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Schienenkartell

Stahlharte Geschäfte im Rotlicht

10.09.2012 | 19:30 Uhr
Stahlharte Geschäfte im Rotlicht
In Erotik-Clubs in Berlin, Ratingen und Münster trafen sich die Mitglieder des Schienenkartells.Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool

Essen.   Die Mitglieder des Schienenkartells ließen sich offenbar "bewirten": Der Stahlkonzern Voestalpine zahlte nach WAZ-Recherchen für 35 Bordellbesuche. Zu den Besuchen sollen sowohl Mitglieder des Kartells als auch Kunden eingeladen gewesen sein.

Im Geschäft mit Bahnschienen wurde das geschäftliche Wohlbefinden gerne mit dem körperlichen in Einklang gebracht. Gespräche über den Verkauf von Stahl endeten nicht selten in Erotik-Clubs, wie Recherchen dieser Zeitung ergeben haben. Eingeladen zu den Treffen waren Vertreter eines Kartells rund um Tochterfirmen der beiden Stahlkonzerne Thyssen Krupp und Voestalpine. Ihr Ziel: überteuerte Schienen an die Deutsche Bahn oder an kommunale Verkehrsunternehmen zu verhökern. Teilweise war das Kartell bis Anfang 2011 aktiv. Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt.

Das Schienenkartell gab sich alle Mühe, im Geheimen zu agieren. Die verschworene Gemeinschaft vermied Notizen und klärte das Wichtigste nur von Angesicht zu Angesicht. Die Namen der Beteiligten wurden in den wenigen vorhandenen Emails verschleiert: Da war die Rede vom „schönen Klaus“, von „Schnuffi“ oder vom „Nuttenprinz“. Der verdankte seine Tarnung einer besonderen Vorliebe, zu deren Befriedigung er gerne Mitglieder des Kartells und auch Kunden eingeladen haben soll.

Illegale Preisabsprachen

Brisant werden die Besuche in Freudenhäusern vor allem durch die kriminellen Handlungen des Schienenkartells. Wie aus Unterlagen hervorgeht, die dieser Zeitung vorliegen, nahmen der „Nuttenprinz“ und Kollegen im Namen der Konzerne Voestalpine und Thyssen Krupp nahezu alle kommunalen Verkehrsunternehmen im Bundesgebiet mit illegalen Preisabsprachen aus. Im Vertriebsbereich West sollen den Angaben zufolge unter Führung der Thyssen-Krupp-Tochter GfT besonders Unternehmen wie die Essener Verkehrsbetriebe und die Düsseldorfer Rheinbahn AG illegal abgeschöpft worden sein. Wie aus vorliegenden Ermittlungsunterlagen hervorgeht, reichen die Absprachen „wahrscheinlich“ bis ins Jahr 1986 zurück.

Meldung
Bundesweites Schienenkartell kassierte auch bei Städten ab

Ein Kartell europäischer Stahlkonzerne hat Jahre lang kommunale Verkehrsbetriebe ausgenommen. Es geht um Preisabsprachen bei Schienen, wie sie bis dato bereits der Bahn einen Millionenschaden beschert haben. Essener Verkehrsbetriebe und Rheinbahn sind betroffen.

Illegale Preisabsprachen mit Kommunalbetrieben konnten in allen Bereichen Deutschlands nachgewiesen werden. Sollten auch Einkäufer der Kommunalbetriebe bei den Bordellbesuchen dabei gewesen sein, wie es mehreren Teilnehmer dieser Runden behaupten, könnte dies als Korruption gewertet werden. Der „Nuttenprinz“ selber bestreitet diesen Eindruck. Zwar sei bei diesen „Geschäftsessen“ in aller Regel auch über „Geschäftliches“ gesprochen worden – doch längst nicht bei allen Treffen. Voestalpine sagte, die Belege könnten auch gefälscht sein, so dass die angegebenen Teilnehmer gar nicht mit im Bordell waren.

Doch nicht nur kommunale Betriebe wurden vom Kartell ausgenommen. Auch nahezu alle Infrastrukturprojekte der Bahn im Rahmen der Deutschen Einheit und beim Ausbau der Hochgeschwindigkeitstrassen gerieten ins Visier des Kartells. Besonders die ICE-Strecke Köln-Frankfurt hatte demnach zu leiden. Hier wurden die Schienen über Bauunternehmer angeliefert, die beim Kartell einkauft en. Angeblich wurden die technischen Anforderungen an die Schienen in den Ausschreibungen mit Bahnangestellten vorab so vereinbart, dass nur das Kartell als Lieferant in Frage kam.

Weil das Kartell in diesen Bereichen seine überteuerten Schienen meist nicht direkt an die Kommunalbetriebe oder an die Deutsche Bahn verkaufte, sondern in der Regel über zwischengeschaltete Baufirmen, laufen die Absprachen in diesem Sektor unter dem Titel „Privatmarkt“ – auch wenn Steuerzahler die Schienen am Ende bezahlten. Der österreichische Konzern Voestalpine und Thyssen Krupp wollten sich wegen laufender Ermittlungen nicht zur Causa äußern.

Rechnungen für mehr als 71. 000 Euro

Insgesamt konnten allein dem „Nuttenprinz“ 35 Bordellbesuche nachgewiesen werden, die er als „Bewirtungen“ über eine Tochterfirma von Voestalpine abrechnete. Als eingeladene Gäste gab er Kunden oder Geschäftspartner seines Unternehmens an. Bevorzugt suchte der Prinz samt Anhang den Berliner Erotik-Club „Bel Ami“ auf.

Hintergrund
Millionenstrafen gegen Schienenkartell verhängt

Das Bundeskartellamt verhängt hohe Geldbußen gegen Mitglieder eines Schienenkartells. Allein Thyssen-Krupp muss 103 Millionen Euro zahlen. Das Kartell der Stahlkonzerne hatte sich bei den Preisen für Schienenlieferungen an die Deutsche Bahn abgesprochen.

Die Quittungen dazu wurden in der Regel anonym von einer „Gastronomiebetriebs GmbH“ ausgestellt. Dazu gab es Bordellbesuche in Ratingen und in Münster. Insgesamt reichte der „Nuttenprinz“ Rechnungen im Wert von 71.276,24 Euro netto weiter. Die Voestalpine prüfte die Belege und erstattete die Kosten. Die Ausgaben wurden weder bei einer Steuer- noch bei einer Bilanzprüfung beanstandet.

Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte der Mann, er habe die „entsprechenden Bewirtungsbelege“ über Jahre nach den „hausüblichen Vorschriften“ unbeanstandet abgerechnet. Voestalpine erklärte, die Abrechnungen seien erst spät aufgefallen und dann moniert worden. Es entspreche nicht dem Verhaltenskodex des Unternehmens, Bordelle abzurechnen. Der „Nuttenprinz“ sei nach seiner Entlassung zur Erstattung der Bordellbesuche gezwungen worden.

David Schraven



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