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Die Zupacker

Birgit Unger - als Unternehmerin im Kohlenpott

16.09.2012 | 15:50 Uhr
Birgit Unger - als Unternehmerin im Kohlenpott
Eine, die über Probleme nicht jammert. Sondern sie anpackt: Birgit Unger, Geschäftsführerin der Essener Veranstaltungs- und Projektagentur RevierA.Foto: Matthias Graben

Essen.   Birgit Unger ist Unternehmerin „in Sachen Unternehmerinnen“. Als Geschäftsführerin der Essener Veranstaltungs- und Projektagentur erfand sie unter anderem den Unternehmerinnentag, das heute deutschlandweit führende Chefinnen-Forum.

Sie trägt eine freche, rote Brille, lässt sich nichts gefallen, und Gleichberechtigung ist ihr ein wichtiges Anliegen. Aber eine „Emanze“ ist Birgit Unger sicher nicht. Vorkämpferin und Vorbild für Frauen im Ruhrgebiet dagegen sehr wohl. Nicht nur weil sie es war, die den „Unternehmerinnentag“ erfand.

Die 50-Jährige ist (zusammen mit zwei Partnerinnen) Geschäftsführerin der „RevierA GmbH“, einer Essener Veranstaltungs- und Projektagentur. Die Firma feiert in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag, organisiert vor allem Fachkongresse und Symposien für die öffentliche Hand, im Oktober etwa den Auftritt des Landes NRW auf der Messe „Reha Care“ in Düsseldorf.

Serien-Start
Die Zupacker im Revier
Die Zupacker im Revier

Das Revier ist sozial geteilt wie früher Berlin politisch. Und nicht nur nördlich des Sozialäquators A 40 wird es in bestimmten Vierteln Besorgnis erregend – perspektivlos. Aktuell in Duisburg-Hochfeld, wo ein türkischer Mittelstand zunehmend lauter klagt gegen zugezogene Rumänen und Bulgaren, von denen viele einfach nur herumhängen. Jedenfalls geht mit den fehlenden Chancen auf Dauer flöten, was das Ruhrgebiet nicht nur ausgemacht, sondern ausgesprochen stark gemacht hat. Die Mentalität und Gewissheit, es aus eigener Stärke und Anstrengung zu einer selbstbestimmten Existenz zu schaffen.

Im Revier liegt das Gute neben dem Schlechten. In Duisburg, in Rheinhausen, brummt die Logistik, wo vor 15 Jahren Arbeiter vergeblich für ihr Stahlwerk stritten. In Dortmund das Technologiezentrum mit jetzt 8500 Beschäftigten, die, dank kluger Stadtpolitik, nebenan auch noch schön wohnen können. In Bottrop das Energie-Vorzeigeprojekt Innovation City, angekurbelt und befeuert von den Unternehmen der Region (und das lange vor der Energiewende der Bundesregierung nach dem Fukushima-Schock). In Bochum entsteht ein Gesundheitszentrum. Neben jeder Misserfolgs-Geschichte steht fast immer auch eine Erfolgsstory. So wird es wohl weiter gehen. Ankommen wird das Revier wohl nie.

Wenn wir als WAZ, als Klammer des Reviers, jetzt in einer Serie zehn Anpackern (wir bitten jene um Entschuldigung, die dieses Mal nicht dabei sein können) Gesicht und Stimme geben, dann wollen wir keine Kuschelgeschichten reportieren. Wer, wie Christel Bienstein, aus den negativen Folgen des demografischen Wandels lebensdienlichen Fortschritt gewinnt, der hat ja deshalb nicht unbedingt ein leichtes Leben. Und für Gustav Dobos war es schon ein heftiger Kampf, bis er in Essen-Steele seine Naturheil-Klinik aufmachen konnte und auch noch von seinen Kollegen dafür anerkannt wurde.

