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NSU-Mordserie

Tochter von erstem NSU-Opfer klagt in ihrem Buch an

07.03.2013 | 15:48 Uhr
Semiya Simsek (r.) und Gamze Kubasik, Angehörige von Opfern der Mordserie der terroristischen Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU).Foto: Michael Gottschalk

Nürnberg.   Elf Jahre lang wurde die Familie von Semiya Simsek verdächtigt, den eigenen Vater ermordet zu haben. Bis zum Tag, an dem die beiden Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt tot in einem Wohnmobil aufgefunden wurden. Semiya Simsek hat nun ein Buch geschrieben.

Kann es etwas Schlimmeres geben für ein 14-jähriges Mädchen, als den geliebten Vater sterben zu sehen in seinem Blut? Für Semiya Simsek fing das Grauen damit erst an. Simsek, das ist der Name des ersten Opfers der NSU, von der rechten Terrorzelle erschossen am 9. September 2000. Das weiß man heute. Elf lange Jahre aber suchten die Ermittler den Mörder in der Familie, suchten Antworten bei den Menschen, die doch selbst voller Fragen waren. Und voller Angst.

Die Angst zumindest hat Semiya überwunden, sie hat sie niedergeschrieben im doppelten Wortsinn, zusammen mit ihrer Wut und ihrer Trauer. In einem Buch erzählt die Tochter des Blumenhändlers Enver Simsek (†, 39), wie sie erst den Vater verlor und Jahre später beinahe den Glauben an Deutschland. „Schmerzliche Heimat“ hat sie ihre Geschichte überschrieben; dabei ist sie (Untertitel „Deutschland und der Mord an meinem Vater“) noch nicht zu Ende.

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Nazi-Mord an Vater war für Gamze Kubasik „Stich ins Herz“

Am 4. April 2006 wurde der Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubasik vermutlich von NSU-Nazis brutal ermordet. „Ich möchte, dass sich die Sache zu hundert Prozent aufklärt. Erst dann fängt meine Zukunft an. Dann habe ich endlich Ruhe und kann hoffentlich wieder normal leben“, sagt seine Tochter Gamze.

Dem Vater ist das Buch gewidmet, diesem rechtschaffenen, einfachen Mann, mit dem die Tochter so viel verband. Das eint sie mit der Dortmunderin Gamze Kubasik; die Geschichte Enver Simseks könnte auch die Mehmet Kubasiks sein, Kioskbesitzer, erschossen 2006. Ein Türke, der in Deutschland, „seinem Sehnsuchtsort“, hart schuftet, der sich und seiner Familie etwas aufbaut, das er „ein besseres Leben“ nennt. Richtig inte-griert, sagt Tochter Simsek ehrlich, war er dabei nicht: Er wollte zurück nach Hause, irgendwann. Hier zu leben, „hieß für meinen Vater vor allem: zu arbeiten“. Es wurde zu viel, doch dass Enver Simsek sich zurückzog aus seinem Großhandel, wurde ihm zum Verhängnis: Man tötete ihn, als er selbst an der Straße Blumen verkaufte, wie in den Anfangsjahren.

Jahrelang stand die Familie unter Verdacht

„Neun Schüsse. Raubmord? Ausgeschlossen.“ Der Journalist Peter Schwarz gibt der persönlichen Sicht Semiyas das sachliche Fundament, webt den Hintergrund aus den Polizeiakten, beschreibt das verzweifelte Fahnden nach irgendeiner Erklärung. Die man jahrelang in der Familie vermutet. Die Tochter beschreibt, wie Mutter, Onkel, weitere Verwandte verhört, verdächtigt, bespitzelt werden, wie man sie unter Druck setzt, obwohl sie den Druck kaum selbst aushalten können: Wer hatte etwas gegen den Vater, den Ehemann, „man wird doch nicht einfach umgebracht wegen nichts“. Und: „Wer hatte uns das angetan?“

Gedenkfeier für die Opfer

Erschütternd ist dieses Protokoll der gequälten Hinterbliebenen, die man offensichtlich versucht hat zu brechen, die aber zusammenhalten. Drogenhandel hat man Enver Simsek unterstellt, Mafia-Mitgliedschaft, Schulden, mindestens Ehebruch. „Brutal ermordet worden zu sein“, notiert Semiya, „verwandelte meinen Vater posthum in einen Verdächtigen.“ Die Familie habe „nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein“ dürfen.

