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Vom Verlust der Kindheit

13.12.2007 | 21:45 Uhr

BILDUNG. Wegen der Schulzeitverkürzung haben junge Gymnasiasten in NRW oft eine 50-Stunden-Woche. Die Freizeit leidet.

ESSEN. Es ist halb acht abends. Maria* hat Stunden an ihrem Schreibtisch verbracht. Viele Stunden. Erst war da die Mathe-Hausaufgabe - Funktionen berechnen. Dann der Aufsatz in Deutsch. Danach Vokabeln lernen für Englisch und Französisch. Eine halbe Stunde büffeln für den Musiktest. Und schließlich üben für die Mathearbeit. Die ist Montag, und Maria will eine gute Note schreiben. Maria ist zwölf Jahre alt, sie geht in die siebte Klasse eines Essener Gymnasiums. Sie schreibt Einsen und Zweien, nur manchmal eine Drei, und doch macht ihr Schule keinen Spaß. Nicht mehr.

Die vielen Wochenstunden, die die Schulzeitverkürzung auf zwölf Jahre mit sich gebracht hat, und die eng aufeinander folgenden Tests und Klassenarbeiten haben ihr die Lust genommen. "Meine Tochter hat keine Freizeit mehr", beklagt ihre Mutter. "Sie kommt kaum noch dazu, Flöte oder Klavier zu üben oder sich zu verabreden." Vor ein paar Wochen hat sie Maria zum Kinderarzt begleitet. "Totale Überforderung", diagnostizierte er. Das "Burn-out"-Syndrom der Erwachsenen hat längst auch Kinder erfasst.

Unter der Einführung des sogenannten "Turbo-Abis" leiden viele der Fünft-, Sechst- und Siebtklässler in Nordrhein-Westfalen. Die Kinder, die im Sommer 2005 aufs Gymnasium gewechselt sind, sind der erste Jahrgang, der das Abitur nach zwölf statt bisher nach 13 Jahren absolvieren wird. G 8 ("Gymnasium in acht Jahren") läuft in NRW mittlerweile im dritten Jahr. Doch die Kritik bei Schülern und Eltern wird immer lauter.

Einer, der sich ganz besonders aufregt, ist Georg Lembeck. Der Vater einer zwölfjährigen Tochter, die er selbst als "G 8-Versuchskaninchen" bezeichnet, kritisiert, dass bereits Zehnjährige sieben Stunden Unterricht pro Tag haben und manche erst acht Stunden nach dem Frühstück eine warme Mahlzeit bekommen. "Außerdem ist ohne familiäre Mithilfe (zumeist der Mütter) das Mehr an Stoff und Lehrinhalten kaum mehr nachzuarbeiten", meint er. Wenn Kinder aus Migrantenfamilien stammten oder beide Elternteile arbeiteten, ergäben sich daraus gravierende Nachteile für die Kinder. "Welche sozialen Schichten können sich eine gymnasiale Bildung überhaupt noch leisten?", fragt der 45-Jährige.

Der Remscheider hat eine Internetseite ins Netz gestellt, mit der er zum Protest gegen die bisherige Umsetzung von G 8 aufrufen will. Er will nicht akzeptieren, dass seine Tochter Rosa ständig einem solchen Druck ausgesetzt ist und Freundinnen nur noch am Wochenende treffen kann. Doch auch an die Lehrer, die ungefragt (und teilweise äußerst unwillig) die Beschlüsse aus dem Düsseldorfer Ministerium ausführen müssen, denkt er: "Wie mag man einem zehnjährigen Kind in der siebten Stunde noch einen gerafften Lehrinhalt vermitteln?"

Zehnte Klasse zählt zur Oberstufe

Hintergrund: Durch die Schulzeitverkürzung muss der Lernstoff der Klassen fünf bis zehn nun in fünf statt bisher in sechs Jahren abgearbeitet sein, denn die zehnte Klasse zählt fortan bereits zur Oberstufe. Als Folge wurde die Zahl der Wochenstunden ab dem fünften Schuljahr erhöht. Die Kernlehrpläne wurden überarbeitet. Sie traten jedoch erst mit zweijähriger Verspätung zum 1. August 2007 in Kraft.

Die Landesschülervertretung sieht die hohe Wochenstundenzahl in der Unterstufe ebenfalls kritisch. "In dem Alter ist die Persönlichkeitsentwicklung viel wichtiger als fachliche Dinge", ist Landesvorstandsmitglied Horst Wenzel (18) überzeugt. "Es geht zu viel um Wissen und zu wenig um die Entwicklung von Kompetenzen." Sinnvoller sei ein rhythmisierter Ganztagsbetrieb, in den sportliche und musische Angebote integriert sind.

Nachmittagsunterricht oder Betreuung über Mittag

Doch von der Ganztagsschule ist NRW noch weit entfernt. Mit unterschiedlichsten Konzepten versuchen die Gymnasien derweil, die erhöhte Wochenstundenzahl aufzufangen. Mal gibt es eine Übermittagbetreuung mit Mittagessen, mal einen Tag Nachmittagsunterricht pro Woche. Das Schulministerium verteidigt sein G 8-Modell: "Wir haben nicht nur an den Gymnasien, sondern auch an den übrigen weiterführenden Schulen den Unterricht ausgeweitet, um eine bessere Förderung zu ermöglichen", so Schulministerin Barbara Sommer. Bei den neuen Kernlehrplänen sei mancher Stoff komprimiert oder in die Oberstufe verschoben worden, manches sei auch weggefallen, so ein Sprecher des Schulministeriums.

Konkret werden an NRW-Gymnasien 163 Wochenstunden in der Sekundarstufe I (Jahrgang 5 bis 9) und 102 Wochenstunden in der Oberstufe erteilt. In den Klassen fünf bis sechs sind es 30 bis 33, in Klasse neun 32 bis 35 Stunden pro Woche. In der Oberstufe ist im Durchschnitt 34 Wochenstunden Unterricht. (NRZ) * Name geändert Weitere Infos unter:

www.g8-abitur-nrw.de; www. schulministerium.nrw.de

KATRIN MARTENS

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Kommentare
16.12.2007
18:26
Vom Verlust der Kindheit
von C. Lamers | #1

Unser Sohn ist in der 6.Klasse Gymnasium. Der Bericht gibt exakt die Sorgen der Eltern wieder, die ich in diesem Jahr von vielen gehört habe. An unserer Schule sind nicht alle Lehrerstellen besetzt, Englisch-, Mathe-u. Lateinlehrer fehlen. Wie soll es bei gekürzten Wochenstunden ( 3 Std.Mathe pro Woche) den Lehrern möglich sein, mehr Stoff zu vermitteln als bisher? Als Voraussetzung für eine Schulzeitverkürzung sehe ich mehr Lehrpersonal, kleinere Klassen, keine Unterrichtsausfälle. Diese Reform geht zu Lasten der Schüler und Lehrer. Man braucht sich nicht wundern, wenn einige unter dem Druck zusammenbrechen.

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