Die Zupacker im Revier sind also ganz sicher keine blinden Optimisten. Aber unverdrossene Lebenspraktiker. Es sind Typen. Typisch für unsere Region. Viel Vergnügen bei der Lektüre.

Birgit Unger kaufte sich 1995 als Gesellschafterin bei RevierA ein. Selbstständige Unternehmerin war die Tochter eines Strickwaren-Wirkers aus Thüringen da „schon immer“. „Kein großer Schritt für mich“, erinnert sie sich, „ich wuchs ja in einem Unternehmer-Haushalt auf.“ Die Familie wohnte sogar über der Strickerei, die im Erdgeschoss des Elternhauses in Kray untergebracht war, das Knopflager war liebster Spielplatz der kleinen Birgit. Tagtäglich erlebte sie, wie der Vater kämpfen musste, aber niemals sagte: Das kann ich nicht. Sie erlebte „Aufs und Abs“, erfuhr aber nie Not daheim. „Mich selbstständig zu machen, machte mir keine Angst“, sagt sie deshalb heute, wohl wissend, dass es anderen anders geht.

Männer machten die Knochenjobs, Frauen den Haushalt

   Ein Studium reizte Unger nie. Sie sei „keine Denkerin, eher der praktische Typ“, käme niemals auf die Idee, für einen kaputten Lichtschalter den Elektriker zu rufen. Nach der Schule entschied sie sich für eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in einem Haushaltswarengeschäft („tolle Zeit“), gefolgt von einer Schriftsetzerlehre („ohne Abschluss“). Anschließend machte sie ein Typographie-Büro auf, übernahm Layout-Aufträge für Frauenprojekte und Gewerkschaften. Mitte 20 war sie da – und stolz darauf Unternehmerin zu sein. Was Unternehmerinnen angehe, sei das Ruhrgebiet, der Kohlenpott mit seiner Bergbaugeschichte, nämlich „Schmuddelkind der Nation“. „Das ist historisch gewachsen. Die Männer machten die Knochenjobs in Zeche und Stahlwerk, die Frauen kümmerten sich um Haushalt und Kinder.“ Bis in die späten 80er-Jahre hinein seien die wenigen Unternehmerinnen, die es hier gegeben habe, zumeist Töchter oder Witwen gewesen, die den Betrieb von Vater oder Ehemann übernommen hatten. Erst später hätten sich Frauen getraut, auch eigene Geschäfts-Ideen zu verwirklichen.

Als Birgit Unger bei RevierA einstieg, war die Unternehmens-Branche noch immer stark männerdominiert. „Es gab damals auch andere Unternehmerinnen wie mich. Aber wir waren vollkommen unsichtbar“, erinnert sich die Essenerin – und beschloss, etwas dagegen zu tun. Weil sie eben lieber handele als jammere und weil sie glaube, dass man für seine Interessen auch eintreten muss. So entstand der erste Frauen-Unternehmen-Branchenführer für das Ruhrgebiet – und die Idee für ein viel größeres Projekt, eines, das Birgit Unger heute „mein Herz-Schmerz-Ding“ nennt, oder: „mein Baby“, „mein Lebenswerk“: der Unternehmerinnentag.

Einmal nur sollten all die Unternehmerinnen des Landes zusammenkommen können, um sich auszutauschen, zu lernen, Geschäfte zu machen, Kontakte zu knüpfen – wie es ihre männlichen Pendants doch seit Jahrzehnten regelmäßig taten. Das Wirtschaftsministerium war rasch begeistert, den „Eichhörnchen-Ratssaal“ im Essener Rathaus mietete Unger 1996 dennoch mit flauem Gefühl im Magen an. Denn: 150 Frauen müssten schon kommen, damit man von einem Erfolg reden könne, war die Ansage. Es kamen: 370, dann war der Saal voll. Angemeldet hatten sich weit mehr.