Niemand ist da, als weitere Männer derselben Tatwaffe zum Opfer fallen, niemand erklärt etwas, als diese Ceska plötzlich gefunden wird: Von der NSU, vom Neonazi-Trio Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt, erfahren Simseks aus dem Fernsehen. Nach elf „Jahren des Unrechts“, erinnert sich Semiya, inzwischen Pädagogin, sei die Wahrheit zwar „befreiend“ gewesen. Das Unrecht aber fühlte sich danach noch größer an. „Mein Vater musste sterben, weil er schwarze Haare und eine dunklere Haut hatte als seine Nachbarn, weil auf seinem Auto ein nichtdeutscher Name stand.“ Was war das für ein Land, in dem sie geboren war? Für Semiya und ihren Bruder bricht eine zweite Welt zusammen: „Wir wissen nicht genau, was wir von diesem Deutschland halten sollen. . . Ist es meine Heimat?“

Semiya (26) lebt heute in der Türkei, sie wollte sich nicht trennen, sie will weiterhin eine Deutsche sein. Aber sie sucht immer noch Antworten. Ihr Buch, in dem sie ihren Anwälten das Schlusswort überlässt, endet ihrerseits mit einem fast verzweifelten Plädoyer für ein Miteinander. Aus dem zwischen den Zeilen immer noch die Defensive klingt: Als meine sie, Deutsch-Türken wie sie selbst verteidigen zu müssen.

Annika Fischer


Kommentare
10.03.2013
19:03
Tochter von erstem NSU-Opfer klagt in ihrem Buch an
von olafdo | #14

Es ist nun mal so, dass die weit ueberwiegende Anzahl an Morden sogenannte Beziehungstaten sind. Deshalb muss die Polizei auch in der Familie ermitteln, das ist einfach so und auch sicherlich nicht einfach. Darüber darf man sich nicht beklagen.
Ansonsten habe ich ein tiefes Mitgefühl für die Familie des Opfers.


1 Antwort
Tochter von erstem NSU-Opfer klagt in ihrem Buch an
von Rammelstein | #14-1

Zumal entsprechende Hinweise aus den Opferfamilien kamen,
das war für die Ermittlung nicht hilfreich.

10.03.2013
11:47
Tochter von erstem NSU-Opfer klagt in ihrem Buch an
von Malonis | #13

Schlimme Geschichte, klar. Aber eine komische Aussage, wir wissen nicht, was wir von Deutschland halten sollen. Aber nicht Deutschland hat ihren Vater ermordet, und die anderen, sondern Fanatiker, und das sind immer solche von der schlimmsten Sorte. In jedem Land, in jeder Religion.

09.03.2013
08:19
10 Türken von Nazis ermordet @ #11
von K.J.Schmitz | #12

was willst du uns denn mit diesem Sch..-Kommentar sagen, dass du nichts, aber auch garnichts verstanden hast?
Hier geht es um die Unfähigkeit Deutscher Staatsorgane und deren Vorurteile gegen Türken und andere Emigranten.

09.03.2013
01:15
Tochter von erstem NSU-Opfer klagt in ihrem Buch an
von defcon | #11

Da werden 10 Türken von Nazis ermordet. Soweit, so schlecht.
Von den Angehörigen der durch Türken ermordeten deutschenOpfern hört man nichts.
Obwohl die Zahl vermutlich ungleich größer ist. Blaulichtleser wissen das.

08.03.2013
19:43
Kleine Lese- und Rechtschreibhilfe
von txxx666 | #10

Liebe Journalistinnen und Journalisten: die beiden Töchter von NSU-Mordopfern heißen nicht "Simsek und "Kubasik", sondern Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık! #Respekt
http://misanthrope.blogger.de/stories/2218867/

08.03.2013
17:53
Tochter von erstem NSU-Opfer klagt in ihrem Buch an
von silera | #9

Ich bin hin und hergerissen zwischen Mitgefühl , Trauer, aber auch Enttäuschung.
Mein Mitgefühl gehört den Angehörigen, und meine Trauer gehört Ihnen weil bestimmt gute und liebenswerte Menschen durch sinnlose Morde ihr Leben verloren haben. Meine Enttäuschung ist durch die angebliche Aufklärung der Behörden ausgelöst worden, die nicht in der Lage waren und noch immer nicht einsehen wollen welche Fehler hier begangen wurden. Noch immer sind bestimmte Beamte in Rang und Würde und leugnen und belügen die Öffentlichkeit. Teilweise werden Untersuchungen sabotiert und Beweise unterschlagen. Und der Staat ist nicht in der Lage diesem Tun ein Ende zu bereiten. Das ist meine Enttäuschung und auch Wut.

