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von sternchen55 | #31

Dass die durchschnittliche Ernährung bei uns in Deutschland nicht ganz in Ordnung sein kann, liegt doch wohl auf der Hand.
Es ist daher wohl logisch, dass insgesamt etwas verändert werden muss.
Das heisst nicht zwangsläufig vegan oder sonst eine bestimmte Richtung.
Mit den ganzen Beschimpfungen, die hier hin und her geschossen werden, kommen wir nicht weiter. Neue Wege zu gehen, könnte eine Möglichkeit sein, wie auch immer die aussehen mögen.

Die Diskussion, ob wir beispielsweise Milch trinken sollen oder nicht, ist bestenfalls eine Glaubensfrage. Natürlich wird die Milch nicht für uns gemacht - Aber?
Welches Lebensmittel wird denn von Natur aus für uns gemacht?
Jedes Lebewesen bedient sich doch für seinen Stoffwechsel mit dem, was in der Natur angeboten wird. Wie gut es damit zurecht kommt, liegt zumindest teilweise in seiner Verantwortung.
Das Argument "Es war schon immer so, also ist es gut" ist ggf. nur ein Zeichen von ignoranter Faulheit.

08.03.2013
08:40
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von uwekause | #30

Logisch - und wenn dann die vielen missionierten Leute für gewaltige Umsatzzuwächse bei veganen Lebensmitteln sorgen, kommt die Mainstream-Kram Industrie und produziert veganes Essen. Welche Auswirkungen mag das auf die Population der Maden von Fruchtfliegen wohl haben. Ich bin mal auf die Bilder in der Presse gespannt!

07.03.2013
13:50
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von Katnau | #29

@all:
Die scheinbare Arroganz und Wadenbissigkeit der Leute, denen die Inhaltsstoffe ihrer Nahrung etwas bedeuten, beruht auf der Überzeugung, es für sich persönlich richtig zu machen.
Das trifft zumindest für mich zu und ich wundere mich, warum soviele, den Mainstream-Kram essen, ohne darüber nach zu denken.
Aber ich lasse sie eindach weiter essen und lache innerlich, dass sie nicht auch den logischen Weg gehen.

07.03.2013
13:37
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von ekelalfred1 | #28

Solange die mich nicht dumm von der Seite anquatschen können die von mir aus auch Pferdeäpfel fressen.

07.03.2013
12:45
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von DerBeobachter_WAT | #27

Ich denke es wird schon seinen Grund haben warum mich der Herrgott mit Schneidezähnen in meinem Mund geschaffen hat.

1 Antwort
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von Stadewaeldchen | #27-1

Natürlich wird das einen Grund haben. Versuchen Sie doch mal einen Apfel ohne ebendiese Schneidezähne zu essen. Und dann schauen Sie sich mal die Schneidezähne z.B. bei einem Hund, einer Katze oder bei einem Pferd an. Fällt Ihnen was auf? ;)

07.03.2013
11:13
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von katernicki | #26

Ich bin über den Tierschutz Veganer geworden. Wer meine Hompage www.katernicki.eu besucht, der sieht sofort warum. Unter Rubrik Gesundheit sind Fotos von mir, mit 120 kg früher und 88 kg heute. In 2 Moaten werde ich 70 Jahre alt, mir hat nie etwas weh getan, ich habe noch nie im Wartezimmer gesessen und nicht einen Tag am Arbeitsplatz gefehlt. Auch wenn das keiner glauben kann, ich kann alles beweisen.

07.03.2013
07:57
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von immermehr | #25

Nach Fleisch und Fisch soll es aber schmecken, nicht nach Soja .Komisch nicht war?

06.03.2013
23:55
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von schRuessler | #24

Wenn man sich Kommentare von z.b. shayne durchliest, gewinnt man nicht den Eindruck, dass vegane Ernährung allzu gesund ist.

Wie hat die Menschheit nur Jahrtausende ohne solche Typen überlebt?

06.03.2013
22:31
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von vollgassafari | #23

[von Admin entfernt - Tatsachenbehauptung/bitte Quellen beifügen]

1 Antwort
Warum die vegane Küche immer mehr Anhänger findet
von vollgassafari | #23-1

https://linksunten.indymedia.org/de/node/72599
https://linksunten.indymedia.org/de/node/72599
https://linksunten.indymedia.org/de/node/73181

Aus dem Ressort
Neue Weiche in  Duisburg-Großenbaum - RE2 und RE3 fallen aus
Bahnverkehr
Am Osterwochenende baut die Bahn am Haltepunkt Duisburg-Großenbaum eine neue Weiche ein. Von Samstagfrüh bis Sonntagmittag fallen deshalb die Regionalexpresslinien RE2 und RE3 zwischen Duisburg und Düsseldorf aus. Reisende sollen auf die Linie RE6 ausweichen. Auch die S1 wird umgeleitet.
Tuning-Szene drehte zum "Car-Freitag" in Wattenscheid auf
Car-Freitag
Ob's an der A40-Sperrung lag: Der diesjährige "Car-Freitag" in Bochum-Wattenscheid war auffallend ruhiger als üblich. Für die Polizei war es dennoch ein Groß-Kampftag. Zahlreiche der aufgenotzten Autos wurden aus dem Verkehr gezogen.
Mutige Mülheimerin macht Trickdieben Beine
Zivilcourage
Zwei couragierte Frauen haben Attacken auf ahnungslose Senioren vereitelt. Eine von ihnenist die 27-jährige Derya D. Die junge Mutter verfolgte zwei Trickdiebinnen, bis die Polizei sie festnehmen konnte. Die Senioren wissen vermutlich noch gar nicht, dass sie beinah Opfer geworden wären.
Oster-Tipps — vier große Radtouren durchs Ruhrgebiet
Radfahren
Wenn das Wetter mitspielt, sollte man an Ostern vor allem eins: Raus in den Frühling — die blühende Natur genießen! Wir haben vier große Fahrradtouren durchs Revier zusammengestellt, die sich an den Feiertagen besonders lohnen. Auch für Anfänger geeignet!
Ruhrgebiets-Städte schneiden im Fahrradtest schlecht ab
Radfahren
Radausflug – das Gebot des langen Wochenendes! Aber wie fahrradfreundlich ist das Revier eigentlich? In einem Test des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) schnitten die Ruhrgebietsstädte nicht gut ab. Aber manche gibt sich Mühe, und bald soll vieles besser werden.
Umfrage
Vermutlich wegen einer erhaltenen WhatsApp-Nachricht starb am 17. Februar eine 21-jährige Autofahrerin bei einem Unfall auf der B54 in Herdecke. Lassen Sie sich beim Autofahren vom Handy ablenken?

Vermutlich wegen einer erhaltenen WhatsApp-Nachricht starb am 17. Februar eine 21-jährige Autofahrerin bei einem Unfall auf der B54 in Herdecke. Lassen Sie sich beim Autofahren vom Handy ablenken?

 
Fotos und Videos