Warum das Ruhrgebiet selbstständige Frauen braucht

Von 1992 bis 2009 stieg die Zahl der selbstständigen Frauen in NRW um stolze 57,3 Prozent. „Trotzdem“, sagt Birgit Unger, „hat das Ruhrgebiet gegenüber anderen Regionen Deutschlands noch immer viel nachzuholen, was das Unternehmertum von Frauen angehe.“ Diese Aufgabe zu bewältigen, sei für das Gelingen des Strukturwandels und die Zukunft des Reviers elementar. Demografische Entwicklung und Facharbeitermangel würden helfen, dass sich diese Erkenntnis so langsam auch verbreite.

Ihr zweiter Ansatz: Vielfalt braucht Vielfalt! „Alle ernstzunehmenden Forscher betonen, das wirtschaftliche Wachstum ist langsam an sein Ende gelangt. „Höher, schneller, weiter, mehr“ funktioniert nicht länger. Wir müssen offener für Neues, Anderes werden.“ Und Frauen hätten eben andere Blickwinkel, Lebensmodelle und Werte als Männer. Ihre Ideen, ihr Potenzial nicht auszuschöpfen, sei vor diesem Hintergrund also schlichtweg dumm. „Frauen nehmen sich heute ihr Stück vom Kuchen“, behauptet Birgit Unger. „Und alle gewinnen dabei!“

Misserfolge gehören zum Geschäft: Coaching-Gruppe hilft

Heute, 16 Jahre später, ist der Unternehmerinnentag NRW das führende Frauenforum Deutschlands, eines der offiziellen „Leuchtturmprojekte“ des Landes, das es zudem nicht einmal mehr öffentlich fördern muss. Alle zwei Jahre findet die Veranstaltung inzwischen im Gelsenkirchener Wissenschaftspark statt (der nächste am 20. April). Und die Hälfte der regelmäßig an die 700 Teilnehmer kommt von außerhalb des Reviers.

Birgit Unger erzählt stolz diese, ihre Erfolgsgeschichte. Aber sie verschweigt auch die Rückschläge nicht verschämt. Natürlich habe auch sie kämpfen müssen, so manches Mal gehadert, sich über Sturköpfe und verkrustete Strukturen geärgert. „Dann sag ich mir immer, jetzt mach ich einfach doch ‘was anderes. Nägel verkaufen vielleicht. Aber nur zwei Sorten: große und kleine.“ Und ja, natürlich sei auch sie schon grandios gescheitert. „Gar nicht so lange her, übrigens“, gesteht sie selbstbewusst, dass sie bei der Vorbereitung eines Klinikkongresses „in letzter Sekunde“ die Reißleine ziehen musste. „Ich hab gesehen, wir schaffen das nicht, uns fehlt die Erfahrung, und hab den Auftrag abgegeben“, berichtet sie, noch immer froh „mit einem blauen Auge davongekommen zu sein“.

Was ihr hilft, solche Dinge zu verarbeiten, ist ihre „Coaching“-Gruppe: Alle zwei, drei Monate trifft sie sich mit fünf anderen Chefinnen in einem Hotel in Heiligenhaus. „Dann wird den ganzen Tag lang geredet – über unsere Unternehmen, Hürden, Hindernisse, Erfolge und Misserfolge. Absolut unbezahlbar!“

Die kritische Masse: 30 Prozent Frauen in der IHK-Vollversammlung

Dem Ruhrgebiet ist die Essenerin in all den Jahren treu geblieben. Weil sie „unheimlich gern hier lebt“, in diesem „Mekka der Kulturen“. Und wohl auch: weil es hier noch viel zu tun gibt. Unger selbst ist seit 2001 Mitglied in der IHK-Vollversammlung. Fühlt sich dort aber noch viel zu einsam. „Solange wir Frauen in solchen Gremien nicht mindestens 30 Prozent der Posten haben“, betont die Unternehmerin in Sachen Unternehmerinnen, „mache ich weiter. Das ist die kritische Masse.“

Ute Schwarzwald

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