08.03.2013
11:48
Sehr geehrte Frau Şimşek,
von for4her | #8

die Kommentare 1 und 3 und 7 auf dieser Seite — ganz abgesehen vom Abgrund der offen gelegten Gesinnung möchte man allein der demonstrierten Herzlosigkeit halber sie nie gelesen haben! — reichten für sich schon als Motiv, nicht mehr mit ihren Verfassern einen Wohnsitz zu teilen. Ich möchte Ihnen dennoch versichern, dass diese lediglich eine kleine, wenn auch laute Minderheit bilden. Und dass es eine größere Minderheit gibt, die mit Ihnen Trauer um Ihren Vater und um die anderen Opfer einer völkischen Mordbande empfindet, und Scham über Sicherheitsorgane dieses Staates, in denen latenter Rassismus und allgemeine Indolenz sich in pietätloser Unfähigkeit ausleben konnten. Und dass viele sich dafür einsetzen werden, dass solches in Zukunft nicht mehr möglich sein wird und Sie dort leben können, wo Sie zu Hause sind.

Klaus Marquardt

08.03.2013
11:12
Tochter von erstem NSU-Opfer klagt in ihrem Buch an
von Futabakai | #7

Ich glaube, ich schreibe jetzt auch mal ein Buch. Zwei Titel sind dabei leider schon vergeben!!!

2 Antworten
Tochter von erstem NSU-Opfer klagt in ihrem Buch an
von mellow | #7-1

Konkret? Komm, sach schon...

Tochter von erstem NSU-Opfer klagt in ihrem Buch an
von misterjones | #7-2

Wahrscheinlich "Mein Krampf" und "Kein Mampf".

08.03.2013
11:10
Tochter von erstem NSU-Opfer klagt in ihrem Buch an
von mansgruf | #6

Man muss sich nur mit der Entstehungsgeschichte der BRD beschäftigen, dann weiss man warum....

08.03.2013
10:30
@Ismet
von The_Rebel | #5

Es wird ja nicht bestritten, was bis 1945 passiert ist, aber die heute lebenden und handelnden Personen sind daran weder beteiligt noch schuld gewesen. Insofern müssen sie sich auch nicht mehr rechtfertigen. Was unter den Umständen möglich war und ist, wird durch die BRD gemacht, aber dann muss auch gut sein mit der "ewigen" Täterrolle. Was in dem konkreten Fall passiert ist, ist für die Familie schlimm, vielleicht sind auch Fehler gemacht worden -kommt vor bei Menschen, aber die Umstände sind bestimmt auch nicht einfach, wenn ethnische Gruppen aufeinander stoßen, die alle ihre persönliche Ansicht und Kultur haben und leben.

1 Antwort
@The_Rebel
von Ismet | #5-1

Vielen Dank das Sie mir Teilweise zustimmen. Es braucht sich bzgl. des Genozids keiner mehr Rechtfertigen, das streite ich ja auch nicht ab.

Es gibt nur etwas, was mich hier am meisten stört. Bevor ich dazu komme muss ich eine Frage stellen: wir leben doch in einem Rechtsstaat?

Jetzt dazu was mich stört:
es wird niemand, Ich wiederhole, niemand von denen die die "Ermittlungspannen" verursacht haben, irgendwie rechtsstaatlich belangt werden. Da verwette ich mein Glauben an Deutschland (zur Info, bin Migrant in 2. Generation) und dem Recht, das immer wieder proklamiert wird, dass es diesen hier gibt.

Was hatten die Entscheidungsträger zu verheimlichen? Auf einmal war es keiner gewesen der Informationen in den Schredder jagte. Die Aufklärung bei Morden ist in Deutschland erfreulich hoch. Nur hier wird jemand zusätzlich zum Bauernopfer gemacht (Frau Zschäpe ist bestimmt nicht ganz unschuldig!).
Aber egal, ich liebe Deutschland. Weil es meine Heimat ist!

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